Wie wird die Musikbranche weniger diskriminierend? "Es braucht Quoten. Oder die Apokalypse."

Die Musikbranche wird ihrem progressiven Image nicht gerecht, im Kern ist das Musikbusiness immer noch ein White Boys' Club. Wie kann sich das ändern?

Lizzo, Beyoncé und in Deutschland Shirin David: Musik hat ein progressives Image. Tatsächlich aber sind Labelbosse immer noch weiß und männlich, diskriminierte Menschen noch lange nicht in Machtpositionen.

Auch wenn die Bühne divers wirkt - das Problem liegt oft dahinter, abseits der Bühne in subtilen Signalen, fehlenden Vorbildern und zu wenig Diversität in Machtpositionen. Das zeigt unter anderem eine Erhebung von GEMA und PULS. In der Datenanalyse wurden die Urheber*innen jener 100 Songs erhoben, die von 2001 bis 2015 die meisten Ausschüttungen aus Radioplays erhalten haben. Urheber*innen heißt: Da geht es um jene Menschen, die hinter der Bühne arbeiten und nicht draufstehen. Das Ergebnis: Insgesamt gab es in dem Zeitraum 8.616 männliche und 1.107 weibliche Urheber*innen, das macht einen weiblichen Anteil von nur 11 Prozent.

Und Zahlen wie diese zeigen nur eine Form der strukturellen Diskriminierung: Sexismus. Dabei muss die Diskussion noch viel weiter gehen, intersektionaler werden. Diskriminierung ist vielschichtig. Neben Sexismus müssen wir auch die Debatte über Rassismus führen. Über Klassenzugehörigkeit, über Alter, über Behinderungen.

Houwaida Goulliist Physikerin, Künstlerin und Head of Product bei dem Independent Musikvertrieb recordJet. Sie ist eine der wenigen Women of Color, die in einer Führungsposition in der Musikindustrie tätig ist und sie ist vor allem eine, die was verändern will und sich aktiv für mehr Gerechtigkeit einsetzt.

Houwaida Goulli

Die Musikindustrie ist immer noch weiß und männlich. Wie kann sich das ändern?

Wenn ich das wüsste! Aber von vorne: Ich bin froh darüber, dass dieser Diskurs mittlerweile im Mainstream angekommen ist. Denn über Jahrzehnte war's ja so: Bullshit! Sexismus und Rassismus gibt's nicht, haben wir nicht in Deutschland.

Und wir sind jetzt zwar schon weiter, aber immer noch an einem Punkt, an dem man immer und immer wieder darüber sprechen muss. Laut sein muss. Indem man das den Leuten ins Gesicht sagt. In dem man sich mit Minderheiten solidarisiert.

In der Praxis bleibt dann trotzdem noch die Frage: Wie kommen wir an diese Menschen ran? Ich merke das, wenn wir Stellen ausschreiben: Wir schreiben immer dazu, dass wir mehrfach diskriminierte Menschen motivieren möchten, sich zu bewerben, aber wie erreicht die Ausschreibung diese Menschen? Minderheiten wurden über Jahrzehnte strukturell ausgeschlossen.Das Problem sitzt gesellschaftlich also viel tiefer und darauf immer und immer wieder aufmerksam zu machen und diese Strukturen zu erkennen und zu ändern, sehe ich als gesellschaftliche Pflicht von jedem*r.

Wie sinnvoll empfindest du Quotenregelungen?

Ich war früher dagegen, weil ich mir immer dachte:Das muss die Gesellschaft allein schaffen. Haben wir aber bisher nicht geschafft. Deswegen find' ich Quoten jetzt super. Anders funktioniert's anscheinend nicht. Wer rückt denn sonst immer in die Machtpositionen nach? Da schlägt dann der eine weiße Typ den weißen Bro von seinem weißen Bro vor. Die Machtstrukturen bleiben gleich. Es profitieren immer die gleichen Menschen davon. Fazit: Es ändert sich nichts.

Es braucht Quoten und intersektionales Denken - das ist der einzige Lösungsansatz, den ich sehe. Oder die Apokalypse, ein Asteroid oder so, aber das ist ja auch nicht lustig. (lacht)

Wer strukturell etwas ändern möchte, der*die muss erstmal in eine Machtposition kommen. Muss man sich also eine gewisse Zeit dem System beugen, um dorthin zu kommen?

Ich würde das nicht so negativ behaften, weil: Es ist kein Beugen, es ist ein tatsächliches Überleben. Für mich ist das ein Unterschied. Um an diese Machtposition zu kommen, gibt es keine andere Möglichkeit. Du hast keine andere Wahl – außer alles zu boykottieren und zu sagen: Ich mach da nicht mit. Und dann kommst du so leider nicht weiter. Bzw. es ist ein mühsamer Prozess. Wie meine Freundin und die wunderbare Autorin Mateja Medet immer sagt: Wir müssen das System von Innen hacken.

Eine Frage bleibt dennoch im Raum: Ob man im Endeffekt dann auch für Veränderung sorgt, wenn man es dorthin geschafft hat. Das ist die große Hoffnung. Die meisten Frauen of Color, die ich kenne, die machen das. Die eröffnen Räume für marginalisierte Menschen. Die reden den ganzen Tag von nichts anderem und diese emotionale Arbeit ist ja auch wahnsinnig anstrengend. Ich merke selbst, wie ausgelaugt ich bin nach solchen Gesprächen, in denen man zum 1000ten Male die gleiche Dinge sagt. Man muss dann auch die eigenen Grenzen finden und sich fragen: Wie oft und wie lange kann ich das machen? Das kann nur jede Person für sich entscheiden.

Und dann gibt es die Leute, die sobald sie in einer Machtposition sind, die Probleme gar nicht mehr sehen wollen. Weil es bequem ist. Weil man plötzlich dazugehört. Wo es dann passieren kann, dass sich die Person denkt: Ich hab's ja auch geschafft! Das ist der Beweis, dass es jede*r schaffen kann. Oft kommen dann ebensolche neoliberalen Gedanken und Argumente, dass man Rassismus auf einer individuellen Ebene überwinden könnte. Dass das nur was mit der eigenen Kraft zu tun hätte - und das ist scheiße, legitimiert Powerstrukturen und lenkt vom eigentlichen Diskurs ab.

Gerade in der Musikbranche scheint diese neoliberale Motivationsspruch-Kultur stark ausgeprägt zu sein. Oft wird damit argumentiert, dass heutzutage schließlich jede*r Musik ins Internet stellen und dadurch jede*r einen Durchbruch haben könne. Ganz nach dem Motto "Du musst nur fest an dich glauben und hart arbeiten und dann kannst du alles schaffen." Täuscht dieser Eindruck?

Diese neoliberalen Denkstrukturen gibt's natürlich in der Musikbranche.Meinen Lieblingssatz in dem Zusammenhang "Make the best version out of yourself" empfinde ich als absoluten Hohn. Wenn ich das höre, denk ich mir immer nur: Denkt doch mal nach, Habibis! Das ist am Ende nicht nur pseudo-spiritueller Schwachsinn, es ist höchstneoliberal und gefährlich.

Die Musikbranche hat dank Größen wie Beyoncé oder Lizzo ein progressives Image. Gleichzeitig sind Lyrics – besonders im Rap – oft sexistisch und es wird diskutiert, ob man Kunst von Künstler*in trennen sollte.

Oh, Deutschrap ist mein Lieblingsthema! (lacht) Ich differenziere da ganz klar: Als Beispiel etwa Haftbefehl (Anm.: bürgerlich Aykut Anhan; Rapper). Er ist der einzige Kanacke, der's in die Feuilletons geschafft hat. Er ist ein wahnsinnig guter Rapper. Und: Er ist immer wieder sexistisch. Gleichzeitig ist er aber so wichtig und empowerened für die Kids auf der Straße. Besonders für Kinder von Arbeitsmigrant*innen. Das führt natürlich zu einem Dilemma: Auf der einen Seite ist er wahnsinnig empowernd, weil er ein Rolemodel ist für eine Generation von jungen Menschen, die sehr oft von der Gesellschaft ignoriert werden und auf der anderen Seite schreibt er sexistische Texte. Soll man ihn verbannen? Nein. Soll man einen Diskurs führen? Ja.

Ich unterscheide, woher sexistische Texte kommen, was der Background ist. Klasse spielt da eine große Rolle: Wenn du jemanden hast, der einen "biodeutschen" Background hat, auf eine deutsche Schule gegangen ist, dessen Eltern oder auch nur Mutter oder Vater perfektes Deutsch gesprochen haben - das kannst du nicht vergleichen mit jemandem, der Außenseiter war, weil er vielleicht die Sprache nicht gut konnte. Dessen Eltern ein gebrochenes Deutsch sprechen und oft bei Lehrern deswegen nicht Ernst genommen wurden. Da ist ein Unterschied, da muss man genauer hinschauen und fragen: Was hat das mit unserer Gesellschaft zu tun? Jemanden mit einem anderen kulturellen Background zu canceln, weil er womöglich sexistisch ist und dabei nicht zu hinterfragen, woher diese Strukturen kommen, find' ich schwierig. Was aber nicht bedeutet, dass man den Rotzlöffeln keine Ansagen machen sollte oder es so stehen bleiben lassen sollte. Nur fände ich es sinnvoller die Mittel zu hinterfragen und Methoden zu entwickeln an solche Jungs oder Männer früh heranzutreten.

Tut sich bei diesen Diskursen was? Kommen wir voran?

Natürlich! Vor 10 Jahren waren die Gespräche noch auf einem ganz anderen Niveau, da war auch mein Mindset noch ein anderes. Ich bin von diesen patriarchalen und rassistischen Strukturen ja auch nicht befreit, mir war ganz Vieles lange nicht bewusst. Es hat gedauert, bis ich bemerkt habe: Es ist nicht meine Schuld. Das bin nicht ich, es kommt von außen. Das ist ein System und es heißt Rassismus und davonbekomme ich Herzrasen und Beklemmungen.

Aber es hat sich auch im Diskurs was getan. Es gibt eine viel größere Awareness bei weißen Menschen.Und ich bin voller Hoffnung, weil Minderheiten lauter und selbstbewusster geworden sind, wir mehr weiße Allys gewonnen haben und alle sich mehr vernetzen. Als weißer Cis-Mann heute in einer Rassismus-Debatte immer noch zu sagen: Oh, das wusste ich nicht! Das kann man einfach nicht mehr bringen. Das Thema ist überall. Da muss man schon hart ignorant sein, um das zu übersehen oder zu überhören. Auf der anderen Seite ist auch der Backlash viel krasser geworden.

Gleichzeitig gibt’s immer noch Momente, in denen man das Gefühl hat, es würde sich gar nichts bewegen. Kürzlich gab es eine Debatte darüber, dass auf dem Cover des deutschen Rolling Stones Magazins in den letzten 20 Jahren nur alte, weiße Männer waren. Wo setzt man da an, wenn jegliches Verständnis für Feminismus und Anti-Rassismus fehlt?

Ich habe auch keine Lösung für alles. Aber praktisch könnte man einiges verändern. Indem Unternehmen z.B. Awareness-Workshops und oder Critical Whiteness-Kurse als Fortbildungsangebot ihren Mitarbeiter*innen zur Verfügung stellen oder sogar als Pflichtprogramm anbieten. Denn zu erwarten, dass die Menschen die unter diesen Strukturen leiden, das einem erklären ist sehr ignorant und führt nur zu noch mehr Überforderung bei selbigen. Das ist so wie, wenn man geschlagen wird und dann auch noch dazu aufgefordert wird zu erklären, warum man geschlagen wurde. Ich habe für mich jedenfalls beschlossen: Ich korrigiere weiße Menschen nicht mehr, darauf habe ich keinen Bock. Manchmal gebe ich Denkimpulse, aber ich belehre nicht. Und wenn sie unser Expert*innenwissen haben wollen, dann müssen weiße Menschen dafür bezahlen.

Im Falle von Rolling Stones ... Wo fängt man da an, was entgegnet man? Das ist nicht zeitgemäß und vor allem auch einfach nur unfassbar peinlich. Ich frage mich: Was haben die denn so viel Angst vor Frauen?Vor allem vor BIPOC Frauen? Ich glaube da muss man gar nicht viel entgegen bringen. Außer vielleicht auslachen. Wäre vielleicht überhaupt eine gute Idee: Unreflektierte weiße Cis-Männer einfach immer nur auszulachen. (lacht)

 

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