US-Psychologin meint, dass Eltern Kinder nicht auf den Mund küssen sollten

Wenn Eltern ihre Kinder auf den Mund küssen, habe das eine sexuelle Komponente und würde Kinder verwirren, meint US-Psychologin Charlotte Reznick. Österreichische Expertinnen sehen das jedoch anders und geben Tipps für Eltern.

Ein Vater gibt seiner 6-jährigen Tochter ein Bussi auf den Mund – eine Szene, die auf den ersten Blick normal erscheint. Nicht so für die US-Kinderpsychologin Dr. Charlotte Reznick. Sie sorgt derzeit mit dem Sager für Aufsehen, dass der elterliche Lippenkuss „zu sexuell“ sei und für „Verwirrung“ bei den Kindern sorge. Auf dem Mütter-Blog The Stir gibt sie als Beispiel an, dass die 6-Jährige, die von ihrem Vater einen Schmatzer auf den Mund gedrückt bekommt, das Gleiche bei Schulfreunden machen könnte – das würde dann aber als Belästigung aufgefasst werden, so Reznick.

„Wenn ein Kind vier, fünf, sechs Jahre alt wird, dann fängt das sexuelle Bewusstsein an, und dann kann der Kuss sexuell stimulierend sein“, wird die Psychologin weiter zitiert.

Aufregung bei Eltern

Dieser Sager löste eine heftige Debatte im Internet aus. Ein Vater schreibt: „Für mich ist das ein Zeichen von Liebe und Zuneigung.“ Eine Mutter meint: „Ich küsse meine Kinder immer auf die Lippen. Die Kinderheutzutage werden sowieso zu viel vernachlässigt.“

Andere wiederum sind gegen den Lippenkuss der Eltern: „Wenn Eltern ihre Kinder auf die Lippen küssen, möchte ich am liebsten kotzen“, kommentiert eine junge Frau auf Twitter diese Form der elterlichen Zuneigung. Eine andere sagt: „Ich bin froh, dass das meine Eltern nie gemacht haben.“

Die Grenzen kennen

Ist der Lippenkuss nun okay oder nicht? Expertin Katharina Weiner, Leiterin des „familylab“ und Familienberaterin, sagt: „Eine pauschale Antwort gibt es meines Erachtens auf diese Frage nicht.“ Sie rät allen Eltern daher, über Folgendes nachzudenken: Wie erleben Kinder die Zuneigung Ihrer Eltern? In welcher Form findet diese ihren Ausdruck? Umarmen sie sich, küssen sie sich, gibt es Geschenke, liebevolle Worte? Fühlen sich alle Familienmitglieder gesehen und geliebt?

Außerdem: Werden Grenzen (emotionale, wie körperliche) gegenseitig, sowohl Erwachsenen als auch Kindern gegenüber, wahrgenommen und respektiert? Als typisches Beispiel nennt die Familienberaterin die Situation: "Bekomm ich gar kein Bussi?", wenn die Oma zu Besuch kommt. Wird das Kind ständig dazu ermutigt, Verwandte gegen seinen Willen – Kopf wegdrehen, Gesicht verziehen – zu küssen, so verliert es mit der Zeit sein Selbstgefühl, auf das es sich sein Leben lang verlassen sollte. „Kinder werden mit vielen Kompetenzen geboren – was ihnen fehlt, ist die Erfahrung und der Umgang damit. Es braucht deshalb die Erwachsenen und Eltern, die es einfühlsam und wertschätzend begleiten“, sagt die Familienberaterin.

Drittens sollten sich Eltern fragen: Wie wird in der Familie mit dem Thema Sexualität umgegangen? Die Expertin sagt: „Wird darüber offen gesprochen, auch über die Gedanken der Kinder dazu, so sind Eltern gut gerüstet, Fragen zum Thema Küssen auch im sexuellen Zusammenhang altersgerecht und feinfühlig zu beantworten.“

Mit diesen Beobachtungen falle es den Eltern leichter die Entwicklungen des Kindes zu begleiten und seine Integrität zu schützen. „So kann es durchaus passieren, dass es mir als Mutter/Vater ab einem gewissen Alter meines Kindes als unangenehm erscheint, es auf die Lippen zu küssen. Hier kann ganz klar formuliert werden: Ich mag das nicht mehr, es fühlt sich nicht mehr gut an“, sagt die Beraterin.

Kinderpsychologin: „Es ist nicht sexuell erregend“

Auch Kinderpsychologin Claudia Rupp meint: „Es ist für Kinder nicht sexuell erregend oder verwirrend von Eltern auf den Mund 'geküsst' zu werden, wenn Ihnen das von klein auf vertraut ist und seitens der Eltern damit nur Zuneigung und KEIN sexuelles Gefühl oder sexualisiertes Interesse dabei mit transportiert wird. So gesehen sollten Eltern, die von sich aus 'ein komisches Gefühl' dabei haben, ihre – vielleicht mittlerweile größer gewordenen – Kinder auf den Mund zu küssen, dies von sich aus lassen.“

Sie betont, dass viele Kinder irgendwann in das Alter kommen, wo sie 'Bussis auf den Mund/die Lippen' von sich aus nicht mehr wollen. Auf solche Zeichen der Abwehr, die je nach Persönlichkeit, Temperament und Alter des Kindes sehr unterschiedlich gesetzt werden können, sollten Eltern sehr sensibel und akzeptierend reagieren, rät die Psychologin.

Zwischen Bussi und Kuss unterscheiden

Für Kinder sei es auch wichtig, dass Eltern sprachlich zwischen ,Bussi geben‘ und ,Küssen/Schmusen‘ unterscheiden und Kindern klar vermitteln, dass 'Bussi geben' unter gleichaltrigen FreundInnen, unter Kindern und zwischen Kindern und Erwachsenen okay ist, aber 'Küssen/Schmusen' – im Sinne von Zungenküssen – nur etwas für 'Große' – Erwachsene oder Jugendliche untereinander, die sich sehr gern haben.

In ihrer Praxis ist die Kinderpsychologin immer wieder mit Fragen von Eltern zum Thema Erziehung und Umgang mit Grenzen befasst. „Besonders im Bereich Körperlichkeit und Nacktheit ist es für Kinder sehr wichtig, dass Eltern Grenzen wahren“, sagt sie. Was als ,normal‘ gilt, sei individuell und kulturell sehr unterschiedlich. Claudia Rupp sagt: „Eine meiner Aufgaben als Psychologin und Therapeutin sehe ich oft darin, Eltern für – altersentsprechend ganz 'normale' – aufkeimende Schamgefühle und erste Abgrenzungsversuche bei ihren Kindern zu sensibilisieren und hellhörig zu machen und diese nicht als Ablehnung ihrer Kinder, sondern als wichtigen Entwicklungsschritt, der wie alle anderen unterstützt und gefördert werden soll, zu sehen.“

So sollte beispielsweise der 10-jährige Sohn, der auf Schullandwoche fährt und nicht von den Eltern vor seinen Freunden abgebusselt werden möchte, dies auch dürfen. Andererseits könne es, so die Psychologin, aber auch vorkommen, dass die 17-jährige Tochter, die gerade Liebeskummer hat, sich zu ihrer Mutter ins Bett kuscheln und gehalten werden will. Dann sollte sie natürlich nicht zurückgewiesen werden – „auch wenn sie sonst noch so 'cool' und 'ach schon so erwachsen' ist und weder Mamas Ratschläge noch ihre 'Abschiedsbussis' mag“, so Rupp.

 

Aktuell