Showtime, Honey: Wenn jeder Beziehungsmeilenstein zum Event wird

Stichwort "Eventisierung“: Egal, ob Antrag, Baby Shower oder Gender Reveal Party – traditionelle Meilensteine in Paarbeziehungen werden immer öfter von Profis organisiert und groß auf Social Media geteilt. Was macht das mit der Liebe?

Frau bekommt Heiratsantrag

Die große Liebe beruht manchmal auf akribischem Timing. Wenn Linda Hollnbuchners Kund*innen nervös werden, trägt sie deshalb oft ein Headset, um alles zu koordinieren. Rund 100 Schauspieler*innen warten diesen Sommer in einem Restaurant auf ihren Einsatz. Als ein Mann an einem Tisch, an dem auch seine Freundin sitzt, zum Toast anhebt, lassen sie das Besteck fallen und verlassen den Raum. Auftritt Kellner: Er bringt eine Servierglocke an den Tisch des Paares, darunter ist ein Ring. Damit auch wirklich alles so funktioniert wie in der Filmszene, die er sich für den Heiratsantrag ausgesucht hat, hat der Bräutigam die Hochzeitsplanerin Linda Hollnbuchner engagiert.

Der perfekte Antrag

Neben Hochzeiten auch die Anträge professionell planen zu lassen liegt im Trend, sagt Österreichs Interessensverband der Wedding Planner, der Fachverband der Freizeitbetriebe in der WKO. Wer auf YouTube nach "spektakulären" oder "schönen" Heiratsanträgen sucht, stößt auf zahlreiche Videos, in denen Männer für ihren Kniefall die große Bühne suchen – vor dem Stephansdom, im Kino oder am Steirischen Bauernbundball. Im Oktober bat einer der Kandidaten der deutschen Castingshow The Voice of Germany nach seinem Auftritt seine Freundin auf die Bühne, kniete nieder und zog einen Ring hervor.

Auch die Babyparty wird zum Großereignis

Aber nicht nur Heiratsanträge werden spektakulärer. "Es ist eine zunehmende öffentliche Inszenierung, Eventisierung und Vermarktung von traditionellen Meilensteinen in Paarbeziehungen zu beobachten", sagt die Soziologin Laura Wiesböck, die an der Universität Wien zur gesellschaftlichen Bedeutung von Liebe und Partnerschaft lehrt. Auch für Schwangerschaften gibt es inzwischen Events: Werdende Mütter werden bei Baby Showers oder Babypartys mit Geschenken für sich und das Kind überhäuft, auf Gender Reveal Partys wird die Verkündung des Geschlechts des Ungeborenen gefeiert - meist mit passender Deko in Rosa oder Blau. Und erst kürzlich ging das Video einer Geburt viral: Der Amerikaner Kendall Carver überrascht darin seine gebärende Freundin mit motivierenden Nachrichten, die er auf Poster geschrieben hat. Woher kommt die Lust am Spektakel? Und was heißt das für die Liebe?

Pinterest und Instagram als Inspirationsquelle

Linda Hollnbuchner ist seit 15 Jahren Hochzeitsplanerin. Ihre Agentur war die erste, die die professionelle Planung von Hochzeiten in Wien anbot; ebenso lange schon kann man Hollnbuchners Services für Anträge buchen. "Das ist erst in den vergangenen Jahren richtig relevant geworden", sagt sie. "Heute heißt es fast schon: Wer nur mehr auf die Knie geht, gilt als fad." Auf Instagram und Pinterest finden sich zahlreiche Posts zu Hochzeiten. Nicht selten kommen Hollnbuchners Kund*innen mit solchen Bildern als Inspiration für Dekoration oder Blumenarrangements, oder sie nehmen bei Filmen Anleihe für ihre Anträge. "Filme, Serien, Fernsehen und Zeitschriften liefern uns klare visuelle Ideen von Romantik", sagt Wiesböck. Dass ursprünglich intime Akte wie Heiratsanträge nun öffentlich stattfinden, sei kein Zufall, sondern: "Hier werden massenmediale Bilder nachgeahmt."

Romantik als Protest

Nicht immer sah Liebe so aus. Romantische Liebe, wie wir sie kennen, ist ein relativ junges Phänomen. Sie entstand Ende des 18. Jahrhunderts und war in ihren Anfängen eigentlich Protest. "Das, was wir heute Romantik nennen, war eine Protestbewegung gegen die Koppelung von Geld und Liebe", sagt der Psychologe Rolf Haubl, der am Sigmund Freud Institut in Frankfurt am Main lange zur romantischen Liebe forschte. Wer im Adel heiratete, tat das aus vielen Gründen: für Land, Status oder Geld – Gefühle aber spielten keine Rolle. Erst als das Bürgertum begann, soziale Beziehungen neu zu ordnen, entstand ein neues Ideal: das der Liebesheirat. "Seit damals gilt die Vorstellung, dass Geld in der Liebe keine Rolle spielen soll", sagt Haubl.

Heute scheinen sich die einstigen Gegensätze nicht mehr auszuschließen, sondern zu bedingen. Denn: Liebesbeweise sind teuer. Mindestens 500 Euro geben Hollnbuchners Kunden für einen Heiratsantrag aus - den Ring nicht mit einberechnet. Der Fachverband der Freizeitbetriebe schätzt das Marktvolumen der heimischen Wedding Planner auf jährliche 30 Millionen Euro. Die Handelskette Libro hat aufgrund der hohen Nachfrage seit Februar ein eigenes Baby-Party-Sortiment eingeführt - die Umsätze dort, so die Geschäftsführung, würden von Monat zu Monat steigen.

"Die moderne romantische Auffassung von Liebe ist heute in die Erfahrung des Konsumkapitalismus eingebettet", sagt Wiesböck. Das bedeutet: Romantische Handlungen werden durch Konsum ausgeübt. Das Candle-Light-Dinner im Fünfsternehotel, das Wochenende in der Therme oder die Babyparty in Rosa: Das alles kostet Geld. Und wir scheinen heute mehr denn je dafür auszugeben. Warum?

Pictures or it didn‘t happen

"In der Generation der 20-bis 40-Jährigen sind traditionelle Werte wie der Wunsch nach Heirat und ewiger Bindung wieder im Kommen", sagt Dunja Radler. Sie ist Psychologin und seit zehn Jahren als Paarberaterin tätig. Dass Liebesbeziehungen immer spektakulärer gefeiert werden, hängt auch mit einer anderen Entwicklung zusammen: "Social Media haben es zur Norm gemacht, besondere Events zu teilen oder sie durch diese Veröffentlichung erst zu etwas Besonderem zu machen." Wer eigentlich private Liebesbekundungen groß feiert, tut das oft aus anderen Gründen. Hinter einem öffentlichen Heiratsantrag, sagt Soziologin Wiesböck, stehe nicht so sehr die traditionelle Absicht, den Rest seines Lebens mit einer bestimmten Person zu verbringen: "Anstatt die Liebe zu bekräftigen, bekräftigt der Antragsteller durch die Inszenierung überwiegend sich selbst."

Forschungsergebnisse scheinen das zu belegen: In einer Studie untersuchten US-Forscher*innen die Ehen von 3.000 Paaren. Je weniger diese für Hochzeitsring und Zeremonie ausgaben, desto länger hielt ihre Ehe. "Extrem aufwendige und kostspielige Hochzeiten scheinen ein Indiz dafür zu sein, dass hier weniger die Paarbeziehung im Fokus steht als der Wunsch nach beeindruckender Außenwirkung", sagt Radler.

Liebe wird Kommerz

Postings aus den Flitterwochen oder von der Babyparty sind inzwischen auch zu einem lukrativen Geschäftsmodell geworden. Für Unternehmen sind Mom-Bloggerinnen wie Jessi Malay wichtige Werbeträgerinnen. Auf ihrem Instagram-Profil postet Malay Fotos der Familie im Halloweenkostüm oder vom Wanderausflug. Dazwischen gibt es für ihre rund 460.000 Follower Werbung für Babylotion, Shampoos und Kindermode. "Romantische Liebe ist dementsprechend selbst zu einem kommerziellen Produkt geworden", sagt Wiesböck.

Hat das Spektakel also der Liebe geschadet? "Ohne Inszenierung kommt die romantische Liebe nicht aus", sagt Psychologe Haubl. Die Frage laute deshalb vielmehr: Greifen wir dafür auf das Marktangebot zurück - oder überlegen wir uns selbst Gesten, von denen wir glauben, dass sie unserem*unserer Partner*in Freude machen? "Hochzeiten oder Schwangerschaften besonders zu feiern ist natürlich nicht falsch", sagt auch Radler - das könne dabei helfen, die Partnerschaft lebendig zu halten. Wichtiger als spektakuläre Events sei aber ein liebevoller Umgang im Alltag: "Meistens verrät das gemeinsame Geschirrabwaschen mehr über die Beziehungsqualität eines Paares als eine pompöse Hochzeit."

 

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