Sexträume: Was, wenn du nicht von deiner*deinem Partner*in träumst?

Aufregende Abenteuer, heimliche Küsse und verbotene Affären: In unseren Träumen ist alles möglich.

Sexträume

Vor einigen Jahren arbeitete ich als Projektmanagerin in einer kleinen Agentur mit einem Kollegen zusammen. Er war der Künstler, ich die Organisatorin: Ich setzte Deadlines, die er ignorierte, ich legte Listen an, in die er sich nicht eintrug, und ich koordinierte Prozesse, die er nicht einhielt. Zwischen uns war keine Spannung, nur Unverständnis. Als er irgendwann mit einem Projekt komplett in Zeitverzug geriet, gingen wir beide in die Luft, schrien uns lautstark im Büro an. Unser Konflikt war nicht geklärt, als wir wütend nach Hause gingen.

In dieser Nacht träumte ich von genau diesem Streit – mit einem ganz anderen Ende: Wir fielen übereinander her, hatten Sex im Büro­lager. Der nächste Morgen war verwirrend und unangenehm, zumindest für mich: Ich war mir zu 100 Prozent sicher, dass ich mich nicht von diesem Menschen angezogen fühlte. Aber was wollte mein Unterbewusstsein mir sagen?

"Sexträume bedeuten in den wenigsten Fällen, dass wir uns Sex mit der Person aus dem Traum wünschen", weiß Sexual- und Paartherapeutin Nicole Kienzl. Damit klärt sie gleich eine der wichtigsten Fragen rund um dieses Thema. Mein Traum verwundert sie nicht: "Prinzipiell verarbeitet unser Gehirn im Traum emotionale Erinnerungen und alles, was uns beschäftigt. Besonders nach einem Konflikt oder Streit ist ein Sextraum nicht unüblich, da wir uns Versöhnung und Harmonie mit dieser Person wünschen. Die bekommen wir im Traum in Form von körper­licher Vereinigung."

Versteckte Bedeutung

Ungefähr acht Prozent unserer Träume haben erotische Inhalte. Dabei werden Situationen und Gefühle verarbeitet, die uns seit bis zu einer Woche beschäftigen. Träume können dabei auch Ventile sein, um uns andere Gefühle bewusst zu machen. Träumt man beispielsweise von Sex mit seinem*r Chef*in, muss das nicht heißen, dass man auf eine heiße Büroaffäre aus ist. Stattdessen könnte man neidisch auf dessen*deren Erfolg, Gehalt oder Macht sein. Man möchte quasi, was er*'sie hat.

"Häufig gibt es für Sexträume viele mögliche Bedeutungen. Um sich bewusst zu werden, was verarbeitet wird, ist es hilfreich, darauf zu achten, wie man sich am Morgen nach dem Traum fühlt", so die Sexualtherapeutin. Sie nimmt als Beispiel einen Traum, den viele kennen: Der*die Partner*in hat Sex mit einer anderen Person. In diesem Traum kann das Unterbewusstsein einerseits die eigene Unsicherheit oder Verlust­ängste widerspiegeln, oder aber eine sexuelle Fantasie.

"Fühle ich mich am Morgen erregt von der Vorstellung, meine*n Partner*in mit jemand anderem zu sehen, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass das eine meiner Sexfanta­sien ist. Wache ich mit Panik und Angst auf, dann leide ich wahrscheinlich unter Verlustängsten. Bin ich aber sogar erleichtert, kann es sein, dass ich selbst die Beziehung hinterfrage und mir unsicher bin, ob das mit uns passt", so Nicole Kienzl. Eine pauschale Deutung oder Antwort gibt es also in den wenigsten Fällen.

Sexträume bedeuten in den wenigsten Fällen, dass wir uns Sex mit der Person aus dem Traum wünschen – aber nach einem Streit ist ein Sextraum nicht unüblich, da wir uns Versöhnung wünschen.

von Nicole Kienzl

Ich bekomme genug

Aber träumen alle Menschen gleich viel über Sex? "Prinzipiell träumen Menschen mit einem befriedigenden Sexleben weniger von Sex als Menschen, denen etwas fehlt. Singles, Menschen in einer Fern- oder einer unbefriedigenden Beziehung träumen eher mit erotischen Inhalten; und auch, wenn viele Sexträume in ihrer Bedeutung nichts mit Sex zu tun haben, gibt es welche, die uns unsere ­Sehnsüchte zeigen. Ich habe zum Beispiel einen Klienten, der wiederkehrend von Analsex träumt – dieser Traum hat keine andere Bedeutung, als dass - dieser Mensch diese Sexualpraktik gerne einmal ausprobieren würde."

Wenn Träume Sehnsüchte aufzeigen, sollten nicht alle recht einfach zu deuten sein? Nicht unbedingt. Denn häufig ist die Sehnsucht, mit der man konfrontiert wird, nicht die offensichtlichste. Träumt eine heterosexuelle Frau zum Beispiel von Sex mit einer anderen Frau, so kann das bedeuten, dass sie sich mehr Zuneigung in ihren Beziehungen wünscht. Lesbischer Sex wird mit viel Zärtlichkeit, Geduld und Nähe assoziiert, die ­einem möglicherweise im Leben fehlen. Der Traum muss keineswegs aussagen, dass die Frau mit ihrer Sexua­lität hadert.

Bauchlage

In vielen Sexträumen sind die Protagonist*innen nicht die Menschen, mit denen man sich eigentlich das Bett teilt. Was sagt das über die Beziehung aus? Ist das ein Problem? Nein! Die Wissenschaft bestätigt: Es besteht nur ein sehr schwacher Zusammenhang zwischen Sexträumen und dem tatsächlichen Liebesleben. Denn auch, wenn Sexfantasien in Träumen vorkommen können, so ist nicht jeder Sextraum eine Fantasie. Fantasien sind etwas, über das man auch im Wachzustand nachdenkt, darüber fantasiert und das auch erregend findet.

Somit sollten diese Träume einen selbst nicht zu sehr überraschen und einfach zu deuten sein. Vermutlich denkt der besagte Patient von Nicole Kienzl auch im Wachzustand viel über Analsex nach. Ähnlich ist es bei Personen, zu denen man sich hingezogen fühlt: Wenn man gerne mit diesem Menschen schlafen würde, so ist einem dies normalerweise auch bewusst. Nur weil Personen in erotischen Träumen vorkommen, begehrt man diese nicht heimlich im Unterbewusstsein.

Außerdem hat die Wissenschaft herausgefunden, dass unsere Schlafposition beeinflussen kann, wie häufig wir Sexträume haben: Menschen, die auf dem Bauch schlafen, haben diese regelmäßiger. Grund dafür ist, dass in Bauchlage die Atmung eingeschränkt ist und dadurch mehr Druck auf die Genitalien erzeugt wird. Dieses Gefühl erinnert unser schlafendes Gehirn an Sex, und schon werden unsere Träume in diese Richtung gelenkt.

Sex geht uns alle etwas an

Auch wenn es absurd klingt, so spiegeln Sexträume auch den Zustand der Gesellschaft wider. In den letzten Jahrzehnten träumen Frauen häufiger von Sex oder Erotik. Grund dafür ist, dass Frauen sich weniger für ihre sexuellen Bedürfnisse schämen. Die Träume waren davor genauso da, nur können sich Frauen heute da­ran erinnern. Davor wurden diese Erinnerungen von Scham blockiert.

Je weniger Hemmungen Frauen haben, je mehr sie ihre eigenen Fantasien anerkennen und je mehr sie akzeptieren, dass sie sexuelle Wesen sind, umso häufiger ist ihnen am Morgen bewusst, was sie geträumt haben. "Jede von uns ist ein sexuelles Wesen, und das ist etwas Positives. Es zeigt, dass wir vital und gesund sind. Von Sex zu träumen ist ganz normal, und wenn es ein schöner Traum ist, dann sollte man ihn genießen", so die Expertin.

Ein weiterer Grund für die Wahrnehmung von Sexträumen ist, dass wir heute überall mit Sex und Erotik konfrontiert sind. Der Zugang zu Pornografie ist einfach, oft kommt Erotik in Filmen, Serien, Videos oder der Werbung vor. Sex ist überall und beschäftigt uns. Hermann Hesse stellte zu Träumen eine unwiderlegbare These auf: "Niemand träumt, was ihn nichts angeht." Sex geht uns alle etwas an.

 

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