Olivia Peter: Geh weg, schlechtes Gewissen!

Wirklich faulenzen kann WIENERIN-Kolumnistin Olivia Peter nur, wenn sie krank ist. Und vor sich selbst die Ausrede hat: Du musst dir Ruhe gönnen! Dabei hätte sie am liebsten nur vor einem Ruhe: dem schlechten Gewissen!

Olivia Peter

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich als Kind jemals ein schlechtes Gewissen hatte, weil ich dieses oder jenes nicht erledigt habe. Klar, ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich Mamas Lieblingsvase kaputt gemacht habe. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich meine Schwester gebissen habe, aber es auf Nachfrage leugnete. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich der Puppe meiner Cousine die Haare abgeschnitten habe. Aus Neid. Weil ihre Puppe viel schöner war als meine. Ich war übrigens in Summe ein nettes Kind, auch, wenn das nicht danach klingt. Worauf ich hinaus will: Ich hatte nie ein schlechtes Gewissen, weil Sachen unerledigt waren. Mit dem Alter ändert sich das. Ich bin permanent verfolgt vom schlechten Gewissen und frage mich: Bleibt das ab jetzt so? Ich bin eine "To-do-Listen-Schreiberin". Programmpunkte auf der To-do-Liste durchzustreichen macht mich in etwa so glücklich wie der Biss in einen Double-Chocolate-Brownie. Das Problem ist nur: Wo die eine To-do-Liste endet, beginnt die nächste. Besonders schlimm ist es am Sonntag, dem Tag der verordneten Entspannung.

NICHTS TUN. Oft bewundere ich die stoische Ruhe meines Mannes, der findet: Am Sonntag ist Sonntag. Oft genug treibt mich diese Ruhe aber auch in den Wahnsinn. Weil ich das einfach nicht kann. Stundenlang auf der Couch liegen. In der Zeitung schmökern. Wenn ich einen Artikel lese, der mir gefällt, denke ich daran, dass ich eigentlich eine Kolumne schreiben sollte. Wenn ich in einem Buch etwas über Sport lese, plagt mich sofort das schlechte Gewissen, dass ich mich noch immer nicht für diesen oder jenen Kurs angemeldet habe. Länger als bis halb neun schlafen? Geht nicht. Weil ich ein schlechtes Gewissen habe, dass ich jetzt den ganzen Tag verschlafe. Am Abend entspannt einen Film schauen? Geht ebenfalls nicht. Weil ich ja eigentlich noch mit meiner Familie telefonieren sollte, die ich die ganze Woche über nicht angerufen habe vor lauter Stress. Wenn das erledigt ist, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich sie wieder enttäuschen musste, dass ich am nächsten Wochenende nicht in die Heimat fahren werde. Apropos Heimat. Aus der kommt der Parkettboden für unser neues Haus. Und das Mail wegen der Bestellung könnte ich auch jetzt noch schicken. Und wenn ich eh schon vorm Computer sitze, dann sollte ich ja auch gleich noch wegen der Fliesen schauen. Und wenn ich das mit den Fliesen mache, dann schaue ich mir auch noch schnell das mit dem Betonboden an. Auf Empfehlung eines Freundes. Und wenn der schon so lieb war, das extra für mich zu organisieren, sollte ich ihm eigentlich auch ein Dankeschön besorgen. Und wenn ich das Dankeschön besorge, könnte ich ja auch zeitgleich das Buch kaufen für meine Schwester, die nächste Woche Geburtstag hat.

So gesehen freue ich mich auf Montag. Da habe ich endlich wieder Berufsstress und Ruhe vor mir selbst.

 

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