Nahrungsergänzungsmittel: Wie gut sind die bunten Pillen wirklich?

Nahrungsergänzungsmittel sind buchstäblich in aller Munde. Aber tun wir unserer Gesundheit damit wirklich etwas Gutes? Fünf Erkenntnisse im Umgang mit den bunten Pillen.

Wer braucht Nahrungsergänzungsmittel`?

1. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine abwechslungsreiche Ernährung

Diesen Satz liest man auf jeder einzelnen Packung. Und doch ist er in den Köpfen der Menschen noch nicht angekommen. Natürlich wäre es unheimlich praktisch, würde eine gesunde Pille das Sonntagsschnitzerl einfach ausgleichen. Aber so leicht ist es eben nicht.

Kurt Widhalm, Ernährungsmediziner, Facharzt für Kinder-und Jugendheilkunde und Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin, sieht den Trend zum unkontrollierten Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln kritisch: "Wir als Ärzte oder Ernährungsmediziner raten unseren Patienten dazu, dass sie sich gesund ernähren und nicht ein Mittel nehmen, um eine ungesunde Ernährung in Kauf nehmen zu können. Zu sagen 'Ich brauch eh kein Obst, ich nehm das durch eine Pille ein!', ist unvernünftig und ungesund." Das Zauberwort heißt nämlich Ergänzung! Und die sollte nur dann stattfinden, wenn wirklich ein Mangel besteht oder man extremer körperlicher Anstrengung ausgesetzt ist.
 

2. Weniger ist mehr

Geht man in den USA in einen Drugstore, hat man das Gefühl, der Nahrungsergänzungsmittelmarkt ist außer Kontrolle geraten: 80 Prozent der Menschen nehmen Food Supplements in nicht näher definierten - geschweige denn kontrollierten - Mengen zu sich. Dazu kommen ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung. Das New England Journal of Medicine veröffentlichte dazu kürzlich eine Studie, die zeigt, dass es in Amerika bereits mehrere Tausend Aufnahmen ins Krankenhaus wegen zu hohen Konsums von Nahrungsergänzungsmitteln gab. Die PatientInnen hatten unkontrolliert und ohne Absprache mit dem Arzt bzw. der Ärztin viel zu viele Nahrungsergänzungsmittel genommen. Laut AGES, der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit, sind Nahrungsergänzungsmittel in Europa ganz klar definiert und die erlaubten Mengen streng kontrolliert. Wer bisher der Meinung war, dass man mit zu viel an Ergänzungen schlimmstensfalls teuren Urin produziert, liegt trotzdem nicht ganz richtig: Je nach Vorerkrankung oder der notwendigen Einnahme anderer Medikamente können bestimmte Mittel für den Körper schnell ungesund werden.

Kurt Widhalm: "Nimmt man Nahrungsergänzungsmittel kombiniert und in großen Dosen zu sich, können Azidosen, also eine Störung des Säure-Basen-Haushaltes im Körper, Ansäuerungen und Herzrhythmusstörungen entstehen. In unserem Bewusstsein ist es noch nicht verankert, dass so etwas möglich ist und vorkommen kann." Aber können die Pillen auch richtig gefährlich werden?"Nahrungsergänzungsmittel können in Verbindung mit Medikamenten im schlechten Sinne interagieren. Gefährlich wäre eine Überdosierung mit Vitamin A, sie verursacht Knochen-und Gelenksbeschwerden. Auch gerinnungshemmende Mittel sollten nicht kombiniert werden, da muss man aufpassen. Omega-3-Fettsäuren etwa können die Blutgerinnung beeinflussen." Überdosierungen sind bei unkontrolliertem Gebrauch über einen längeren Zeitraum, also mehrere Monate oder Jahre, durchaus möglich. Außerdem: "Nicht jeder Hobbysportler braucht nach einer zweistündigen Wanderung gleich Supplemente", so Widhalm. Und kein/e SpitzensportlerIn würde wahllos Mittel einnehmen, sondern sich genauestens von SpezialistInnen beraten lassen - siehe Punkt 4.

3. Unkontrolliert Pillen einzuwerfen ist keine gute Idee

Menschen, die sich einseitig ernähren, ältere Menschen, die sich mit dem Kauen schwertun oder keinen Geruchssinn mehr haben, aber auch Kranke nach OPs oder Chemotherapien sind eher gefährdet, in den Status der Mangelernährung zu kommen. "Das bedeutet, dass ein oder mehrere essenzielle Nährstoffe, die mit der Nahrung zugeführt werden müssen, nicht in der optimalen Menge im Organismus vorhanden sind", erklärt Widhalm. Die Symptome dieser leichten Unterversorgung von bestimmten Mikronährstoffen sind sehr untypisch und uncharakteristisch und können von Müdigkeit, verminderter Leistungsfähigkeit und Kreislaufschwäche bis zu psychischen Veränderungen führen.

Aber: "Ein gesunder Mensch mittleren Alters, der sich einigermaßen gesund ernährt und einen gewissen Zeitraum auch körperlich aktiv ist und keine Erkrankungen, keine Familienbelastungen oder Ähnliches hat, der braucht keine Nahrungsergänzungsmittel", stellt Widhalm klar. Der Mythos, dass die heutigen Nahrungsmittel nicht mehr ausreichend Nährstoffe beinhalten, um unseren Körper zu versorgen, hält sich zwar hartnäckig, stimmt aber nicht ganz. "Die große Mehrzahl der Menschen kann sich durch eine gesunde, abwechslungsreiche, gemüse-und obstorientierte Ernährung sehr gut vor Nährstoffmängeln schützen. 100 Prozent gibt es in der Biologie natürlich nie." Das Österreichische Akademische Institut für Ernährungsmedizin rät deshalb zum "gesunden Teller": täglich Obst und Gemüse, Eiweiß, Fisch, Bohnen oder ein kleines Stück Fleisch (eher weniger als mehr), Zerealien und ballaststoffreiche Produkte, ein Glas Milch oder fettarmes Joghurt, ungesüßte Getränke. Widhalm: "Ganz wichtig sind auch Bewegung und körperliche Aktivität. Das kann man nicht trennen."

4. Gute Beratung ist das Um und Auf

Vom Fitnesscenter des Vertrauens bis hin zum Nutri-Coach - sich mit Nahrungsergänzungsmitteln auszukennen behauptet schnell jemand. Der aktuelle Trend geht zu Bluttests, die über Fitnessstudios vermittelt werden. Viele KundInnen bekommen dann um teures Geld seitenweise Zahlen aus deutschen Labors geschickt, werden mit der Auswertung und den Ergebnissen aber alleine gelassen.

Vor solchen Angeboten warnt Kurt Widhalm deutlich: "Man muss ganz klar festhalten, dass zum Teil ein großes Geschäft mit Befunden gemacht wird, die wissenschaftlich nicht valide sind. Es gibt in Österreich genug vernünftige Institute und Labors, in denen ein Bluttest mit einer sinnvollen Beratung kombiniert werden kann." In Österreich zahlt das zum Großteil die Krankenversicherung. Werden einzelne Parameter von Arzt oder Ärztin angefordert, weil ein Verdacht auf einen bestimmten Mangel besteht, kann es sein, dass man zuzahlen muss. Mehr als höchstens ein paar Hundert Euro sollte das allerdings nicht kosten. Wer sichergehen will, dass er gut beraten wird, sollte sich an eine/n ErnährungsmedizinerIn wenden. Er oder sie kann Symptome deuten und austesten, was man wirklich braucht.

Widhalm: "In diesen Fällen kann ein Mikronährstoffstatus helfen, herauszufinden, ob ein Defizit besteht." Und das betrifft durchaus auch junge Menschen, häufig auch Frauen. Eine EU-Studie hat ergeben, dass bis zu sechs Prozent der Mädchen in Wien im Alter von 13 bis 17 Jahren Eisenmangelanämien aufweisen. Auch ein Mangel an Vitamin D ist weit verbreitet - in den USA wird es sogar der Milch zugesetzt. Widhalm: "Es gibt tatsächlich viele Studien, die darauf hinweisen, dass eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung viele Vorteile für unseren Körper hat." Vitamin D im Winter als Ergänzung zu nehmen ist also in jedem Fall eine gute Idee.

5. Im Zweifelsfall lieber in die Apotheke

In jeder Drogerie gibt es mittlerweile ein Regal mit Riegeln, Pillen und Shakes, die unser Körper angeblich so dringend braucht. Aber gerade dort sollte man vorsichtig sein. Wo soll man Nahrungsergänzungsmittel dann kaufen? Widhalm: "Ich würde hier eher zur Apotheke tendieren, weil da meistens auch eine Beratung stattfindet und die Leute nicht auf sich alleine gestellt sind. Mitarbeiter in der Apotheke sollten sich zumindest ein bisschen auskennen. Natürlich bleibt es trotzdem auch immer ein Geschäft."

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