Martha Schultz: "Männer wünschten mich auf den Scheiterhaufen"

Martha Schultz hat als Alleinerzieherin so lange für Kinderbetreuung gekämpft, bis ein Gesetz geändert wurde. Männer wünschten sie dafür tatsächlich "auf den Scheiterhaufen". Wo stehen wir heute?

Martha Schulz: Ehrlich & erfolgreich

Das Gefühl nennt man wohl Ohnmacht. Die Situation dazu geht so: Martha Schultz war eine junge Mutter, Alleinerzieherin und Unternehmerin in einer kleinen Tiroler Gemeinde, und das Wort Kinderbetreuung stand für einen Kindergarten, der fünf Tage die Woche von acht bis zwölf Uhr geöffnet hatte.

"Wir waren vier Frauen, die eine private Kinderbetreuung starten wollten, doch alles wurde blockiert – die Gesellschaft und das Landesgesetz hatten so was wie uns nicht vorgesehen", erzählt Schultz. Ohne Job konnten diese Frauen ihr Leben nicht autonom führen, politisch waren sie unterschiedlich sozialisiert worden, doch das gemeinsame Ziel war stärker. "In dieser Zeit ­musste ich mir wirklich einen Schildkrötenpanzer zulegen, denn zu meinen beruflichen Ambitionen, die schon kaum jemand verstand, kam auch die Ausgrenzung. Man wünschte mich tatsächlich und wörtlich 'auf den Scheiterhaufen', weil ich mich eben nicht so verhalten hatte, wie viele meinten, dass es richtig sei. Ich war nicht daheim am Herd geblieben und wollte meinem Kind aus eigener Kraft eine Zukunft aufbauen."All die Zurückweisung, die abgelehnten Förderungen, die kopfschüttelnden Männer und die schweigenden Frauen haben aber den Willen von Martha Schultz nicht gebrochen. Am Ende gewann sie. Der örtliche Pfarrer stellte einen Raum zur Verfügung, die Medien unterstützten die junge Mutter, und plötzlich konnte sogar ein Tiroler Landes­gesetz geändert werden – eine private Kinderbetreuung war geboren. Und Martha Schultz entdeckte ein anderes Gefühl, das ihre Ohnmacht ablöste: die Lust am Kampf für eine richtige Sache. Das war 1990.

Die Kämpferin ist Präsidentin

Heute tritt sie als Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) und Bundesvorsitzende von Frau in der Wirtschaft in vielen Rollen auf. Sie ist Mentorin für viele junge Gründer*innen, die sie um Rat fragen, ist Botschafterin für das System der Wirtschaftskammer, das ihrer Ansicht nach deshalb so gut funktioniert, weil es durch die Pflichtmitgliedschaft ein fixes Budget gibt, mit dem Expertise aufgebaut wird und "wir bis auf Bezirksebene Strukturen und Fachwissen haben, das wir weitergeben können. Deshalb rate ich allen, die gründen wollen, sich wirklich in der Kammer beraten zu lassen. Die Qualität ist enorm und die fachlichen Aussagen halten." Schultz ist Teil eines Familienunternehmens und Fan dieser Betriebsform, weil "die Familien bei uns in Österreich die Wirtschaft zusammenhalten und immer darauf achten, dass auch die nächste Generation noch gut leben kann. Nachhaltiger geht es ja gar nicht." Und ja, sie taugt auch ziemlich gut als Role Model einer sehr erfolgreichen Unternehmerin: Zur Schultz-Gruppe, die sie mit ihrem Bruder Heinz betreibt, gehören fünf große Skigebiete, 14 Hotels und Luxusskihütten mit insgesamt 1.500 Betten und ein Golfplatz – in Spitzenzeiten finden hier bis zu 800 MitarbeiterInnen Arbeit, das Unternehmen setzt knapp 100 Millionen Euro pro Jahr um.

Geld und Humor

Doch bei Martha Schultz hört der Kampfgeist nicht auf, nur weil sich ihre persönliche Geschichte gut entwickelt hat: Frauen sind ihr Thema, die Feministin sieht noch viele Baustellen. "Wir hatten bei den Gründungen 2019 so viele Frauen wie überhaupt noch nie, nämlich 45,5 Prozent, und wir sehen, wie selbstbewusst die Frauen heute sind und wie gut durchdacht sie ihre Businesspläne erstellen. Aber ein großes Thema ist die Finanzierung. Auch eine Studie der Boston Consulting Group untermauert diesen Finance-Gap: dass Frauen einfach weniger leicht zu Geld kommen. Unter anderem deshalb, weil die Führungspositionen auch im Finanzwesen noch oft mit Männern besetzt sind, die wiederum eher Männern als Frauen Geld geben", so Schultz. Und wie ändert man ­diese Fakten? Was jetzt kommt, klingt wie ein Déjà-vu, und doch scheint es ein Schlüssel zu sein. „Wir brauchen die gut ausgebildeten Frauen in den Führungsetagen, und dazu brauchen wir flächendeckend eine ­passende Kinderbetreuung, und zwar nicht nur in den Städten, wo sich schon viel entwickelt hat, sondern vom Neusiedler See bis zum Bodensee. Und wir brauchen eine andere gesellschaftspolitische Denkweise, die nicht ständig hinterfragt, ob intensivere Kinderbetreuung überhaupt benötigt wird. Ja, wir brauchen sie, und wir müssen sie auf die Reihe kriegen. Bei diesem Thema gebe ich nicht nach, auch wenn viele stöhnen, sobald sie mich sehen.“ Kurz muss Martha Schultz lachen – darüber, dass ihre Hartnäckigkeit oft lästig ist. Und auch Humor gehört für sie zu einem gelingenden Leben: „Du darfst nicht alles so ernst nehmen und nicht alles zu persönlich, dann geht es leichter. Und ich habe mir – trotz meines Schildkrötenpanzers – bewahrt, sensibel zu bleiben. Denn nur dann spürst du es auch, wenn du selbst Unterstützung bekommst, und das ist enorm wichtig“, sagt Schultz.

Nur eine Saison

Eine Erfahrung, die die 56-Jährige schon früh gemacht hat. Denn so erfolgreich die Schultz-Gruppe heute auch dasteht, so knapp vor dem Aus war der Familienbetrieb, als Marthas Vater sehr früh verstarb und die Kinder plötzlich übernehmen mussten – auch alle Kredite. "Ich war damals 41 Jahre alt, und wir hatten viele Mitarbeiter, die ähnlich alt waren wie mein Bruder und ich. Es war ein offenes Gespräch, in dem wir sagten, dass wir von der Bank nur diese eine Wintersaison bekommen – entweder wir schaffen es oder es ist aus. Die Leute sind voll hinter uns gestanden, das war beeindruckend. Und da habe ich diese Kraft gespürt; sie hat mich gestärkt und ermutigt, dranzubleiben." Es ging sich aus, und fast alle dieser MitarbeiterInnen sind heute noch Teil des Unternehmens.


Für Schultz ist erfolgreiches Wirtschaften auch Verantwortung für eine Region und die Menschen, die dort wohnen – was hält sie von den Diskussionen rund um CO2-Vermeidung und Ökotourismus, was von Ideen, für den Skitourismus sogar Gletscher abzutragen, wie es aktuell im Pitztal diskutiert wird? "Urlaub ist ein Lifestyle­thema, und alle Unternehmen im Tourismus nehmen sich dessen an. Es werden Solaranlagen auf Bergstationen gebaut und Beschneiungsanlagen mit Wasserkraftwerken gekoppelt. Die österreichische Wirtschaft hat schon lange erkannt, dass Ökologie und Ökonomie keine Gegensätze sind. Wir müssen uns natürlich bei allen Entscheidungen an die gesetzlichen Vorgaben halten – sollte man zu dem Schluss kommen, dass sie nicht mehr passen, muss die Politik sie ändern. Ich möchte aber auch, dass Menschen die Chance haben, in einer Region zu bleiben, Familien zu gründen und gut zu leben. Es kann nicht die Idee sein, alles zu urbanisieren." Radikal ehrlich blickt Martha Schultz auf die Welt. Eine Perspektive, die sie erfolgreich gemacht hat und doch auch bodenständig bleiben ließ.

 

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