Mama-Burnout: Wenn nichts mehr geht

Nein, Burnout ist nicht eine Prestige-Krankheit gestresster Manager. Sie greift auch am privaten Arbeitsplatz um sich. Was Mütter aushöhlt und wie sie gegensteuern können.

Leben ist in gewissem Sinn wie Auto fahren. Frühmorgens werfen wir den Motor an und kurven durch den dichten Berufsverkehr. Von Termin zu Termin, quer durch quälende Staus, manchmal haarscharf am Rande eines Unfalls. Problematisch wird es dann, wenn wir nicht rechtzeitig wieder auftanken. Und das Vehikel - in diesem Fall unser Körper - auf offener Strecke einfach stehen bleibt.

"Mütter leben häufig über viele Jahre am Rand ihrer Kräfte. Das Ende dieser Überlastung ist ein so genanntes Eltern-Burnout, das sich in ständiger Müdigkeit, Schlafstörungen, innerer Leere und reduzierter Leistungsfähigkeit äußern kann", weiß Erziehungsberaterin und Buchautorin Bettina Mähler. Kinderpsychiater Dr. Werner Gerstl fügt hinzu: "Ein Burnout entsteht dann, wenn Anspannungen nicht durch ein gleichwertiges Maß an Entspannung abgebaut werden. Etwa so, wie wenn ich mein Auto abends in die Garage stelle und es am Stand weiterlaufen lasse." Der ärztliche Leiter der Elternakademie Zentrum Spattstraße in Wien gibt aber gleichzeitig Entwarnung. "Burnout ist keine Krankheit, sondern lediglich ein Zustand, den man beheben kann." Das heißt: Erst müssen die Ursachen der Symptome gefunden werden, dann kann die Therapie einsetzen.

Burnout-Faktor: Die Kinder-schupf-ich-doch-mit-links-Illusion


Frust-Facts.
Stundenlanges Stehen in der Küche für eine Mahlzeit, die dann mit einem "Bäääh, das mag ich nicht" zur Seite geschoben wird. Nächtelanges Wachen bei einem kranken Kind. Oder ständiges Gezänk um die Erledigung der Hausarbeiten - so hat man sich das Muttersein oft nicht vorgestellt. Erziehungsberaterin Bettina Mähler sieht in falschen Erwartungen die bedeutendste Ursache für ein Burnout: "Viele sehen ihre künftige Familie durch eine rosarote Brille. Die Wirklichkeit überrumpelt sie dann: Übermüdung, Machtkämpfe, Geldsorgen, da kann ein ganz schönes Päckchen an Problemen zusammenkommen. Die Ungerechtigkeit dabei: Von Burnout betroffen sind gerade solche Menschen, die sich ursprünglich überdurchschnittlich stark engagierten." "Nach der ersten Begeisterungswelle wächst die Erkenntnis, nicht alles so zu schaffen, wie man es wollte. Der Einsatz wird noch verstärkt und die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt, bis hin zum totalen Ausbrennen", erklärt Dr. Werner Gerstl.

Viele sehen ihre künftige Familie durch eine rosarote Brille. Die Wirklichkeit überrumpelt sie dann.
Bettina Mähler, Erziehungsberaterin


So löschen sie das Feuer. Verabschieden Sie sich vom Bild des Familien-Idylls. Fragen Sie sich konkret: Was will ich? Was belastet mich? Was kann ich tun, um die Situation zu verbessern? Wenn nötig, erstellen Sie einen Zeitplan, in dem sowohl Be- als auch Entlastung ihren Platz haben. Etwa: Montag - Waschtag, abends dafür Yogastunde. Oder: Dienstag - Kinder-Programm, abends Freundinnen-Runde. Erlauben Sie sich einen gesunden Egoismus und hören Sie auf, es immer allen Recht machen zu wollen. Schlafen Sie am Wochenende mal aus und überlassen Sie Papi die Betreuung der Kinder - und seien Sie nachsichtig, wenn dann der Fernseher läuft und sich die Körperpflege der Kids auf Katzenwäsche reduziert. Handeln Sie mit Ihrem Partner eine klare Aufteilung der Aufgabenbereiche aus, so ersparen Sie sich Frustrationen, wenn Ihre - unausgesprochenen - Erwartungen nicht erfüllt werden.

Burnout-Faktor: Der Wettstreit an der Sandkiste

Bilderbuch-Kids. "Meiner geht schon seit acht Wochen aufs Töpfchen, und das mit 15 Monaten. Wie ist das bei Ihrem?" "Ähm, na ja, nicht ganz so!" Also eine glatte Fünf für Muttis erzieherische Leistungen? Das kann psychisch eng werden. Vor allem dann, so Psychotherapeutin Sabine Fabach, "wenn die einzige Bestätigung plötzlich nur mehr daher kommt, was der Sprössling kann." Das Problem: Mit dem Übertritt in die Mutterrolle fällt die berufliche Anerkennung flach. Leistung wird plötzlich nur mehr über die Rolle als Mutter definiert - umso größer die Sorge, ob man in seinem neuen Job auch ja alles richtig macht. "Burnout-Gefährdete haben große Angst vor Fehlern, oft lernten sie in ihrer Kindheit, dass sie dumm und unfähig sind oder dass Fehler immer Katastrophen auslösen", erklärt Fabach, Gründerin des Instituts Frauensache, eine Wurzel des Perfektionismus.

Das Problem: Mit dem Übertritt in die Mutterrolle fällt die berufliche Anerkennung flach. Leistung wird plötzlich nur mehr über die Rolle als Mutter definiert.
Sabine Fabach, Psychotherapeutin


So löschen sie das Feuer. Nehmen Sie Ihre Zweifel wahr, bewerten Sie sie aber nicht über. Es ist noch keine perfekte Mutter vom Himmel gefallen. Und wenn Ihr Kind im Vergleich zu Gleichaltrigen etwas nicht kann - verlagern Sie Ihre Aufmerksamkeit einfach auf positive Dinge. Darauf, dass es so fröhlich lacht, so gut singen kann etc. Sagen Sie sich immer wieder vor: Perfekt geht nicht. Und Fehler sind eine Chance, etwas zu lernen.

Burnout-Faktor: Überall nur halb da ...

... und nirgends richtig. Schuldgefühle, davon können berufstätige Mütter ein Lied singen. In der Arbeit der gehetzte Blick auf die Uhr, die Kinder müssen rechtzeitig vom Hort abgeholt, der Kühlschrank muss gefüllt werden. Und zu Hause? Das gleiche Spiel - nur umgekehrt. Da kreisen die Gedanken um die liegen gebliebene Arbeit. Um die Termine des nächsten Tages, um die Akten, die sich türmen. Dazu kommt noch das Gefühl, sich und allen beweisen zu müssen, dass man trotz Karriere keine Rabenmutter ist und "eh genug für seinen Nachwuchs tut". "Der Kampf an verschiedenen Fronten kostet Energie und Einsatz, lässt wenig Raum für eigene Bedürfnisse und Unsicherheiten. Bei Misserfolgen fühlen sich Frauen oft als Versagerinnen", sagt Burnout-Expertin Sabine Fabach.


So löschen sie das Feuer. Machen Sie sich bewusst, was Sie tagtäglich alles leisten - und gönnen Sie sich die verdiente Entspannung. Schnell und einfach: Stressabbau durch Musik. Besonders geeignet sind dafür Nature-Sounds oder Klassik. Hinlegen, Augen schließen, sein Ich spüren. Schaffen Sie sich ein Zeitfenster zwischen Job und Kinderbetreuung. Ein kleiner Spaziergang nach der Arbeit, ein Kaffee oder 20 Minuten Sonnenbank - was immer Ihnen hilft, den Akku wieder aufzuladen - tun Sie's! Lassen Sie überhaupt Dinge, die Ihnen früher Spaß bereitet haben, nicht einfach so in Vergessenheit geraten, weil Sie glauben, keine Zeit dafür zu haben. Nur eine glückliche Mutter ist eine gute Mutter!

Burnout-Faktor: Die Kinder nicht im Griff


Auf Durchzug. Uninteressant, wenn Mama etwas sagt. Vor allem so was wie "Zimmer aufräumen" oder "Pyjama anziehen und Zähne putzen gehen!" Da erntet sie nur Maulen - oder schlichtweg gar keine Reaktion. Und irgendwann, nach fünfmaligem Ermahnen, reicht's. "Ihr verdammten Rotznasen, ihr macht mich wahnsinnig", brüllt sie - und schämt sich in der Sekunde für den Ausbruch. So sehr, dass sie den Kids im nächsten Moment wieder viel zu viel durchgehen lässt. Ein Teufelskreis: Die Kinder bekommen keine klaren Grenzen und reizen die Mutter so lange, bis sie eine bekommen. Diese Grenze ist dann jedoch keine ruhige, liebevolle mehr. Sondern eine voll Wut, Aggression und Schuldgefühl, die die Mutter unheimlich viel Kraft kostet und die Kinder immer trotziger macht.

So löschen sie das Feuer.
Schritt 1: Ge-und Verbote müssen klar ausgesprochen werden. Schauen Sie dem Kind dabei in die Augen - und bestehen Sie auf Einhaltung des Gesagten. Wenn es sich taub stellt, fordern Sie eine Rückmeldung ein. Fragen Sie: Schaffst du das alleine? Brauchst du Hilfe? Und: Reagieren Sie auf Einwände!

Schritt 2: Machen Sie sich klar: Aggressionen sind nichts, wofür Sie sich schämen müssten. Die Frage ist nur, wie Sie damit umgehen. "Sprechen Sie Ihren Unmut aus, brüllen Sie sich den Frust von der Seele oder lassen Sie Dampf ab, indem Sie eine Runde um den Häuserblock machen", rät Psychotherapeutin Sabine Fabach.

Schritt 3: Auch wenn Kids mitunter kleine Ungeheuer sind, tun Sie sie nicht pauschal als böse ab. "Sie akzeptieren diese Rolle und verhalten sich dementsprechend", weiß Kinderpsychiater Dr. Gerstl. Maria Neuberger-Schmidt, Leiterin des Vereins Elternwerkstatt: "Reden Sie in einem freundlichen Ton. Sagen Sie: Es war falsch, was du gemacht hast, aber ich habe dich trotzdem lieb."

Burnout-Faktor: Zwei Herzen schlagen in meiner Brust


Ambivalente Gefühle. Die Knirpse auf den Betten springen lassen, weil man das früher selber so gern gemacht hätte - oder verbieten, aus Angst vor einem kaputten Lattenrost? Liberal oder autoritär - was ist der richtige Weg? Tja. Und während die Mutter innerlich hin und her gerissen ist, zerlegen die Sprösslinge die Wohnung. Ein anderes seelisches Spannungsfeld sind heimliche Überlegungen wie: "Wäre mein Leben ohne Kinder nicht einfacher - oder gar schöner?" Psychotherapeutin Sabine Fabach meint dazu: "In beiden Fällen sprechen wir von Ambivalenz, vom Nebeneinander gegenteiliger Gefühle, Gedanken und Wünsche. Bei täglichen Entscheidungsfragen besteht die Problematik darin, dass man kein eindeutiges Bild davon hat, wie eine Sache nun zu funktionieren habe. Und das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Nerven."

Bei täglichen Entscheidungsfragen besteht die Problematik darin, dass man kein eindeutiges Bild davon hat, wie eine Sache nun zu funktionieren habe. Und das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Nerven.
Sabine Fabach, Psychotherapeutin


So löschen sie das Feuer. Wie Sie sich in Erziehungsfragen auch entscheiden: Es ist okay. Ganz einfach, weil es in den meisten Fällen kein Richtig und kein Falsch gibt. Wichtig ist aber, dass Sie Ihrem Kind ein klares Bild vermitteln. Denn Kinder brauchen ein stabiles Fundament, den Schutz durch klare Grenzen. Sollten Sie beschließen, den Freiheitsdrang Ihres Kindes nicht über Gebühr einschränken zu wollen, dann erlauben Sie ihm gewisse Dinge, aber etwa mit klaren Einschränkungen wie: "Du darfst auf der Matratze springen, außer die Mama hat Kopfweh." Das ermöglicht Konstanz und Vorhersehbarkeit. Was Ihre persönliche Ambivalenz betrifft: Lassen Sie sie zu. Nicht immer haben wir Lust, verantwortungsvolle Mutter zu sein - ab und zu würden wir selber lieber Kind sein ...

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