Keine Lust: Pärchen sitzt im Bett, der Mann versucht sie zu umarmen und die Frau schaut nachdenklich zur Seite.

Keine Lust – wo bleibt das Wir?

Ein Baby verändert alles – den Körper, den Alltag, die Nähe. Das ehrliche Interview, das die meisten Expert:innen mit einem meistens nicht führen. Die steirische Klinische Sexologin Lisa Akbal über Tabus, veränderte Körperbilder und ein neues (Un-)Lustempfinden.

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© Shutterstock

Windeln wechseln, nicht schlafen, funktionieren, keine Lust. Und irgendwann, mitten in dieser neuen Erschöpfung, schaut man den Menschen an, mit dem man dieses Kind in die Welt gesetzt hat – und fühlt sich ihm seltsam fern. Die Verbundenheit zueinander liegt unter einem Haufen von To-dos begraben. Die Lust aufeinander noch tiefer drunter.

Worüber man nicht spricht

Die steirische Sexualpädagogin Lisa Akbal, Gründerin von „Lautstarklieben“, begleitet Menschen unter anderem in genau dieser Phase – und spricht über das, worüber rund ums Kinderkriegen meistens geschwiegen wird. „Es fehlt oft der Raum, um über die emotionale Dynamik als Paar zu sprechen: über Unsicherheiten, veränderte Rollen, Nähe, Distanz und Sexualität. Viele Paare werden auf das Elternsein vorbereitet, aber nicht darauf, wie sehr sich ihr ‚Wir‘ verschieben kann.“ Den Moment, in dem sich etwas zwischen ihnen verändert, erkennt die Sexologin oft an einem kleinen, aber bedeutsamen Zeichen: „Der Blick füreinander geht verloren. Gespräche drehen sich fast ausschließlich ums Kind, Organisation und Alltag. Das Paar ist im Funktionsmodus – sie bestreiten den Alltag miteinander, aber sie begegnen sich nicht mehr wirklich.“ Und das, betont sie, brauche nicht einmal ein Baby als Auslöser: „Das passiert auch in Langzeitbeziehungen. Sie hören auf, sich wirklich zu begegnen, und leben halt ‚einfach‘ nebeneinander her.“

Keine Lust und wenn die Energie fehlt

Es gibt, erzählt Akbal, einen typischen Kipppunkt nach der Geburt: „Häufig nach den ersten Wochen oder Monaten. Wenn die anfängliche Ausnahmesituation in einen dauerhaften Zustand übergeht: Schlafmangel, hohe Verantwortung, wenig Rückzug.“ Dann wird spürbar, dass Verbindung nicht einfach mitläuft – sondern aktiv genährt werden müsste. „Und genau dafür fehlt oft die Energie.“ Viele Paare halten an der romantischen Vorstellung fest, dass Liebe automatisch alles trägt. Der Moment, in dem diese Idee zu bröckeln beginnt, ist für viele erschütternd: „Wir lieben uns und fühlen uns trotzdem weit voneinander entfernt. Das kann schmerzhaft sein, festzustellen – Liebe allein reicht nicht aus.“

Liebe darf sich wandeln

Dass es normal ist, wenn sich die Partnerschaft zeitweise fremd anfühlt – das hören viele Frauen viel zu spät. Akbal formuliert es direkt: „Nähe darf sich verändern. Und es ist kein Zeichen von Scheitern, wenn Lust, Leichtigkeit oder Verbundenheit nicht sofort wieder da sind. Sondern ein Teil eines Übergangs in ein neues Wir.“

Fremder Körper, keine Lust

Nach der Geburt ist der Körper ein anderer, und zwar auf eine Weise, die weit über das Äußerliche hinausgeht. Er nährt, hält, funktioniert – und ist dabei erschöpft. Lust, sagt Akbal, brauche ein Gefühl von Zuhause im eigenen Körper. „Der Körper wird nach der Geburt oft anders erlebt: weniger als Quelle von Lust, mehr als Maschine. Manche Frauen fühlen sich selbst körperlich fremd.“ Und wieder ist Akbal wichtig, zu betonen, dass das nichts mit Versagen zu tun hat, sondern eine vollkommen natürliche Phase ist. Wer gerade ein Kind geschaffen und geboren hat, darf erst mal ankommen – in der neuen Rolle, im veränderten Körper, im umgebauten Alltag.

Portrait von Lisa Akbal
Lisa Akbal, Klinische Sexologin. © Stefan Preisegger

„Ich funktioniere, aber ich fühle nichts“ – diesen Satz hört sie oft. Dahinter steckt laut Akbal ein Zustand innerer Abkopplung: Der Körper läuft auf Dauerleistung, der Stressmodus übernimmt. „In dieser Zeit wird Spüren zur Nebensache – und Lust braucht aber genau das.“ Die Frage, die sie manchmal stellt, bringt es auf den Punkt: „Wie soll ich Leidenschaft spüren, wenn ich mich als Ganzes nicht wirklich spüre?“

Der Mental Load als Lustkiller

Lust und Erschöpfung hängen eng zusammen – und diese Verbindung wird gesellschaftlich massiv unterschätzt, findet Akbal: „Sexuelles Verlangen entsteht nicht im Zustand von ‚Ich muss noch schnell‘, sondern eher dort, wo ein Mindestmaß an Entspannung und Sicherheit da ist – das fehlt vielen frischgebackenen Eltern.“ Wenn es einen zentralen Faktor gibt, der Intimität verhindert, dann ist es der Mental Load: „Dieses ständige Mitdenken, Planen, Verantwortlichsein – das sind 1000 offene Tabs im Kopf. Und Intimität braucht ein Loslassen. Wenn im Hintergrund permanent To-do-Listen laufen, wird es schwer, in einen sinnlichen oder spielerischen Modus zu kommen.“ Gleichzeitig erlebt sie Unterschiede darin, wie Frauen und Männer diese Phase wahrnehmen: „Frauen sind oft stärker mit körperlichen und emotionalen Veränderungen beschäftigt, während Männer sich manchmal schneller wieder Nähe über Sexualität wünschen. Das kann zu Spannungen führen, weil beide eigentlich dasselbe suchen – nur auf unterschiedlichen Wegen.“

Das Missverständnis, das alles schwerer macht

Noch eine ganz typische Situation, die Akbal bei jungen Eltern immer wieder begegnet: Missverständnisse in der Kommunikation. Ein „Ich habe keine Lust“ wird gerne als „Du hast keine Lust auf mich“ interpretiert. Dabei gehe es oft gar nicht um den Partner – sondern um den eigenen Zustand, um Erschöpfung, Überforderung, fehlenden Kontakt zum eigenen Körper. Ab einem gewissen Punkt wird dann meist geschwiegen, um weitere Diskussionen zu vermeiden: „Dabei wäre es so wichtig, über die Gleichzeitigkeiten zu sprechen. Darüber, dass man das Baby liebt und genauso überfordert ist. Oder dass man den Partner schätzt, aber gerade keinen Zugang zu Nähe hat. Dieses Schweigen verstärkt oft das Gefühl von Isolation auf allen Seiten.“ Gedanken wie „Ich will einfach nur meine Ruhe, auch vor meinem Partner“ oder „Ich habe Angst, dass es nie wieder so wird wie früher“ – sie sind häufiger als man denkt. Nur ausgesprochen werden sie eben kaum.

Keine Lust – was wirklich hilft

Aber wie spricht man über fehlende Lust, ohne dass es als Zurückweisung ankommt? „Indem man weggeht von Schuld und hin zu Selbstwahrnehmung. Zum Beispiel: ‚Ich merke, ich bin gerade sehr weit weg von mir‘ – statt ‚Ich will nicht mit dir schlafen.‘ Das öffnet einen Raum für Verständnis statt für Verletzung.“ Was Paare darüber hinaus dabei unterstützt, wieder zueinanderzufinden: „Ehrlichkeit ohne Druck. Kleine, echte Begegnungen im Alltag – ein Blick, eine Berührung ohne Erwartung. Den Mental Load aufteilen, die Lasten gemeinsam tragen. Den anderen sehen – in allem, was sie oder er tut, für ein gemeinsames Wir. Und die Erlaubnis, Intimität neu zu definieren, statt an alten Vorstellungen festzuhalten.“

Wird das wieder mit uns?

Eine Frage, die sich viele insgeheim stellen. Akbal antwortet ohne Zögern: Ja, in den meisten Fällen schon. „Das Wir-Gefühl, die Leichtigkeit kehren oft anders zurück – weniger spontan, dafür bewusster. Es braucht Aufmerksamkeit, Zeit und manchmal ein aktives Wiederentdecken.“ Wer merkt, dass Gespräche sich im Kreis drehen, dass Distanz länger anhält oder dass einer von beiden sich dauerhaft allein fühlt, sollte sich früh Unterstützung holen – das nehme viel Druck raus, sagt sie. Und wenn wir offener über all das sprechen würden? „Es würde enorm entlasten. Paare würden sich weniger falsch fühlen, weniger vergleichen – und früher erkennen: Wir sind nicht allein damit. Genau das schafft wieder Nähe.“

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