Auf lange Sicht

Lifestyle

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Unser Körper beginnt bereits mit 25 Jahren zu altern. Bis 2030 wird die Anzahl der Über-60-Jährigen weltweit erstmals die der Jugendlichen übertreffen. Nichtsdestotrotz ist das Altern in unserer Gesellschaft immer noch ein tabuisierter Zustand, den es gilt, möglichst lange hinauszuzögern. Plötzlich hervorlugendes graues Haar wird radikal ausgezupft oder überfärbt, das erste Hörgerät elegant hinter eben dieser Haarpracht versteckt und die Wechseljahrsbeschwerden mit allen Mitteln zu verharmlosen versucht – vom Milliardengeschäft der Faltenbekämpfung ganz zu schweigen. Es drängt sich die Frage auf: Ist würde volles Altern heute überhaupt noch möglich?

Jung um jeden Preis

Wie es gelingt, sich mit dem älter werdenden Körper anzufreunden und diesem Prozess weniger verzagend als würdevoll zu begegnen, beschreibt Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer in seinem neuen Buch „Die großen Fragen des Alterns“. Und gelangt dabei recht bald zu der Erkenntnis: In unserer Konsumgesellschaft, wo man immer „nur so alt ist, wie man sich fühlt“, verschwindet das Alter aus dem kollektiven Raum. „Unser gegenwärtiger Umgang mit dem Alter verlangt, dem Klischee vom Altern nicht zu entsprechen, das die Jungen uns auferlegen“, konstatiert der 81-Jährige. „Die Alten sind gehalten, sich von den ‚wirklich Alten‘ abzugrenzen, vielleicht ähnlich, wie Tourist:innen begeistert von Orten erzählen, die nicht von ihresgleichen heimgesucht seien.“

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Rollenumkehr

Das Alter hat in der westlichen Kultur ein Imageproblem, und zwar ein gewaltiges. Dabei waren es einst sogar die Ältesten, denen die verantwortungsvollsten Aufgaben zuteil wurden – unter anderem, die Jungen zu lehren oder große Entscheidungen zu treffen. „Wenn die Alten [heute] im Heim sitzen, muss man Mitleid mit ihnen haben, aber sie sind auch dort, wo sie hingehören“, so Wolfgang Schmidbauer. „Der Respekt vor dem ehrwürdigen Greis wurzelte in Zeiten, als Hochbetagte selten waren. Heute sind wir viele, wir sind nichts Besonderes, und wenn wir anerkannt werden wollen, müssen wir uns Mühe geben. Wenn uns jemand diskriminiert, müssen wir uns selber wehren und sollten nicht hoffen, dass sich aus einer anonymen Menge jemand erhebt und das für uns tut.“

Lebensstil als Einflussfaktor

Doch sehen wir uns einmal kurz an, was eigentlich genau im Körper passiert, wenn wir altern. Wie bereits eingangs erwähnt, setzt dieser Prozess bereits im jungen Alter von 25 Jahren ein. Ab diesem Zeitpunkt verlieren die Mitochondrien, unsere „Zellenkraftwerke“, kontinuierlich an Stärke – um ungefähr ein Prozent pro Jahr. Die Folgen: Unsere Muskelkraft schwindet und die Organe werden mit weniger Energie versorgt. Auch die Zellteilung und -erneuerung werden verlangsamt, was wir beispielsweise an der Erschlaffung unserer Haut merken. Die Gene spielen beim Fortschreiten des Alterungsprozesses übrigens nur bedingt eine Rolle – sie steuern ihn lediglich zu rund 30 Prozent. Der Rest wird durch den individuellen Lebensstil und Faktoren wie Ernährung, Bewegung, Schlafqualität und mentale Widerstandsfähigkeit beeinflusst.

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Eine Frage der Einstellung

Nicht zu unterschätzen ist dabei die Mentalität: Eine positive Einstellung zum Älterwerden kann die Lebenszeit sogar um bis zu 13 Jahre erhöhen, wie Studien der Altersforscherin Susanne Wurm von der Universität Greifswald gezeigt haben. Die Professorin hat sich vor allem mit der Frage auseinandergesetzt, warum sich Menschen im steigenden Alter immer weniger ähneln – und worauf diese Unterschiede zurückzuführen sind. Und sie stellte fest: Menschen, die das Altern nicht übermäßig problematisieren, essen gesünder, bewegen sich mehr und nehmen Vorsorgeuntersuchungen häufiger in Anspruch. Wer hingegen mit einem negativen Altersbild aufwächst, trägt ein doppelt so hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme. Dass ein schlechtes Mindset sogar Gedächtnisverlust und ein Nachlassen des Hörvermögens begünstigen kann, wurde in Untersuchungen von Becca R. Levy, Yale-Professorin und Expertin für soziale Gerontologie, bestätigt.

Perspektivenwechsel

Wie aber kann es gelingen, einem Thema, gegen dessen Sichtbarkeit an allen Fronten gekämpft wird, positiv zu begegnen? Zugegeben, leicht ist es nicht. Denn es erfordert einen grundlegenden Perspektivenwechsel. Gelingt dieser, wird man aber mit der Erkenntnis belohnt, dass man im Alter nicht nur Dinge verliert, sondern auch dazugewinnt – wie Lebenserfahrung, Weisheit und Gelassenheit, um nur einige zu nennen. Es fällt einem beispielsweise leichter abzuwarten, einfach still irgendwo zu sitzen und in die Landschaft zu blicken. Man muss seinen Mitmenschen und sich selbst nicht mehr viel beweisen, sondern kann sich ganz auf die eigenen Bedürfnisse konzentrieren.

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Pläne schmieden

Ganz so einfach ist die Verinnerlichung dieser Vorsätze in der Praxis natürlich nicht (immer). Umso ratsamer ist es, sich schon frühzeitig zu überlegen, wie das eigene Leben im Alter aussehen soll. Wer nämlich sein ganzes Leben lang gearbeitet hat und den Job mit Pensionsantritt von einen auf den anderen Tag verliert, kann schnell in eine Depression fallen. Immerhin bekommt man über die berufliche Tätigkeit auch zu einem großen Teil Bestätigung und Wertschätzung – und eben diese gilt es nun, im Privaten auszugleichen. Genügend Ressourcen wären ja meist noch vorhanden. Oftmals sogar besonders wertvolle, denn mit dem Alter kommt etwa auch die Fähigkeit, Dinge effizienter handzuhaben: „[Jüngere] haben Kraft zu verschwenden, also verschwenden sie auch Kraft. Der Ältere hat nicht mehr so viel, also schont er seine Ressourcen und kann auch andere eher dazu bringen, das Beste aus ihren Potenzialen zu machen“, stellt Wolfgang Schmidbauer fest.

Lust am Leben

Die „Kunst des Alterns“ sieht der Psychoanalytiker vor allem darin, den Prozess zu vergessen, solange es geht – und ihn zu akzeptieren, sobald er sich nicht mehr verdrängen lässt. Ihm selbst gelinge das, indem er das Leben weniger nach Prinzipien und mehr nach Lust gestaltet. Natürlich sei das nicht immer der Fall – etwa, wenn es darum gehe, einen langweiligen Antrag an die Krankenkasse zu schreiben. Aber dafür freue er sich umso mehr, hinterher etwas Spaßiges zu unternehmen. Auch, wenn man dafür ein bisschen länger braucht als früher.

IM GRUNDE IST UNSER GANZES LEBEN EIN ALTERUNGSPROZESS.
HIER DER BEWEIS:

Ab 15 Jahren
Die Elastizität der Augenlinse nimmt ab.

Ab 25 Jahren
Schleimhaut und Bindegewebe werden dünner, die Durchblutung nimmt ab. Die Fruchtbarkeit sinkt (bei beiden Geschlechtern). Die Zellen erneuern sich langsamer.

Ab 30 Jahren
Die Haut verliert an Elastizität und Festigkeit, das Unterhautfettgewebe geht zurück. Der Grundumsatz geht zurück, der Blutdruck steigt.

Ab 40 Jahren
Die Sehkraft wird schwächer, es wird Zeit für eine Lesebrille. Auch die sogenannte Ein-/Ausatemkapazität und das Lungenvolumen nehmen ab.

Ab 50 Jahren
Die Anzahl und Größe der Muskelzellen sinken.

Ab 60 Jahren
Die Stimmlippen degenerieren, wodurch bei vielen Frauen die Tonlage tiefer wird.

Ab 65 Jahren
Das Gehirn des Menschen schrumpft. Seien Sie beruhigt: Die Intelligenz wird nicht beeinträchtigt. Ab 70 Jahren Der Körper speichert weniger Wasser, das Risiko für Demenzerkrankungen steigt.

Ab 70 Jahren
Der Körper speichert weniger Wasser, das Risiko für Demenzerkrankungen steigt.

Buch-Tipp:

ZUM NACHLESEN: Die großen Fragen des Alterns von Wolfgang Schmidbauer © ecoWing Verlag

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