Liebe Busen, ich stecke euch nie wieder in einen BH. Versprochen!

Und es tut mir leid, dass ihr beinahe täglich ins Busengefängnis musstest. Die Zeiten sind jetzt vorbei. Ein Plädoyer für mehr Busenfreiheit und weniger Patriarchat (read: gar keins mehr).

Burn your Bra

Ich war zwölf, als der erste BH mit Snoopy-Aufdruck in mein Einkaufskörbchen wanderte und damit auch die Erkenntnis, die Bestätigung der Gesellschaft kam: Jetzt bist du eine Frau. Kein Teenager mehr, schon gar kein Kind mehr. Sondern eine Frau.

Meine Freundin Dine kaufte sich den mit Hello Kitty-Muster (bzw. ich kaufte ihn, weil ihre Mama durfte das nicht wissen. Anders als in unseren Köpfen war Dine in den Augen ihrer Mutter scheinbar noch ein Kind). Meine Mama hingegen war relativ entspannt über den Kauf meines ersten BH’s. Push-up versteht sich, sprich: Das Teil bestand weniger aus Snoopy-Stoff und vielmehr aus Pads und Fütterung, die aus einem A-Körbchen schnell ein B- bis C-Körbchen machten.

Wie ich das Patriarchat internalisiert hatte.

Retrospektiv hatte ich natürlich keine Ahnung, warum ich gerade diesen BH kaufte. Kaum ein Mädchen wird – nachdem es in einer patriarchalen Gesellschaft aufgewachsen ist – im Alter von zwölf Jahren eine selbstbestimmte Entscheidung treffen, ob und warum sie einen BH kaufen möchte oder eben nicht. Junge Mädchen lernen schnell: Die weibliche Brust kann niemals gut genug sein. Als Frau ist man entweder zu freizügig oder zu prüde – take your pick. Das lernen wir, das internalisieren wir. Meine Freundinnen und ich hatten diese Denkweise spätestens zu Beginn der Unterstufe perfektioniert.

Ich war elf Jahre, als es in der Garderobe vor und nach dem Turnunterricht zwei Lager gab. Eines, das Busen ekelhaft fand á la "Wäh, schau, die Lilli hat noch gar keinen BH an!" und das andere Lager, das nach Rufen wie "Oh mein Gott, schau. Die Lilli trägt schon einen BH!" in schallendes Gelächter ausbrach.

Natürlich hatte ich die Dynamik damals nicht verstanden. Ich wollte nur möglichst gut dazugehören, nicht zu erwachsen wirken aber auch nicht gar keinen BH tragen. Deshalb die Lösung: BH, aber halt mit Mascherl und Snoopy-Aufdruck (und einem halben Liter Dämmmaterial).

Wie ich gecheckt habe, dass das Patriarchat existiert.

Ich war 14 und gerade am 5-Meter-Turm im Freibad, als der Jakob gerade mit seinem Rückwärtssalto angibt und ich mich zum ersten Mal fragte: Warum eigentlich müssen Buben keine Bikinis tragen? Warum haben die nie aufgehört Oberkörperfrei baden zu gehen? Wann ist der Moment, in dem Eltern beschließen: So, Schluss mit Nackertbaden für unser Tochterkind, ab jetzt muss es die Nippel verdecken? Und sind es die Eltern, die das entscheiden oder ist es was Größeres?

Die Antworten kamen nicht am 5-Meter-Turm, sondern über Jahre, sind sie doch nur Symptome eines Systems, das sich Patriarchat nennt. Aber ich verstand noch an diesem Tag im Freibad: Der nackte Oberkörper einer Frau hat in unserer Gesellschaft offensichtlich einen anderen Stellenwert als der eines Mannes. Männliche Nippel werden anders bewertet als weibliche Nippel. Eine Erkenntnis, die vieles, das ich als 14-jährige glaubte zu wissen, über den Haufen warf. Und eine Erkenntnis, die mich in den nächsten Jahren gewisse Dinge differenzierter wahrnehmen ließ.

Nur weibliche Nippel sind böse.

Hat man die Absurdität von weiblichen vs. männlichen Nippeln einmal gesehen, kann man sie niemals nicht mehr sehen und man merkt schnell: Einerseits gelten Brüste in der Werbung bis heute als Verkaufsargument – für Ziegel, Fenster, Rasenmäher, ganz egal: Hier ein paar Titten, kaufen Sie! Andererseits kann die Brust einer einzelnen Frau aber niemals gut genug sein. Da muss gepusht, gepolstert und geformt werden.

Und das muss es deshalb, weil mein weiblicher Körper nicht nur meiner ist. Weil er zum Diskussionspunkt für die Öffentlichkeit wird. Er wird bewertet, sexualisiert, gleichzeitig tabuisiert.

Das merke ich später auch auf Instagram: Männer-Nippel stören hier rein rechtlich niemanden. Wird hingegen ein weiblicher Nippel fotografiert und gepostet, greift die Zensur. Accounts werden gesperrt und Bilder gelöscht. Vor allem auch stillende Mütter und brustkrebskranke Frauen schlagen sich mit den Richtlinien herum, die sagen: Frauen, die sich nach einer Mastektomie zeigen, verschwinden auf Instagram unter einem Hinweis mit dem Titel "Missbrauch".

Wie das Patriarchat uns reintricksen will.

Ich war um die 19, als ich begonnen habe, mir in dem Moment, in dem ich nach Hause durch die Tür gehe, den BH durch den Ärmel zu ziehen und in die Ecke zu schleudern. Manchmal hab ich nach dem Fortgehen schon auf der Rückbank im Taxi an meinem Rücken rumgefuchtelt, um den Verschluss hinten zu öffnen. Und dann endlich wieder: Durchatmen. Keine Träger, die einschneiden, keine Bügel, die drücken. Aber ganz weglassen? Auch im Alltag? Geht ja nicht, ich trage ja schon Zuhause die ganze Zeit keinen BH, also müsse ich ihn zumindest außer Haus tragen. Wer keinen BH trägt, dessen Busen werden irgendwann hängen und das ist als Frau, das Schlimmste, das dir passieren kann, hatte ich gelernt. Kommt man dem Patriarchat dann mit Selbstbestimmung und dass es ihm doch egal sein könnte, ob Busen hängen, versucht das Patriarchat mit medizinischen Argumenten die Kontrolle über den weiblichen Körper zu legitimieren: Hängebrüste sind ungesund, BHs deshalb wichtig - auch dann, wenn ein BH tatsächlich keine Erleichterung oder Stütze für Frauen mit großen Brüsten ist.

Medizinisch belegbar ist das nicht: Professor Jean-Denis Rouillon der CHU de Besançon führte 15 Jahre lang eine Studie an 330 Frauen durch und fand heraus, dass die Brust durch das Tragen eines BHs überhaupt keinen medizinischen, physiologischen und anatomischen Mehrwert hat. Im Gegenteil: Die Brust verliert an Muskelmasse. Verzichtet man auf einen BH, muss das Gewebe sich selbst stützen und baut Muskelmasse auf.

Die Argumentationslinie ist also vielleicht immer ein bisschen unterschiedlich, die Message am Ende immer die gleiche: Ein sich abzeichnender weiblicher Nippel ist ein absolutes No-Go und muss unbedingt versteckt werden.

Ich bin 24 als ich beschließe keine BHs mehr zu tragen. Ein bisschen aus Selbstbestimmtheit und ganz viel aus Trotz heraus. Gespräche mit Freundinnen, Vorreiterinnen des #FreeTheNipple-Movements und empowernde Postings auf Social Media haben mir dabei geholfen. Das klingt jetzt ganz schön aufgeblasen und nicht nur wie das Weglassen eines BHs, sondern ein bisschen wie der Start einer kleinen Revolution. Weil es das auch ist. Neben den ganz lauten Kampfansagen von Nippelbefreierinnen werden die kleinen Schlachten ganz leise im Alltag ausgefochten. Es sind die Blicke in der U-Bahn, wenn sich unter einem weißen Shirt ein Nippel abzeichnet, und die Blicke, wenn ich beim Sonnenbad kein Oberteil trage. Die sind mal leichter und mal weniger leicht hinzunehmen. Aber die Busen fühlen sich so gut an wie nie.

Also liebe Busen: Es tut mir leid, dass ich euch so lange jeden Tag ins Busengefängnis geschickt habe. Das Patriarchat hat mir gesagt, dass ich das machen muss, aber diese Zeiten sind vorbei. Also das mit dem Patriarchat noch nicht, aber ich arbeite daran – und bis dahin bleibt das Weglassen vom BH eine kleine Alltagsrebellion.

 

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