Karim El-Gawhary im Interview

Krieg, Angst und Terror – das sind Dinge, die dem Journalisten Karim El-Gawhary täglich begegnen. Er erzählt uns, warum er sich manchmal machtlos fühlt, worum es in seinem neuen Buch „Auf der Flucht“ geht und wie die Politiker derzeit versagen.

Herr El-Gawhary, Sie haben in Ihrem Buch „Auf der Flucht – Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeers“ viele berührende und schreckliche Geschichten von Menschen auf der Flucht gehört. Welche ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

KARIM EL-GAWHARY: In Erinnerung geblieben sind mir eigentliche alle Geschichten. Aber es gibt natürlich Geschichten, die mir näher gegangen sind als andere. Zum Beispiel die Geschichte des 13-jährigen Ibrahims, dessen Mutter zwei Wochen zuvor zusammen mit ihm und 140 anderen Flüchtlingen auf einem Kahn von der Küste östlich von Alexandria aus nach Italien wollte, als die ägyptische Küstenwache das Boot beschossen hat und Ibrahims Mutter direkt neben ihm erschossen wurde. Ich saß dann da mit diesem 13-jährigen Jungen auf der Polizeistation in Ägypten und wusste nicht so richtig, was ich in so einer Situation sagen soll. Ich habe ihn dann gefragt: "Was hättest du denn gemacht, wenn du es mit deiner Mama nach Europa geschafft hättest?" Er hat geantwortet: "Dann wäre ich endlich wieder zur Schule gegangen." Das sind dann so Momente, wo du als Journalist da sitzt und nicht weißt, was du weiterfragen sollst. Oder ein Interview mit einer jungen jesidischen Frau, Amscha, die von den Jihadisten des Islamischen Staates verschleppt wurde. Ihr Vater, ihr Bruder, ihr Onkel wurden vor ihr erschossen und sie wurde dann entführt. Sie ist auf einem Markt in Mossul wie Vieh verkauft worden und konnte dann endlich fliehen. Ich habe sie in Kurdistan getroffen und sie hat mir ihre Geschichte eineinhalb Stunden lang erzählt. Eine sehr traumatisierte Frau. Am Ende sagte sie dann: „Eigentlich habe ich jeden Tag daran gedacht, mich umzubringen. Aber ich kann es nicht, weil ich habe ein kleines Kind auf dem Schoß und ein weiteres im Bauch.“ Diese Gespräche sind schwierig – was sagt man zu dieser Frau? Das sind Momente, wo man sich als Journalist ohnmächtig fühlt.

Fällt es Ihnen da schwer, abzuschalten – wenn Sie täglich mit solchen Geschichten konfrontiert werden?

EL-GAWHARY: Sicher. Diese Geschichten habe ich eigentlich geschrieben, um sie den Österreichern auch ein wenig vorzustellen. Inzwischen hat mich da die Realität eingeholt – denn diese Geschichten kommen jetzt am Westbahnhof, am Hauptbahnhof, in Nickelsdorf an. Das sind keine exotischen Geschichten mehr, es sind die gleichen Menschen, die hier ankommen. Das hätte ich damals nicht gedacht.

Kommen wir zur aktuellen Situation: Sie haben kürzlich einmal getweetet: „Flüchtlinge flüchten mit Schleppern, die schleppen, weil Politiker versagen, die sich dann in Schweigeminuten flüchten.“ Was meinen Sie damit?

EL-GAWHARY: Der Schleppermarkt ist ein ganz normaler Markt mit Angebot und Nachfrage. Das heißt – wenn Menschen, die in verzweifelten Lagen sind, die Möglichkeit haben, auf eine legale und organisierte Art und Weise nach Europa zu kommen, dann wäre das die beste Schlepperbekämpfung überhaupt. Wir dürfen nicht vergessen: in den Nachbarländern Syriens leben vier Millionen Flüchtlinge. Das heißt, was wir hier erleben, ist im Vergleich zu dem, was die Nachbarländer schon seit drei Jahren erleben, viel kleiner. Im Libanon ist jeder vierte Mensch heute ein syrischer Flüchtling. Wenn ich das auf Österreich umrechnen würde, wären das zwei Millionen Flüchtlinge. Es gibt vom UN-Flüchtlingswerk elendslange Listen von „verwundbaren Flüchtlingen“. Das sind Menschen, die sind entweder gefoltert worden, Frauen, die vergewaltigt wurden, Waisenkinder und so weiter, die auf der Prioritätenliste ganz oben stehen. Es wäre sinnvoll, dass man genau mit diesen Listen den Menschen Möglichkeiten gibt, legal nach Europa zu kommen.

Jetzt wird ja gerade genau das Gegenteil gemacht – die Grenzen werden dicht gemacht. Sind Grenzkontrollen Ihrer Meinung nach die richtige Lösung?

EL-GAWHARY: Ich habe in meinen zarten 51 Jahren noch nie eine Situation erlebt, in der die Realität die Politik so vor sich hergetrieben hat wie jetzt. Alles, was ich da irgendwie sehe, ist eine ziemliche Maßnahme der Ratlosigkeit. Einmal zu, dann wieder auf, dann wieder zu, dann wieder auf. Damit kriegt man so etwas natürlich nicht in den Griff. Es braucht europaweite Regelungen. Man muss dabei immer verstehen, dass auf der anderen Seite der Grad der Verzweiflung so hoch ist, dass auch Zäune und hohe Mauern die Menschen nicht aufhalten werden. Auch diejenigen, die heute sagen, man muss sich abschotten, haben im Grunde genommen auch keine wirkliche Lösung. Das wird in der Realität so nicht funktionieren. Wir müssen auch die Nachbarländer unterstützen. Wenn ich sage, dass das europäische „Boot voll“ ist, kann ich nicht gleichzeitig zusehen, wie das türkische „Boot“ mit zwei Millionen Flüchtlingen, das libanesische mit über einer Million, und das jordanische mit 300.000 Flüchtlingen untergeht. Den Ländern muss massiv geholfen werden. Stattdessen hat das UN-Flüchtlingswerk heute de facto weniger Geld zur Verfügung als letztes Jahr. Das hat konkrete Auswirkungen, etwa bei der Nahrungsmittelverteilung. Wir haben eine Situation mit über einer halben Million schulpflichtiger syrischer Kinder im Libanon, von denen zwei Drittel nicht in die Schule gehen. Das ist eine Zeitbombe. Das ist eine verlorene Generation, die sich auch leicht radikalisieren lässt. Eine Generation, die das Land eigentlich irgendwann einmal wieder aufbauen sollte. Das muss man heute - und nicht morgen oder übermorgen - auf die politische Agenda setzen. Schließlich muss man sich auch um die Ursachen kümmern.

Kommen wir zurück zu Ihrem neuen Buch: Das erste Kapitel heißt „Von der Gnade des Geburtsortes“. Es setzt sich mit dem Glück auseinander, in einem Land wie Österreich geboren worden zu sein. Sollten wir - und vor allem auch die Politiker - sich das in diesen Zeiten öfter vor Augen führen?

EL-GAWHARY: Ich glaube ja. Ich erzähle in diesem Zusammenhang immer die Geschichte von der Syrerin Soha, die mit ihren vier Töchtern von der ägyptischen Mittelmeerküste auf einem alten Kutter ins Meer stach. Bereits wenige Kilometer vor der Küste sank das Boot. Soha hatte als einzige eine Schwimmweste an. Sie erzählte mir dann, wie sich ihre vier Töchter im Alter zwischen drei und elf Jahren panisch an sie klammerten. Sie hat versucht, sich irgendwie über Wasser zu halten – doch eine Weste kann nicht fünf Menschen tragen. Wenn sie nicht alle ertrinken sollten, musste sie sich entscheiden, welches ihrer Kinder sie loslässt. Doch Soha konnte und wollte sich nicht entscheiden, strampelte, um über Wasser zu bleiben und wartete ab, was als Nächstes geschehen würde. Als Erstes ist ihre dreijährige Tochter nachts im Mittelmeer versunken, als nächstes folgten die anderen beiden Töchter. Sechs Stunden später wurde Soha mit ihrer ältesten Tochter Sarah von der ägyptischen Küstenwache aus dem Wasser geborgen. So kam es, dass sie diese Geschichte überhaupt noch erzählen konnte.

Es ist wichtig, sich solche Sachen zu vergegenwärtigen. Es ist reiner Zufall, dass man im schönen Österreich geboren wurde – und nicht in Aleppo oder Damaskus. Genau diese Situation, im Mittelmeer zu schwimmen und sich zu überlegen, welches meiner Kinder lasse ich los? Das ist etwas, das möchte man sich gar nicht vorstellen. Es ist reiner Zufall, dass man auf der Honigseite des Lebens steht. Das ist das beste Mittel gegen Überheblichkeit und Indifferenz. Das ist die Idee dieses Buches: denn diese Menschen tauchen immer nur als Massen und in Statistiken auf. Aber hinter jedem Einzelnen stecken Namen, Gesichter und Schicksale. Ich wollte diese Geschichten erzählen und den Menschen ein Gesicht geben – damit man weiß, wer sie sind und man ihnen nicht teilnahmslos gegenüber steht.

Karim El-Gawhary wurde 1963 als Sohn einer deutschen Mutter und eines ägyptischen Vaters in München geboren. Seit 1991 ist er als Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Zeitungen tätig, seit 2004 leitet er das Nahostbüro des ORF in Kairo. Zuvor war er dort fünf Jahre als Vertreter des ARD-Rundfunkstudios tätig. 2011 erhielt er den Concordia Publizistik-Preis, 2012 wurde er zum "Auslandsjournalisten des Jahres" gewählt.

Sie fliehen vor Krieg und Terror aus Syrien und dem Irak und vor der Armut in Afrika. Viele Millionen sind es. Allein in der libanesischen Bekaa-Ebene leben über 200.000 Menschen in notdürftig mit Planen abgedeckten Verschlägen. „Ich habe mein Baby bei Schnee und Eis zur Welt gebracht und in der Kälte ist es dann gestorben“, erzählt etwa Fatma.

Manche wagen den lebensgefährlichen Weg durch die Wüste und über das Meer. „Das Schlimmste“, sagt Dembo aus Gambia, „war die Fahrt durch die Sahara.“ Eine Flasche Wasser musste für eine Woche reichen. Hinzu kam die peinigende Angst, auf dem vollgepferchten Pick-up zu sterben. Für Schlepper sind Flüchtlinge ein gutes Geschäft. Sie bringen „mehr Geld als Drogen“, brüstet sich ein Drahtzieher der römischen „Mafia-Capitale“. Nur wenige schaffen es in sichere Staaten – wie die menschenwürdige Aufnahme von Flüchtlingen gelingen kann, zeigt das letzte Kapitel des Buches.

 

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