Identitäre starten eigene #MeToo-Kampagne

#MeToo greife zu kurz: Die wahre Bedrohung sei "importierte" Gewalt gegen Frauen. Mit einer eigenen Kampagne will die rechte Bewegung der Identitären Stimmung gegen Flüchtlinge machen.

"Mein Name ist Mia. Meine Name ist Maria. Mein Name ist Ebba", wiederholen verschiedene Frauen mantra-artig in die Kamera. Es ist der Beginn des Videos "Frauen wehrt euch! #120db - Die Töchter Europas", das die rechte Bewegung der "Identitären" diese Woche auf YouTube geteilt hat. "Mia, Maria und Ebba" stehen stellvertretend für weibliche Opfer von Gewalt durch Flüchtlinge. "Ich wurde in Kandel erstochen", sagen die Protagonistinnen. "Ich wurde in Malmö vergewaltigt. Ich wurde in Rotherham missbraucht. Und ich wurde in Stockholm überfahren." Sie warnen: "Die Täter lauern überall."

Die #120db-Kampagne soll "das wahre" #MeToo sein

Ein Aufruf zum Widerstand europäischer Frauen gegen "Überfremdung, Belästigung und Gewalt" will #120db sein. 120 Dezibel, das sei die Lautstärke eines handelsüblichen Taschenalarms, der mittlerweile zur Grundausstattung in der Handtasche einer europäischen Frau gehöre. Bushaltestellen, Joggen im Park oder der Heimweg seien gefährlich. "Wir sind nicht sicher, weil ihr uns nicht schützt", sagen die Frauen. Es gäbe zu wenig Grenzschutz und Kontrolle, zu wenig Abschiebungen von Straftätern.

"Wegen eurer Zuwanderungspolitik stehen wir bald einer Mehrheit von jungen Männern aus archaischen, frauenfeindlichen Gesellschaften gegenüber," klagen die Frauen an. Und: "Ihr habt das gewusst. Ihr habt das in Kauf genommen. Ihr habt uns geopfert."

Die Kampagne soll der "wahre Aufschrei gegen die wahre Bedrohung in Europa" sein. Die Feinde: Migranten, Asylwerber und (linke) Politik, gegen die es als "Töchter Europas" zu kämpfen gilt.

Martin Sellner steckt hinter #120db

In einem zweiten Kampagnen-Video sprechen Martin Sellner, einer der führenden Akteure der Identitären in Österreich, und #120db-Initiatorin Berit Franziska im Interview-Stil über die Kampagne. Titel: "The real #meToo". Die Website der Kampagne läuft auf Martin Sellner, wie die Tagesschau berichtet. Aktivistin Franziska betreibt einen antifeministischen Blog, teilt öfters Beiträge der Identitären und ließ sich von Sellners Vertrauten, der Amerikanerin Brittany Pettibone, im Oktober 2017 auf deren YouTube-Channel interviewen. Pettibone wird der Alt-Right-Bewegung zugerechnet, die rassistische und antisemitische Ideologien vertritt.

Was #MeToo in den letzten Monaten geschafft hat, ist einzigartig: Weltweit erzählten hunderttausende Frauen von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung, Missbrauch und Gewalt. Sie haben eine längst überfällige Debatte angestoßen und die Wahrnehmung sexueller Gewalt gegenüber Frauen nachhaltig verändert.

Die Identitären beschäftigen sich jetzt auch mit sexueller Gewalt gegen Frauen. Aber nur mit jener, die von Flüchtlingen und Migranten ausgeht. Damit blenden sie einen Großteil der Straftaten aus.

Realität: Anteil straffälliger Asylwerber sinkt

Die Geflüchteten, die zuletzt in Österreich Sicherheit gefunden haben, sind keine Masse krimineller Straftäter. Die österreichische Kriminalitätsbilanz 2016 zeigt, dass der Anteil der straffälligen AsylwerberInnen an der Gesamtzahl der AsylwerberInnen konstant bis leicht im Sinken begriffen ist.

Von 23 Prozent in 2013 sank er auf 18 Prozent in 2016. Nominell sind die Straftaten durch AsylwerberInnen zwar um 54 Prozent gestiegen, es sind aber weitaus mehr Menschen nach Österreich gekommen. Die Delikte sind überwiegend Kleinkriminalität: Diebstahl, (leichte) Körperverletzung, Drogenhandel. Außerdem passieren die Straftaten meist innerhalb der eigenen Volksgruppe: Von den Opfern der Asylwerber-Kriminalität waren 26 Prozent ÖsterreicherInnen.

Fast 80 Prozent der verurteilten SexualstraftäterInnen sind ÖsterreicherInnen

2015 gab es in Österreich 986 Verurteilungen wegen Vergehen gegen die sexuelle Integrität und Selbstbestimmung(Paragraf 201- Paragraf 220b StGB) gegen 963 Männer und 24 Frauen. 79,3 Prozent der Verurteilten waren österreichische StaatsbürgerInnen.

2016 wurden insgesamt 2.732 Anzeigen wegen sexueller Vergehen eingebracht, ein Anstieg von 15 Prozent. 86 Prozent der Fälle konnten aufgeklärt werden. Der Paragraf "Sexuelle Belästigung und öffentliche geschlechtliche Handlungen" wurde außerdem umformuliert, die Zahl der Anzeigen ist dann um 56 Prozent gestiegen. In fast zwei Drittel aller angezeigten Gewalttaten bestand eine Beziehung zwischen Täter und Opfer.

>>> Elfriede Hammerl im WIENERIN-Interview: "Unsere Frauen vergewaltigen wir immer noch selber, nicht die Fremden"

Die Kriminalstatistik 2017 wird erst im Frühjahr 2018 veröffentlicht. Wie der Kurier berichtet, ist laut der Rohdaten die Zahl der tatverdächtigen Asylwerber im letzten Jahr um 10 Prozent gesunken.

Dennoch sind nicht-österreichische StraftäterInnen in der medialen Berichterstattung oft überrepräsentiert. Der Kriminalsoziologie Norbert Leonhardmair analysierte im Kurier: "Wir haben im ersten Halbjahr 2016 untersucht, wie viele Partei-Aussendungen es zum Thema sexuelle Gewalt gab. Von den 80 waren mehr als die Hälfte von einer Partei – und es ging in Summe um vier Fälle. Diese wurden in drei Boulevardmedien dann groß berichtet."

#120db will Ängste und Vorurteile schüren

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ulrich ortet in den Aktionen der Identitären die Absicht "dass möglichst viele Menschen sich in ihrer Lebensweise bedroht - von einem Gegner oder Feind angegriffen - fühlen. Durch das Gefühl der Bedrohung soll dann ein Bewusstsein für das Eigene - für das, was man auf keinen Fall verlieren will - und damit für die Identität entstehen oder gestärkt werden."

Die Identitären inszenieren mit ihrem Video ein "Wir gegen die Anderen"-Gefühl. Sie schüren Ängste und Wut und ignorieren dabei große Bereiche der sexuellen Gewalt, Übergriffe und Belästigung gegen Frauen - und damit letztlich die Lebensrealität der "Töchter Europas".

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