Frauen in der Politik und der Kampf gegen Männerbündnisse

Die Niederlage von Hillary Clinton macht uns schmerzlich bewusst, wie gering die Chancen einer Frau sind, ein hohes Amt zu bekleiden. Eine Spurensuche.

Hillary Clinton und damit der Traum, eine Frau als US-Präsidentin zu erleben, ist zumindest für die nächsten Jahre einmal ausgeträumt. Stattdessen hat ein offen misogyner, rassistischer und unqualifizierter Mann das Amt übernommen. Was diese Wahl deutlicher denn je zeigt, ist daher: selbst wenn Frauen in der Politik ein deutlichen Qualifikationsvorsprung haben, schaffen sie es nicht an die Spitze. Auch im österreichischen Parlament liegt der Frauenanteil aktuell bei 30,6 Prozent, auf Länderebene sieht die Bilanz noch schlechter aus und noch keine Frau hatte eine realistische Chance, österreichische Bundeskanzlerin zu werden. Wir begeben uns auf eine Spurensuche nach den Ursachen und Ansprüchen, die an Frauen in der Politik gestellt werden.

„Politik wird im Hinterzimmer gemacht - von alten Männern mit Bierbauch“ – diese erschreckende Bilanz stellt Julia Herr, Vorsitzende der Sozialistischen Jugend (SJ) über die Mitbestimmung österreichischer Frauen in der österreichischen Politik auf. Als junge Frau sei es nahezu unmöglich, sich in der männerdominierten Domäne durchzusetzen, meint sie. Und mit dieser Meinung ist sie nicht alleine.

Die gläserne Polit-Decke


„Frauen sind in der Politik, aber auch in anderen Positionen, wo es um Einfluss und Macht geht, stark unterrepräsentiert“, stellt Maria Pernegger, Politik- und Medienanalytikerin bei der Agentur MediaAffairs, fest. „In der Praxis finden sich Frauen gerade im politischen oder politiknahen Milieu nach wie vor oft im Hintergrund oder in endlosen Weiterbildungsspiralen und kommen karrieretechnisch nur holprig voran – bevor sie dann irgendwann an der vielzitierten gläsernen Decke anstehen.“

Als Ursache macht die Expertin eine Struktur fest, die Frauenkarrieren schlicht nicht begünstigt. „Die einflussreichen Positionen in den Bünden, Gewerkschaften, Kammern sind fest in Männerhand – freiwillig werden hier Positionen an Frauen ungern abgegeben.“ Was es zusätzlich schwierig macht, ist dass gerade in der Politik Positionen meist nicht nach Qualifikation besetzt werden. „Einen Startvorteil haben jene, die auf stabile Netzwerke und Seilschaften zählen können. Hier werden Männer vielmehr gepusht“, weiß Pernegger. Wenn Frauen keine einflussreichen Mentoren haben, schaffen sie es auch im Jahr 2016 nur selten an die Spitze einer Politkarriere. Innerhalb politischer Systeme müssen sich Frauen oft mit herablassendem Verhalten herumschlagen.

Geschafft – und nun?


Haben es dann endlich Frauen in eine Position geschafft, wird ihre Arbeit höchst unterschiedlich bewertet. Eine Frau mit Macht ist noch immer etwas, das unsere Gesellschaft nicht akzeptiert: „Frauen in der Spitzenpolitik bekommen oft nicht den Rückhalt, weil mächtige Frauen schlicht nicht in das gesellschaftliche Frauenbild passen“, sagt Maria Pernegger.

Und wenn es Frauen in Spitzenpositionen gibt, besetzen sie meist stereotyp „weibliche“ Ressorts wie Gesundheit, Soziales, Familie und Bildung. Eine Frau als Bundeskanzlerin? Das hält Politanalystin Maria Pernegger für eher unwahrscheinlich: „Offensichtlich ist Österreich hier noch nicht so weit.“ Yussi Pick, Kampagnen-Berater und Online-Experte sieht dieses Phänomen auch in den USA: „Jedes Mal wenn Hilary Clinton für ein Amt kandidiert, sind ihre Beliebtheitswerte im Keller. Ihr wird vorgeworfen, zu ehrgeizig und karrieristisch zu sein.“ Auf der ganzen Welt seien es dieselben negativen Attribute, die mächtigen Frauen zugeschrieben werden: kalt und machthungrig.

Große Mitschuld an dem, was uns über Frauen in der Politik vermittelt wird, haben natürlich die Medien. Wenn Angela Merkel – ohne Zweifel die mächtigste Frau der Welt – mit einem Dekolleté in der Oper auftaucht, gibt es tagelang kein anderes Thema mehr. Vielleicht ein Grund dafür, warum sich Merkel bewusst dazu entschied, ihre „Weiblichkeit“ komplett in den Hintergrund zu rücken. „Frauen werden im medialen Kontext signifikant anders dargestellt als Männer“, sagt auch Maria Pernegger. Das Privatleben stehe weit mehr im Vordergrund. Ob Kleidungsstil, Familienstand, Kinderlosigkeit, Vereinbarkeit – all das wird bei Politikerinnen viel häufiger zum Thema. Eva Glawischnig musste sich beispielsweise lang und breit dafür rechtfertigen, wie sie Kinderbetreuung organisiert.

Neue Herausforderungen durch das Internet


Diese Tendenzen haben sich durch das Internet und digitale Wahlkämpfe noch verstärkt, wie der Online-Stratege Yussi Pick – der als Berater für Hillarys Kampagne in die USA tätig war - festhält: „Es ist nochmal alles persönlicher geworden, man kann Persönlichkeit und Politiker eigentlich nicht mehr trennen.“ Nicht nur diese verstärkte Liebe zur Home-Story, auch Hass im Netz stellt Politikerinnen vor eine besonders schwierige Situation. „Das Problem betrifft nicht nur Unbekannte, sondern auch Spitzenpolitikerinnen. Menschen trauen sich, ihnen Dinge ins Gesicht zu sagen, die sie einem Mann nie sagen würden.“

Daher müssen sich Frauen nicht nur in der Politik, sondern auch im Internet wesentlich stärker behaupten und sich aktiv Raum nehmen. Aber wenigstens eine Weiterentwicklung sieht Pick: „Früher haben sich Frauen aufgrund von damit einhergehenden Stigmata nicht getraut, diese Probleme anzusprechen. Mittlerweile wird die öffentliche Doppelmoral von Politikerinnen und bestimmten Medien thematisiert.“ Hinzu kommt für Frauen mit Migrationshintergrund neben der sexistischen, auch noch die rassistische Ebene: Zu Muna Duzdars Amtsantritt als Staatssekretärin wurde ständig ihre Religionszugehörigkeit und Herkunft thematisiert.

Doch nicht nur die Art der Berichterstattung ist grundlegend anders, auch die Häufigkeit der Repräsentation. Bei Text- und Bildpräsenz liegen in den reichweitenstärksten Tageszeitungen in Österreich die Frauen weit abgeschlagen hinter den Männern, zeigt die von Pernegger durchgeführte Studie „Frauenpolitik in den Medien“. „Politiker nehmen wesentlich mehr Raum in der medialen Debatte ein als Politikerinnen. In der Regel erreichen ParteichefInnen eine höhere Präsenz als andere PolitikerInnen – hier sind die Frauen schon deshalb klar im Nachteil, weil sich in Österreich mit Eva Glawischnig nur eine Parteichefin findet“, so Pernegger. „Noch verschärfter ist die Situation auf Länderebene, wo es nur männliche Landeshauptleute gibt oder auch in Oberösterreich, wo bis vor kurzem nur Männer in der Regierung saßen. Männliche Spitzenpolitiker besetzen auch häufiger jene Bereiche, auf die Medien besonders reflektieren.“

Nur aktive Maßnahmen helfen


Quoten wirken. Weibliche Vorbilder wirken. Wenn mehr Frauen an der Spitze sind, holen sie auch mehr Frauen nach. Da sind sich die ExpertInnen einig. „Regelmäßig sprechen sich VertreterInnen fast aller Parteien – mit Ausnahme der FPÖ – dafür aus, Frauen in der Politik verstärkt fördern zu wollen. Der Haken daran: es fehlt an einer beherzten Umsetzung – es wird in diesen Bereich kaum Energie gesteckt“, sagt Analystin Maria Pernegger. Trauriges Beispiel dafür ist nach wie vor, dass das Mandat der verstorbenen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer trotz Frauenquote an den oberösterreichischen Gewerkschafter Walter Schopf ging. Die Grünen sind aktuell die einzigen, die sich an ein Reißverschlusssystem halten, und dementsprechend eine 50-prozentige Frauenquote im Parlament haben.

Frauenförderung müsse aber bereits auf den unteren Ebenen beginnen, damit diese Frauen entsprechend auf die Spitzenpolitik vorbereitet werden können. Allein auf Freiwilligkeit zu setzen, bringe uns daher nicht weiter. Erst eine gesetzliche Frauenquote könnte dieses eingefahrene System nachhaltig verändern.

Dieser Artikel erschien in Kooperation mit dem Business Riot Festival 2016. Das Business Riot Festival rückt als Arbeitsmarkt- und Kreativkonferenz Frauenförderung in den Mittelpunkt. Mehr Infos HIER!

 

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