Fail der Woche: Höhöhö, schau, die Rendi-Wagner nackert!

Eine Frau stellt Forderungen und ist dem Patriarchat damit natürlich viel zu laut und … äh, fordernd. "Da hilft nur eins: Ausziehen", denkt man sich im Patriarchat dann – und ist damit auch noch so furchtbar unlustig. Ein Kommentar.

Fail der Woche

Es ist ja so: Frauen, die fordern, sind nervig. Laute Frauen anstrengend. So will es das Patriarchat, in dem man irgendwie nicht so richtig weiß, wie man jetzt umgehen soll mit diesen lästigen Wesen. Dementsprechend wenig überraschend ist das, was diese Woche passiert ist:

Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) präsentiert zu Beginn der Woche unter dem Schlagwort "Kraftpaket" die SPÖ-Forderungen und -Vorschläge im Umgang mit der Corona-Krise. Die Zeitung Oberösterreichische Nachrichten veröffentlicht daraufhin eine Karikatur, die Rendi-Wagner als Nummerngirl zeigt: In Dessous bekleidet, mit Federn geschmückt, einem breiten Grinser und einem Schild mit der Aufschrift "Forderungen" springt sie aus der Torte "Kraftpaket".

Das führte parteiübergreifend zu Empörung und Solidarität. Unter anderem kritisierten Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP), Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) und Infrastrukturministerin Leonore Gewessler (Grüne) die Darstellung.

Sie ist in mehrerlei Hinsicht problematisch und vor allem sexistisch. Das merkt man – wie so oft bei Sexismus – ganz schnell, wenn man die Situation gedanklich umdreht und erkennt: Oha, einen männlichen Politiker hätte man so nicht dargestellt. Die Karikatur bedient sich dem Narrativ der nervigen Frau, die zu vehement Änderungen fordert. Das wird nicht inhaltlich kritisiert, sondern so, wie man Frauen in unserer Gesellschaft nunmal gerne kontrolliert: über die weibliche Sexualität.

Reden wir mal wieder über die Freiheit der Kunst

Heute veröffentlichten die Oberösterreichischen Nachrichten einen Leserbrief von SPÖ-Bundesfrauenvorsitzender Gabriele Heinisch-Hosek und SPÖ-Landesfrauenvorsitzender Renate Heitz. Darin heißt es: "Eine Spitzenpolitikerin als 'Nummerngirl' (sic!) darzustellen, ist unerträglicher Sexismus und hat auch in einer Karikatur nichts zu suchen. Man kann Inhalte kritisieren und diese auch lustig oder zum Schmunzeln darstellen, das ist die Aufgabe von Karikaturen. Die sexistische Herabwürdigung von Frauen in ihrer Funktion können wir (…) nicht akzeptieren – das ist einfach kein Witz und nicht zum Schmunzeln."

Von Seiten der Oberösterreichischen Nachrichten bezieht man sich indes auf die künstlerische Freiheit der Karikatur. Unter dem Leserbrief wird eine Anmerkung der Redaktion gedruckt: "Wir bekennen uns zur künstlerischen Freiheit unserer Karikaturisten. Satire und Kunst sollten in ihrer Zuspitzung grundsätzlich großen Spielraum haben, und der reduziert sich, unabhängig vom oben genannten Beispiel, nicht allein auf Witz oder Schmunzeln. Sollten wir mit dem Abdruck dieser Karikatur die Gefühle von Frauen verletzt haben, so tut uns dies leid. Es lag weder in unserer Absicht noch in der unseres Karikaturisten."

Der Chefredakteur der Oberösterreichischen Nachrichten, Gerald Mandlbauer, teilte zusätzlich dem KURIER mit, dass es ein Gespräch mit dem Urheber der Zeichnung geben wird und die Zeichnung aus dem Archiv gelöscht und von der Webseite entfernt werden soll: "Ich bin grundsätzlich ein Verfechter der Freiheit des Karikaturisten und denke, dass Satire und Kultur grundsätzlich großen Spielraum haben sollten. Unser Karikaturist bewegt sich in diesem breiten Rahmen bisher sehr trittsicher. Für die betreffende Karikatur würde ich das nicht so behaupten."

Diese Freiheit ist wichtig und richtig und Karikatur eine essentielle Form des politischen Protests. Dass der dargestellten Person in Karikaturen nicht unbedingt geschmeichelt und mit Klischees gespielt wird, liegt in der Natur der Sache. Nur dafür gilt eben auch: Auf Missstände hinweisen und vor allem: nach oben treten.

Eine Spitzenpolitikerin in Machtposition karikieren – wenn das nicht nach oben treten ist, was dann?, mag man vielleicht denken. Der Gedanke lässt allerdings die Funktion von Satire außer Acht. Es geht nicht so sehr darum, ob man die Karikatur persönlich lustig findet oder nicht, sondern vielmehr um die Form, um den Inhalt der geübten Kritik – und der geht in dem Fall nicht über "LOL, schau, die Rendi-Wagner als Nackerbatzl" hinaus.

Sexismus ist der Preis, den Frauen für (politische) Teilhabe zahlen müssen

Rendi-Wagner sagte im Ö1-Morgenjournal: "Was gar nicht geht, ist, wenn Frauen sexistisch diffamiert werden", und "das haben die Verantwortlichen der Zeitung eingesehen und sie haben sich entschuldigt." (Side Note: Weil Frauen laut waren, Aufmerksamkeit erregt haben, sich gewehrt haben, Solidarität gezeigt haben - you get the idea.) Aber, so die SPÖ-Chefin weiter, wir hätten auch noch viel Arbeit vor uns.

Bis heute scheint Sexismus der Preis zu sein, dass Frauen am politischen Leben teilnehmen können: Sexismus, Belästigungen und Gewalt sind in Parlamenten weltweit immer noch Teil des Alltags, das hat eine 2018 veröffentlichte Studie ergeben. Die Stichprobenumfrage der Interparlamentarischen Union (IPU) und der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) zeigt, dass 85 Prozent der weiblichen Abgeordneten im Parlament Opfer von psychischer Gewalt waren.

Diese Ungleichheiten müssen wir benennen, auf diese Missstände gilt es hinzuweisen. Gerne auch mit Karikaturen. Degradiert man allerdings eine Frau, stellt sie sexualisiert dar – schlichtweg, weil sie Forderungen hat – geht das am Ziel vorbei. Vielmehr noch: Es ist problematisch, vorhersehbar und dadurch noch nicht einmal das Mindeste, was eine Karikatur – so sie schon keinen Denkanstoß gibt – sein sollte: Lustig.

 

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