"Die gefährliche Tradition Chhaupadi muss endlich beendet werden"

Das Projekt "Mahila Avaz - Women's Voice" arbeitet in einem der entlegensten Gebiete Nepals. Dort, wo Frauen wegen gefährlicher Traditionen ums Überleben kämpfen müssen.

Es ist eigentlich ein unvorstellbares Schicksal, das den Frauen in Simikot, einem der entlegensten Gebiete Nepals, in die Wiege gelegt wird. Hierher kommt man nur zu Fuß, oder mit dem Flugzeug. Straßen gibt es keine, und die Winter sind lang und hart. Hinzu kommen eine hohe Rate an AnalphabetInnen, frauenfeindliche Traditionen und ein strenges Kastenwesen. Die Menschen in Simikot kämpfen ums Überleben, und darunter vor allem die Frauen und Mädchen.

Denn Simikot ist eines der Gebiete, das nach wie vor die gefährliche Chhaupadi-Tradition weiterführt - jene Tradition, die Frauen während ihrer Menstruation in den Wald schickt, wo sie Kälte und Gewalt schutzlos ausgeliefert sind.

Chhaupadi führt zu hoher Kinder- und Müttersterblichkeit

Wenn sie das erste Mal ihre Periode haben, müssen sie sich eine Woche lang im Wald verstecken und dürfen für niemanden sichtbar sein. Sollte ein Mann sie sehen, müssen sie hinunter auf die Knie und sich entschuldigen. Nach dem ersten Mal "dürfen" sie untertags wieder arbeiten, und abends in den Holzverschlag. Untere Kasten schlafen unter Tüchern im Wald, wenn die Holzverschläge besetzt sind. Bei minus 15 Grad. "Es kommt teilweise zu so schweren Erfrierungen, dass Frauen und Kinder Gliedmaßen wie Finger und Zehen verlieren – einige haben mir das gezeigt", sagt Helena Hinterecker, die vor Ort ein Sozialprojekt gegründet hat, damit die Frauen ihre Lebenssituation verbessern können.

Mädchen in Simikot

Mit der Menstruation alleine ist es jedoch nicht getan: Selbst nach einer Entbindung müssen Frauen eine Woche im Kuhstall schlafen, unter unhygienischsten Zuständen, und mit ihren Neugeborenen. Die Folge: In den Regionen, wo Chhaupadi praktiziert wird, gibt es eine stark erhöhte Mütter- und Kindersterblichkeit.

Genau hier setzt das Projekt Mahila Avaz – Women’s Voice von Helena Hinterecker an. Das Projekt hat sich die Beendigung von geschlechtsspezifischer Gewalt mit primärem Fokus auf die Tradition Chhaupadi durch individuelles wie kollektives Empowerment zur Aufgabe gemacht. In dem Frauenhaus, das im April eröffnet, erfahren Frauen und Mädchen lebensnahen Kompetenz- und Wissenserwerb durch Frauengruppen, Frauenradio und Landwirtschaftstrainings. Festgehalten wird die Lebensrealität der Frauen vom Fotografen und Dokumentarfilmer Josip Jukić-Sunarić, um auf diesem Wege die westliche Zivilgesellschaft über frauenspezifischen Problemlagen in der Himalayaregion aufzuklären und zu informieren.

Alle Ställe und Verschläge waren besetzt, also entschied ich mich, im Wald zu schlafen. Es war eine sehr kalte Nacht. Am Morgen habe ich meine Zehen nicht mehr gespürt. Die Ärzte haben eine Zehe entfernt.
Zitat einer Frau aus Simikot

Dem Projekt ging eine umfassende, dreimonatige partizipatve Sozialforschung voraus. Teilnehmerinnen wurden als Expertinnen ihrer eigenen Lebenswelt anerkannt und in den gesamten Projektplanungsprozess aktiv einbezogen, ist auf der Projekt-Homepage zu lesen.

Jeden Tag schleppen die Frauen kiloweise Holz

Der Alltag der Frauen in Simikot ist vor allem mit harter Arbeit verbunden. Zwischen halb Fünf und Fünf stehen sie auf, bereiten ein kleines Frühstück für die große Familie zu. "Nachdem das Frühstück serviert wurde, gehen sie Holz holen. Im Grunde rennen sie eineinhalb Stunden den Berg hinauf", erzählt Hinterecker. Während die Frauen diese schwere körperliche Arbeit verrichten, sitzen die Männer noch beim Frühstück. Da die Frauen die Bäume nicht fällen dürfen, klettern sie auf die Bäume, um Holz zu holen. "Das dauert dann noch einmal ungefähr so lang. Mit dem gigantischen Holzpacken am Rücken - bis zu 70 Kilo - gehen sie wieder hinunter. Größtenteils Mädchen."

Eine Frau bei der Arbeit

Dann geht es gleich wieder weiter mit Kochen, Hausarbeit, Steine bearbeiten. Währenddessen werden die Kinder betreut. Die Männer helfen bei keiner dieser Tätigkeiten mit. Sie bewirtschaften die Felder mit Tieren, denn Frauen dürfen das nicht. "Das führt dazu, dass Frauen die ganze andere Arbeit machen - und zusätzlich auch die Feldarbeit. Nur brauchen sie zwanzig Mal so lang, weil sie keine Tiere benutzen dürfen", sagt Hinterecker.

Doch nicht nur in Sachen Arbeitsbelastung, auch beim Mitspracherecht gibt es enorme Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Frauen dürfen häufig kein eigenes Geld besitzen - "Wenn die Frauen Geld verdienen, müssen sie es oft abgeben, und viele Männer kaufen sich damit Alkohol."

"Wenn rauskommt, dass eine Frau vergewaltigt wurde, muss sie ihren Vergewaltiger heiraten"

Hinzu kommt, dass Frauen und Mädchen enormer Gewalt ausgesetzt sind. "Da ist alles dabei. Kulturelle, psychische und sexuelle Gewalt", sagt die Projektleiterin. "Über letzteres reden nur wenige." Gerade während Chhaupadi passieren viele Vergewaltigungen. Die Frauen sind schutzlos ausgeliefert. "Wenn rauskommt, dass eine Frau vergewaltigt wurde, muss sie ihren Vergewaltiger heiraten. Sollte dieser das nicht wollen, ist das für die Frau ebenso problematisch: Sie wird gesellschaftlich geächtet und bekommt keinen Mann mehr." Frauen dürfen während Chhaupadi auch entführt werden - sobald der Mann sie über die Türschwelle seines Hauses trägt, gehört sie ihm.

Auch andere sexistische Traditionen führen zum schlechten Gesundheitszustand der Frauen: So müssen Frauen oft als letzte essen, und da es vor allem in den Wintermonaten wenig Nahrung gibt, sind sie diejenigen, die am häufigsten mangelernährt sind. "Zwischen dem Gesundheitszustand von Männern und Frauen liegen Welten", sagt die Sozialforscherin Hinterecker.

Auch im Bereich Bildung sind Frauen vielschichtigen Benachteiligungen ausgesetzt. Viele Mädchen gehen nicht zur Schule, da sie im Haushalt mitarbeiten müssen. Mädchen, die das Privileg genießen, eine Schule besuchen dürfen, werden oft auf schlechtere Schulen geschickt als Jungen im selben Alter. "Immerhin verändert sich zwischen den Generationen etwas", erzählt Hinterecker: "Bei den älteren Frauen – dort sind das Frauen über 35 – gibt es viele Analphabetinnen, bei den Jüngeren unter 20 kaum. Sie können zumindest lesen und schreiben." Ab dem Zeitpunkt der Eheschließung müssen die Mädchen und Frauen jedoch bei der Familie des Mannes wohnen und haben dann meist keine Zeit mehr für die Schule. Mittlerweile ist es verboten, unter 14 zu verheiraten – passieren würde es trotzdem, so Hinterecker. "Arrangierte Ehen sind die Normalität, die meisten davon unter 18 oder 16 Jahren."

In der Nacht kamen Burschen und Männer und warfen Steine und Kot auf uns. Sie sagten, dass wir uns dafür schämen sollten, zu bluten.
Zitat einer Frau aus Simikot

Das Unrechtsbewusstsein darüber, dass es nicht in Ordnung ist, wie mit Frauen in ihrer Gesellschaft umgegangen wird, haben die Jüngeren auch stärker. "Glücklich sind sie aber alle nicht." Besonders bemerkt hat Hinterecker das an der Frage, was sie an sich selbst mögen. "Darauf kam meist die Antwort: Ich kann gut putzen oder kochen. Häufig reduzieren sie sich selbst stark auf diese Rolle, die ihnen da gegeben wird. Das heißt aber nicht, dass sie damit zufrieden sind."

Jüngere Frauen wehren sich gegen Chhaupadi

Doch gerade was Chhaupadi betrifft, sei den jüngeren Frauen bewusst, dass das ein Unsinn ist. "Die älteren haben noch Angst vor strafenden Göttern." Und wenn Frauen probieren, kein Chhaupadi zu machen, werden Naturkatastrophen wie ein Erdbeben sofort darauf zurückgeführt. "Egal, was passiert, es wird immer, immer den Frauen die Schuld gegeben. Trotzdem sagen die jungen Frauen, sie glauben nicht daran, dass Götter sie bestrafen, nur weil sie im Haus bleiben. Eine junge Frau hat sich fürchterlich darüber aufgeregt: Denn wenn ein Mann sich in die Hand schneidet, würde er genauso bluten – wir haben alle dasselbe Blut, hat sie gesagt."

Eine andere habe gesagt: "Der Reis, den wir während Chhaupadi holen, ist zwar gut genug – aber wir dürfen trotzdem nicht ins Haus."

Für das Projektteam ist vor allem eines immer wieder bemerkenswert: "Die Frauen sind unglaublich stark, widerstandsfähig und haben viele kreative Ideen, wie sie ihre Lebenssituation selbst verbessern können." Und auch wenn es ein langer Prozess sein wird, bis die gefährlichen und frauenfeindlichen Traditionen wirklich ausgelöscht sein werden, hat das Projekt laut Hinterecker bisher vor allem eins geschafft: Frauensolidarität zu schaffen. Und die ist in Simikot überlebenswichtig.

Da das Projekt staatlich nicht gefördert wird, ist es auf private SpenderInnen und auf Erlöse der Fotografie-Ausstellungen angewiesen. Spendenmöglichkeiten sowie weitere Informationen zum Projekt gibt es hier:

Facebooklink

Homepagelink

Projektausstellung im WUK

Aktuell