Der Sex-Positive-Trend hat Österreich erreicht

Und zwar in Form von Partys nach dem Motto "Alles darf, nichts muss". Sex-Revolution? Oder nur neues Swinger-Konzept? Auf jeden Fall: spannend.

Ich hab mich ganz schön angeschissen, als wir da hingefahren sind", erzählt Laura* von ihrer ersten sexpositiven Party. Sie war bei einer privat organisierten eingeladen und wusste nicht so richtig, was auf sie zukommen würde. Zu der Party kamen rund 60 Leute. Die Location: eine alte Lagerhalle außerhalb von Wien. Das Konzept: ein großer, zirkusähnlicher Spielplatz für Erwachsene. "Es war eine tolle Atmosphäre", sagt Laura. "Es gab eine Ecke mit Kostümen, Bodypainting, Pools und Hängematten; die einen waren in Dessous, die anderen nackt, manche verkleidet. Da sind Leute zusammengesessen und haben sich über Sexpraktiken ausgetauscht, andere haben am Lagerfeuer gesungen und übers Wandern geredet. Es gab ein 'Playfield' aus Matratzen für 'Playfights' - da sitzt man in einem großen Kreis und zwei können in die Mitte gehen und machen, wonach ihnen ist: sich zehn Minuten umarmen, einander in die Augen schauen; was auch immer. Es herrschte eine sehr wertschätzende Atmosphäre, es gab keinen Alkohol. Und alles war okay: Jede und jeder konnte sein, wie er oder sie ist, ohne dass das bewertet wurde", erzählt die junge Frau, die mit ihrem Freund dort war.

Sexpositiv

Keine Sexparty?

Dass dort quasi jede/r mit jeder oder jedem Sex gehabt hätte, hat Laura nicht beobachtet, auch wenn Sex ausdrücklich erlaubt ist. Aber darauf zielt so eine sexpositive Party auch nicht in erster Linie ab. Vielmehr will man den Körper und die Sexualität feiern. Dabei kann man mit anderen Menschen in Kontakt kommen -auch sexuell. Muss man aber nicht: "Sex Positive meint nicht Swinger-Party oder Sex-Party", heißt es etwa auf der Webseite des Kollektivs Hausgemacht, das gemeinsam mit dem Club Auslage öffentliche sexpositive Partys organisiert: "Im Konzept Sex Positive geht es um den Gedanken, dass alle Körper, ob männlich oder weiblich, ob hetero-, bi-, transinter-oder homosexuell, einen Ort zum Feiern finden. Es soll ein Ort geschaffen werden, an dem sich alle wohl und frei fühlen. Zu diesem Zweck gibt es Rückzugsorte - Darkrooms und Schmuseecken -, was niemals heißt, dass alle Gäste freistehen, um einfach so angegrapscht oder bedrängt zu werden. Respekt und Konsens sind bei solchen Partys Voraussetzung und wir bitten euch, respektvoll mit euch und anderen umzugehen."

Beim Eingang wird streng ausgewählt, wer hineindarf, Handykameras werden abgeklebt. Ein sogenanntes "Awareness-Team" ist da, an das man sich jederzeit wenden kann, falls man sich doch einmal unwohl fühlt. Außerdem liegen Kondome und Infomaterial zu Safer Sex aus.

Zum Awareness-Team bei einer dieser Partys gehörte auch Janina Vivianne. Sie hat auch die private Party organisiert, bei der Laura war, und bezeichnet sich inzwischen als Sex-Positive-Aktivistin. "Ich setze mich für einen positiven Zugang zu Sexualität in der Gesellschaft ein. Dafür, dass ich mich mit mir beschäftigen, mich lieben, mich ausprobieren kann. Dass ich anderes nicht verurteile, nur weil es mich selber vielleicht nicht reizt. Manchmal findet man auch etwas Überraschendes heraus: Ich habe etwa früher viel Sex gehabt und dann gemerkt: Wow, manchmal gibt mir nur Kuscheln viel mehr! Oder: Ich habe gelernt, nachzufragen, Nein zu sagen oder ein Nein zu akzeptieren - das habe ich mir in meinen normalen Alltag mitgenommen und das ist wahnsinnig wertvoll", erzählt Janina.

Sex Positive meint nicht Swinger-Party oder Sex-Party.

Webseite des Kollektivs Hausgemacht, das gemeinsam mit dem Club Auslage öffentliche sexpositive Partys organisiert
Sexpositiv

"Nein" ist etwas Gutes

"Konsens ist eines der wichtigsten Themen in dieser Sex-Positive-Bewegung, und es ist gut und gesund, zu lernen, wie man liebevoll Nein sagen kann", erklärt Jana Studnicka, Medizinerin, Festivalveranstalterin und ehemalige Obfrau der Schwelle Wien (die Schwelle bezeichnet sich selbst als "erste Sex-Positive-Location in Wien" und veranstaltet diverse Workshops dazu). Warum Jana glaubt, dass das Interesse an sexpositiven Veranstaltungen so groß ist? "Wir hatten die sexuelle Revolution, haben den Sex befreit und ihn dadurch auch entmystifiziert, stark banalisiert und kommerzialisiert - aber die Sehnsucht, wirklich mit Menschen in Kontakt zu treten, ist noch immer da. Und Sexualität ist für mich der Highway, wenn ich mit anderen in Begegnung kommen will. Deshalb ist Sex Positive eine tolle Bewegung, weil es so einen wertschätzenden Rahmen aufspannt, wo alles passieren kann, aber nichts muss, wo man aufeinander schaut und auf sich selber schaut."

In Wien "brodelt" es, meinen Janina und Jana, auch wenn Sex Positive noch nicht so groß gelebt werde wie etwa in Berlin. Aber das wollen sie ändern und arbeiten an neuen, europaweiten Konzepten (sex-positive.com). Mit dem Festival The Art of Sex hat Jana heuer schon bewiesen, dass Österreich bereit ist für mehrere Tage Symposion und Workshops zu sexpositiven Themen. Ihr Fazit dazu: "Es ist schön, zu sehen, wie wir wieder lernen, uns selber zu vertrauen und anderen zu vertrauen; eine Berührung zuzulassen. Und eine Berührung, die beginnt einfach damit, dass man sich in die Augen schaut."

 

*Name von der Redaktion geändert

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