So mittelalterlich wird an Österreichs Schulen über Sex gesprochen

Homosexualität sei heilbar, Sex vor der Ehe ein Problem und junge Mädchen sollen am besten mit "natürlicher Empfängnisregelung" verhüten. Eine Recherche des FALTER deckt auf, wie erzkonservative Kirchenkreise in österreichischen Schulen missionieren. Der umstrittene Verein darf nun nicht mehr an Schulen arbeiten.

"Wir helfen jungen Menschen in den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung, Freundschaft, Liebe & Sexualität", behauptet TeenSTAR Österreich auf seiner Website. Der "Sexualkundeverein" bietet Kurse zur Sexualkunde für Jugendliche und junge Erwachsene an, auch zur/zum KursleiterIn kann man sich ausbilden lassen. Mit umstrittenen Methoden: In der aktuellen Ausgabe hat die Wochenzeitung "FALTER" geheime, interne Schulungsunterlagen zur Ausbildung als Teenstar-Kursleiter veröffentlicht. Sie widersprechen dem Grundsatzerlass für Sexualpädagogik des Bundesministeriums für Bildung aus 2015.

Der Grundsatzerlass schreibt eine „respektvolle Haltung gegenüber den verschiedenen Formen von Sexualität und geschlechtlichen Identitäten“ vor. Davon kann bei den Unterlagen von TeenSTAR aber keine Rede sein. Sex beschränkt sich darin im Prinzip auf den heterosexuellen Geschlechtsakt zwischen Eheleuten. Insgesamt zwei Ordner hat der "FALTER" von einer Whistleblowerin der HOSI Salzburg zugespielt bekommen, die Unterlagen sind mit Jänner 2017 datiert. Die Salzburgerin, die als Sozialpädagogin arbeitet, wollte sich bei TeenSTAR zusätzlich ausbilden lassen. Sie ist überzeugt, dass die Lehrinhalte des Vereins nichts mit moderner Sexualerziehung zu tun hätten: „Bei Masturbation war es beispielsweise einfach so, dass das gleichgestellt worden ist mit Drogen und Süchten.“

"Sünde": Masturbation, Homosexualität und Sex vor Ehe

Tatsächlich: Wer masturbiere, leide laut Kursunterlagen unter möglichen Folgen wie „Ich-Bezogenheit, Gewöhnung und Schuld- bzw. geringes Selbstwertgefühl“. Homosexualität wird als "Schicksal" bezeichnet, und als "heilbar" dargestellt: „Aktuelle Studien zeigen, dass eine anhaltende Veränderung der sexuellen Orientierung sehr wohl möglich ist, oft durch eine Kombination von Therapie, speziellen Selbsthilfegruppen und geschulter Seelsorge", heißt es in den Unterlagen.

Überhaupt hat Sex außerhalb der Ehe zwischen Mann und Frau keine Berechtigung, wenn es nach TeenSTAR geht. Sexuell aktive Jugendliche sollen KursleiterInnen folgende Fragen stellen: "Was bedeutet Geschlechtsverkehr? Es ist die tiefste Art, JA zum anderen zu sagen. Dieses JA-Sagen geschieht auch durch den Schritt der Eheschließung. Wenn ihr euch so sehr liebt, warum heiratet ihr nicht gleich? Wenn nicht, warum habt ihr dann Geschlechtsverkehr?“ Laut Kursblatt sei das "aber keine OFFENE Frage! Ist manchmal angebracht und hilfreich!“

HOSI: Ansichten von Teenstar waren schon in den 90er Jahren veraltet

Die Whistleblowerin hatte zuerst die Salzburger HOSI auf den Fall aufmerksam gemacht. „Die Ansicht, dass Homosexualität eine Identitätsstörung sei, die geheilt werden könne, war schon in den 1990er Jahren veraltet“, sagt Paul Haller, Geschäftsführer der HOSI Salzburg gegenüber dem ORF. 1992, vor inzwischen 26 Jahren, strich die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel. „Wir sind schockiert, wie offen in den Unterlagen homophobes Gedankengut verbreitet wird. Insbesondere die Hinweise auf Konversionstherapien machen uns große Sorgen. Es ist hinreichend bekannt, wie schädlich diese Scheintherapien sind. Wer den Schutz von Kindern und Jugendlichen ernst nimmt, darf nicht die Schultüren für religiös-fundamentalistische Vereine wie TeenSTAR öffnen.“ 

Ministerium reagiert: TeenSTAR darf nicht mehr an Schulen 

Die Salzburger Bildungsdirektion hatte bereits am 10. Oktober reagiert und Salzburgs Pflichtschulen angewiesen, bis auf Weiteres geplante oder bereits vereinbarte Workshops mit TeenSTAR zu unterlassen. Am Dienstagnachmittag hat nun auch das Bildungsministerium angekündigt, den österreichischen Schulen noch im November die Zusammenarbeit mit dem umstrittenen Verein zu untersagen. Das Ministerium spricht von bedenklichen Inhalten, die nicht mit dem österreichischen Lehrplan in Einklang zu zu bringen seien.

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