Techno Cafe Gründerin Sandra Kendl sitzt auf einem Tisch

Gekommen, um zu bleiben: Techno Cafe Gründerin Sandra Kendl im Gespräch

30 Jahre Techno Cafe

7 Min.

© Mila Zytka

30 Jahre Techno Cafe: Sandra Kendl bricht starre Szenecodes und bringt Woche für Woche das wohl vielfältigste Publikum Wiens zusammen.

Laptop zu, Sonnenbrille auf und ab in den Pavillon: Wenn Wien am Dienstagabend den Feierabend einläutet, zieht Sandra Kendl die Fäden. Seit drei Jahrzehnten beweist sie mit ihrer Open-Air-Eventreihe „das techno cafe“, dass die besten Nächte schon am späten Nachmittag beginnen. Was 1996 als mutiges Projekt einer 22-Jährigen startete, ist heute lebendiger Kult, der die Generation Z genauso anzieht wie die Club-Pionierinnen der ersten Stunde. Für die Gründerin ist genau dieses unvorhersehbare Miteinander das beste Rezept gegen den Perfektionswahn unserer Zeit: „Dieses durchgehend perfekte Leben finde ich höchst langweilig.“ Ein Gespräch über eine Clubszene im Wandel, die Kunst des Loslassens und die Frage, ob man fürs Feiern jemals zu alt ist.

Sandra Kendl im Gespräch

Menschen im Techno Cafe
© Philipp Lipiarski

Hast du 1996 auch nur für eine Sekunde gedacht, dass du 30 Jahre später noch jeden Dienstag hier stehen würdest?

Sandra Kendl: Nein, null. Das war damals überhaupt kein Gedanke. Es ging nicht darum, eine Institution zu schaffen oder ein großes Business aufzubauen. Ich war 22, und die 90er waren auch noch eine ganz andere Zeit. Damals ging es für mich vor allem um Spaß. Ich wollte das einfach machen. Wenn ich heute dort stehe und Gäste mir gratulieren – auch Menschen, die schon am Anfang dabei waren –, dann kann ich das mittlerweile annehmen. Ich spüre, wie schön und außergewöhnlich das eigentlich ist, und bin auch stolz darauf. Dass viele Gäste heute jünger sind als das Techno Cafe selbst, mag ich. Manchmal kommen sogar die Kinder von Gästen, die früher schon da waren. Für mich zeigt das vor allem eines: Das Techno Cafe ist lebendig.

Was hat dir damals im Wiener Nachtleben gefehlt, dass du irgendwann gesagt hast: Ich mache jetzt selbst etwas?

Mir hat tatsächlich etwas gefehlt. In den 90ern war das Weggehen in Wien sehr szenig: Die Mods waren unter sich, die Snobs, die Punks. Wenn du nicht dazugehört hast, wurdest du abgecheckt. Bei Techno war das anders: Es war egal, wie alt du bist, wie du aussiehst oder welchen Beruf du hast – die Musik hat uns vereint. Daraus entstand die Idee fürs Techno Cafe: diese Szene öfter zu sehen, unter der Woche, früher am Abend und in einer Lautstärke, bei der man sich unterhalten kann. Von Anfang an ging es um Vermischung, eine offene Türpolitik und Begegnung.

Manche hören ‚Techno Cafe‘ und denken erst einmal: zu hart, zu viel, nicht meins.

Sandra Kendl

Der Name Techno Cafe klingt für manche vielleicht nach hartem Clubsound. War es dir wichtig, dass der Abend auch für Menschen funktioniert, die nicht klassische Techno-Liebhaber:innen sind?

Es war ja nie nur reiner Techno. Am Anfang waren es Techno und House, also elektronische Musik. Über die Jahre ist es musikalisch weicher geworden, auch weil ich finde, dass es zur Location und zum Sommer passt. Der Name bleibt trotzdem. Manche hören „Techno Cafe“ und denken erst einmal: zu hart, zu viel, nicht meins. Dann kommen sie doch her und verlieben sich in den Abend. Viele sagen dann: „Warum bin ich nicht schon früher gekommen?“ Manchmal braucht es eben eine kleine Hürde. Man muss dahinter schauen, und dann merkt man, wie lässig es eigentlich ist.

Du bist sehr präsent, begrüßt Menschen persönlich, bist vor Ort. Ist Nähe deine Führungsstrategie?

Ich bin einfach mit Leib und Seele Gastgeberin. Menschen zu begrüßen, ihnen einen schönen Abend zu bereiten, sie einzuladen – das ist etwas, das ich sehr gerne mache. Ich glaube schon, dass das einer der Gründe ist, warum das Techno Cafe so gut funktioniert. Dieser Host-Charakter war von Anfang an da. Natürlich schafft das Nähe. Viele haben dadurch eine persönliche Beziehung zum Techno Cafe, und das bindet. Gleichzeitig habe ich mittlerweile jüngere Menschen ins Team geholt, die auch aus dieser Host-Haltung heraus agieren. Es ist wichtig, dass nicht alles nur an mir hängt.

Techno Cafe Gründerin Sandra Kendl steht auf einem Tisch
© Mila Zytka

Was braucht es, damit sehr unterschiedliche Menschen nicht nur nebeneinanderstehen, sondern miteinander feiern – und wo ziehst du Grenzen?

Es braucht eine offene Türpolitik und eine klare Einladung. Diese Offenheit muss sich in der Bildsprache, in den Werten und in der gesamten Atmosphäre zeigen. Die Location hilft natürlich auch. Der erste Bezirk ist ein Ort, an dem sich vieles mischt. Hier kommt mehr zusammen. Natürlich gibt es Grenzen. Bei uns liegt die Grenze aber nicht bei Kleidung oder Status. Es ist egal, ob jemand im Anzug, in Flip-Flops oder in Shorts kommt. Die Grenze liegt beim Verhalten. Wenn jemand stark alkoholisiert, aggressiv oder nicht mehr in einem Zustand ist, in dem er oder sie respektvoll mit anderen umgehen kann, wird diese Person nicht reingelassen. Die Frage ist immer, wo eine Grenze beginnt: Bei manchen beginnt sie bei Flip-Flops oder kurzen Hosen, bei uns beim Verhalten.

Man sieht bei Events oft nur die vollen Abende, nicht das Risiko dahinter. Gab es Momente, in denen du ernsthaft dachtest: Das war’s jetzt?

Ja. Es gab einmal drei Sommer hintereinander mit schlechtem Wetter, da habe ich schon überlegt aufzuhören. Bei Corona war es noch einmal anders. Da wusste ich nicht, ob und wann es überhaupt weitergehen kann. Events standen ganz am Ende der Prioritätenliste. Das war ein echter Schockmoment und hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.

Viele fragen sich irgendwann: Bin ich zu alt zum Feiern? Was würdest du ihnen sagen?

Ich würde fragen: Ist das wirklich dein Gedanke – oder kommt er von außen? Was willst du? Wie willst du dich fühlen? Ich glaube, viele Menschen lassen sich viel zu sehr von außen beeinflussen. Durch Social Media entsteht schnell ein Bild davon, wie man angeblich leben, aussehen oder sich verhalten soll. Ich finde es wichtig, sich zu fragen: Ist das wirklich mein Wunsch oder sieht es nur nach außen hin gut aus? Was will ich wirklich?

Was hat sich beim Publikum und beim Ausgehen in den letzten drei Jahrzenten am stärksten verändert?

Das Handy- und Social-Media-Thema sicher. Aber vor allem, dass Menschen nicht mehr so selbstverständlich in einen Moment hineingehen und schauen, was passiert. Früher ist man mehr aufeinander zugegangen. Das hat auch das Dating massiv verändert. In den ersten fünf bis zehn Jahren habe ich hier ständig Männer kennengelernt – und meine Freundinnen genauso. Heute passiert das viel seltener, vieles läuft über Online-Dating. Was sich auch verändert hat: Früher gab es weniger Angebote. Heute gibt es einen Überfluss an Möglichkeiten. Aber das Gehirn kann nicht endlos entscheiden. Irgendwann ist es müde, und dann entsteht Überforderung. Deshalb geht es heute auch darum, zu minimieren und bewusst auszuwählen, was man wirklich in sich hineinlässt.

Früher war Feiern oft mit Exzess verbunden. Heute sprechen viele über Grenzen, Achtsamkeit, Alkoholpause. Ist das ein Gewinn oder geht dabei auch etwas verloren?

Der Vorteil ist sicher, dass man am nächsten Tag keinen Kater hat (lacht). Und ich finde es gut, dass Menschen heute bewusster mit sich umgehen. Was aber verloren gehen kann, ist das Spielerische, das Ungeplante. Vieles ist kontrollierter und disziplinierter geworden. Wenn ich daran zurückdenke, wie wir Nächte durchgetanzt haben und mit fremden Menschen ins Gespräch gekommen sind, dann waren das oft tolle Erlebnisse. Die möchte ich nicht missen. Ich bin jetzt 52 und in meinen 30ern sehr straight geworden. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre schon in meinen 20ern immer so gewesen – das wäre mir zu langweilig. Dieses durchgehend perfekte Leben finde ich höchst langweilig.

Nach 30 Jahren Techno Cafe: Was wünschst du dir für die Zukunft und was soll unbedingt bleiben?

Ich habe viele Ideen: mehr regengeschützte Flächen, lautere Musik, an heißen Tagen gratis Eis, vielleicht sogar Hollywoodschaukeln. Meine Ideen sind grenzenlos. Aber vor allem wünsche ich mir, dass die Menschen nach wie vor glücklich sind, wenn sie wiederkommen. Dass sie vielleicht mit ihren Kindern kommen. Dass sich Menschen hier weiterhin verlieben, ihr erstes Date haben, einander kennenlernen und später heiraten. Diese Liebesgeschichten liebe ich sehr.

DAS TECHNO CAFE
Die Jubiläumssaison läuft von 28. April bis 8. September 2026 – jeden Dienstag ab 17:30 Uhr im Volksgarten Pavillon. Infos unter dastechnocafe.at

Abo

Die NEUE WIENERIN

×