Sandra Hesch in der Hocke am Boden

Keine Lust auf Traumfrau: Musikerin Sandra Hesch im Interview

Von Situationships, Schönheitsidealen und Sommergefühlen

6 Min.

© Lukas Feix

Wenn man sich angegriffen fühlt, ist man vielleicht Teil des Problems.“ Man merkt schnell: Sandra Hesch hat keine allzu große Angst davor, anzuecken. Mit viel Selbstironie, feministischer Schärfe und wenig Geduld für Bullshit hat sich die 25-Jährige gerade zu einer der spannendsten neuen Stimmen im deutschsprachigen Pop entwickelt. In Songs wie „Hey Hübscher“ oder „Traumfrau“ zerlegt Sandra Hesch ziemlich pointiert klassische Rollenbilder.

Dass daraus virale Hits werden, überrascht inzwischen kaum noch. Ihre neue Single „Kommst du mit“ zeigt jetzt eine etwas leichtere Seite: Sommer, Freundinnen und ein bisschen Eskapismus. Mitten in den Vorbereitungen für ihre neue Clubtour durch Österreich und Deutschland hat Sandra Hesch mit der WIENERIN über weibliche Wut, Humor als Ventil und die Kunst gesprochen, ernste Themen leicht zu erzählen, ohne sie glattzubügeln.

Sandra Hesch im Interview

Wie fühlt es sich an, wieder auf Tour zu sein?

Sandra Hesch: Es ist auf jeden Fall etwas Besonderes. Bis jetzt lag der Fokus oft darauf, Supports oder Sommerfeste zu spielen. Jetzt sind es meine eigenen Shows. Und wenn die Leute dann jedes Wort von jedem Song können, denkt man sich schon: Wow, die hören das ja wirklich.

Online sieht man Streams und Follower, aber wahrscheinlich wird das erst auf der Bühne wirklich greifbar, oder?

Ja, man vergisst schnell, dass hinter jeder Zahl, egal ob Follower oder Stream, immer ein Mensch steckt. Das ist extrem besonders, wenn man das dann wirklich sieht. Wenn da 100.000 Streams steht, sind das Menschen, die den Song gehört haben. Das realisiert man erst beim Live-Spielen. Das kann kein Streaming ersetzen.

Mit „Kommst du mit“ lieferst du gerade ziemlich pünktlich zum Sommer den passenden Soundtrack. Wie kam dir die Idee zu dem Song?

„Kommst du mit“ ist vor einem Jahr im Sommer entstanden. Ich bin damals zum ersten Mal ohne konkretes Thema in eine Songwriting-Session gegangen und dachte mir irgendwann: Ich möchte einfach mal einen leichten Song schreiben, darüber, mit seinen Freundinnen unterwegs zu sein, zu tanzen und eine gute Zeit zu haben. Es gibt eine Line im Song: „Man bereut immer nur das, was man nicht gemacht hat. Also mach das, kommst du mit, lass uns ein bisschen tanzen.“ Das macht in mir einfach ein gutes Gefühl und ich glaube, auch in anderen Leuten. Der Song soll einfach diese Leichtigkeit und dieses typische Sommergefühl einfangen.

Jetzt “Kommst du mit” streamen!

Sandra Hesch sitzt auf einem Bett vor blauem Hintergrund
© Lukas Feix

Mal sind deine Songs sehr direkt und verletzlich, mal arbeitest du mit Ironie und Humor. Warum braucht es für dich beides?

Ich glaube gar nicht, dass das eine besser funktioniert als das andere. Es sind einfach unterschiedliche Zugänge. Ich habe sehr ernste Songs wie „LG Dein Zukunfts-Ich“ oder „Blaues Kleid“, die ganz roh und ehrlich sind. Bei „Hey Hübscher“ habe ich dagegen bewusst mit Humor gearbeitet und diesen „Women in Male Fields“-Trend aufgegriffen, wo man männliche Klischees als Frau umdreht. Ich finde es immer spannend, wie Männer darauf reagieren. Viele checken den Schmäh nicht so ganz und fühlen sich dann angegriffen. Aber ich sage immer: Wenn man sich angegriffen fühlt, ist man Teil des Problems.

Wann hast du begonnen, klassische Rollenbilder für dich zu hinterfragen?

Es waren eher mehrere Momente in den letzten Jahren, in denen ich angefangen habe zu hinterfragen: Warum bin ich, wie ich bin? Welche Dinge habe ich mir vielleicht einfach gesellschaftlich angeeignet? Ein Beispiel: Möchte ich wirklich immer enge Sachen anziehen, nur weil man sagt, das sei feminin? Da bin ich draufgekommen: Nein, eigentlich gar nicht. Ich glaube, viele Frauen fragen sich irgendwann: Möchte ich das wirklich oder bin ich nur so, weil die Gesellschaft es von mir erwartet? Ich probiere besonders meinen Female-Fans inhaltlich etwas mitzugeben und sie dazu anzuregen, genau das zu hinterfragen.

Du gibst deinen Fans damit viel mit, aber auch viel von dir preis. War das anfangs schwierig?

Total. Das macht einen schon sehr verletzlich und angreifbar. Aber ich habe für mich herausgefunden, dass es extrem wertvoll ist, persönliche Dinge zu teilen. Das sind auch die Songs, zu denen ich die meisten Nachrichten bekomme. Oder Fans kommen nach Konzerten zu mir, brechen in Tränen aus und sagen: Deine Musik hat mir geholfen, einen Weg aus meiner Essstörung zu finden. Oder: Wegen dir habe ich mir Hilfe geholt nach einem sexuellen Übergriff. Das zu hören, ist extrem wertvoll. Da denke ich mir: Genau deswegen mache ich Musik. Ich möchte mit meinen Songs etwas weitergeben, Plattform für Austausch bieten und irgendwie so die große Schwester sein, bei der man sich einen Ratschlag abholen kann.

Und wer oder was gibt dir selbst dieses Gefühl von Halt?

Am meisten wahrscheinlich meine engsten Freundinnen, meine Familie und vor allem meine Mama. Die Menschen, mit denen ich mich umgebe, machen mich stark. Ich habe ganz viele Powerfrauen in meinem Umfeld, privat und beruflich. Ich arbeite mittlerweile fast ausschließlich mit Frauen zusammen, auf Managementseite, im Social-Media-Bereich und auch in meiner Bookingagentur. Ich liebe es, mit Frauen zusammenzuarbeiten, weil ich mich auf einer anderen Ebene verstanden fühle. Nach ein paar schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit fühle ich mich in meinen weiblichen Teams sehr gut aufgehoben. Dass ich so tolle Frauen an meiner Seite habe, macht mich schon stolz.

Stichwort Social Media: Heute reicht Musik allein oft nicht mehr. Künstler:innen müssen ständig Content liefern. Wie gehst du mit diesem Druck um?

Ich glaube, das eine geht mittlerweile nicht ohne das andere. Man macht auf seine Musik gefühlt vor allem über Social Media aufmerksam. Früher habe ich viel mehr aus meinem Leben gezeigt und mehr Lifestyle gepostet. Mein Fokus liegt mittlerweile mehr auf Musik, aber ja, ich würde schon sagen, dass ich teils auch Content Creatorin bin. Ich arbeite auch mit verschiedenen Brands zusammen. Das gehört einfach dazu, auch, weil sich Musik alleine oft gar nicht mehr finanzieren lässt. Ich glaube, Brands checken mittlerweile auch, dass eine Zusammenarbeit mit Musiker:innen eine andere Emotionalität hat und man Fans anders erreichen kann als bei einer klassischen Creatorin, ohne das abwertend zu meinen.

Wenn du auf die letzten Jahre zurückblickst: Was hat sich in deinem Sound oder Mindset am stärksten verändert?

Schon sehr viel. Ich glaube, ich bin organischer geworden in meinem Sound: mehr echte Instrumente, sehr gitarrenlastig, echte Drums. Inhaltlich bin ich kritischer geworden, gesellschaftskritischer und erwachsener. Man hört, glaube ich, dass ich älter geworden bin und wichtige Jahre durchgemacht habe und immer noch durchmache. In den 20ern verändert man sich so stark wie noch nie. Das hört man auch in meinen Songs. Ich mag die Richtung, in die es geht. Gleichzeitig probiere ich, mich bei neuen Nummern nicht einzuschränken. Ich finde es schön, dass man sich heute nicht mehr komplett auf ein Genre festlegen muss. Die nächsten Releases sind alle sehr unterschiedlich, aber alle sehr authentisch Sandra Hesch.

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