Edit Schlaffer: Frau mit Brille und grünem Rollkragenpullover blickt lächelnd in die Kamera

Feminismus und die leise Revolution im Alltag

Soziologin Edit Schlaffer spricht mit uns über Macht, Mut und warum Männer endlich mitrudern sollten.

7 Min.

Edit Schlaffer © Barbara Amon

Ein Altbau im ersten Bezirk, hohe Räume, hellweiße Wände, ein alter, wunderschöner Parkettboden, Bücher und Papiere, die von Projekten in aller Welt erzählen. Der Empfang ist herzlich – und gleich zu Beginn sorgt die Namensgleichheit für Gelächter.

Zwei Schlaffers im Gespräch, nicht verwandt, und doch mit vielen Gemeinsamkeiten in der Einstellung. Edit Schlaffer, Sozialwissenschaftlerin, Feministin, Gründerin von „Women without Borders“, ist eine Frau, die seit Jahrzehnten an großen Fragen arbeitet und dennoch im Kleinen ansetzt – und des Kampfes niemals müde wird.

Ihr Denken kreist um Macht, Würde und Bildung als Lebensprinzip und immer wieder um die Überzeugung, dass Gerechtigkeit eine gemeinsame Aufgabe ist.

Wir erleben gesellschaftliche Erschütterungen. Wo stehen wir im Feminismus – am Höhepunkt der dritten Welle oder bereits in einer Phase des Rückschritts?

Edit Schlaffer: Wir befinden uns in einer Phase des Umbruchs, eine Art tektonisches Beben geht durch unsere Gesellschaft. Jede Bevölkerungsgruppe spürt das, Frauen besonders. Die erste Welle des Feminismus, vom 19. Jahrhundert bis in die 1920er-Jahre, brachte Sichtbarkeit, Wahlrecht, Beteiligung.

Die zweite Welle in den 1970er- und 80er-Jahren kämpfte um Selbstverwirklichung, ökonomische Unabhängigkeit. Frauenhäuser machten in dieser Zeit Gewalt sichtbar. Die dritte Welle begann vor ca. 10–15 Jahren und griff intersektionale Fragen auf:

Wie überschneiden sich Benachteiligungen? Wer bleibt im Mainstream-Feminismus unsichtbar? Sie brachte Debatten über körperliche Selbstbestimmung, reproduktive Rechte, Rassismus, LGBTQIA+-Themen.

Heute fallen alle drei Wellen zusammen. Wir kämpfen weiterhin um grundlegende Rechte, gleichzeitig erleben wir eine Polarisierung, die Gleichberechtigung als Randthema erscheinen lässt. Dabei geht es im Kern um ein menschenwürdiges Dasein und um die Frage, wie wir als Gemeinschaft zusammenleben wollen.

Edit Schlaffer: Frau mit Brille und grünem Rollkragenpullover sitzt lachend auf einem Sessel
Edit Schlaffer © Barbara Amon

Wenn eine Frau weniger verdient, fehlt das ja im Familien­budget – das müsste auch die Männer aufregen!

Warum löst das Wort Feminismus so viele Abwehrreaktionen aus?

Ich verstehe die Fixierung auf das Etikett nicht, denn im Grunde geht es um Gerechtigkeit. Wenn sich jemand nicht als Feminist oder Feministin bezeichnet, sagt das wenig über das tatsächliche Handeln aus. Entscheidend ist, wie wir leben, wie wir Verantwortung übernehmen. Humanität braucht keine Schlagworte, sie braucht Haltung.

Sie sprechen oft von Macht. Wo­rum geht es Ihnen dabei konkret?

Die Philosophie der Frauenbewegung ist eine Machtfrage: Wem gehören Ressourcen, wer trifft Entscheidungen, wer wird gehört? In Österreich ist jede dritte Frau von physischer Gewalt betroffen, dazu kommt psychische und symbolische Gewalt. Femizide zeigen eine erschütternde Realität.

Es braucht Ursachenanalyse, Strategie, politische Veränderung. Gewaltfreiheit und körperliche Unversehrtheit bilden das Fundament, gleichzeitig erleben Frauen auch Ausschluss aus Entscheidungs­prozessen – und das ist ebenfalls eine Form von Gewalt.

Sie fordern, Männer stärker einzubinden. Warum ist Ihnen das wichtig?

Weil diese Themen Männer genauso betreffen. Gewalt, Lohnschere, Machtverteilung – das sind keine Nischenthemen. Wenn in einer Partnerschaft die Frau weniger verdient, leidet das gesamte Familienbudget – da müsste ja eigentlich ein Aufschrei durch die Männerwelt gehen. Männer erleben die Gewalt an Frauen in ihrem Umfeld als Brüder, Söhne, Partner. Hinzu kommt, dass Autorität kulturell männlich konnotiert ist.

In Diskussionen geschieht es häufig, dass ein Vorschlag einer Frau überhört wird, bis ein Mann ihn wiederholt und Zustimmung erhält. Dieses stille Einverständnis unter Männern wirkt mächtig. Ich wünsche mir Männer, die ihre Autorität nutzen, um Gerechtigkeit voranzubringen, die Verantwortung für ihre mentale Gesundheit übernehmen und als Rollenvorbilder wirken.

Wie kann Veränderung konkret beginnen? Sollten Frauen sich mehr „männliche“ Eigenschaften aneignen?

Die Zuschreibung sogenannter harter Eigenschaften als männlich greift zu kurz, denn auch diese Rollenbilder wirken wie ein Gefängnis. Die entscheidende Frage lautet: Wie wollen wir leben?

Kinder wachsen häufig in Strukturen auf, in denen Betreuung und Verantwortung überwiegend bei den Frauen liegen. Papamonat und geteilte Karenz existieren, doch sie werden nur von einem kleinen Teil der Männer genutzt. Österreich bildet hier im westeuropäischen Vergleich das Schlusslicht.

Wenn Kinder von beiden Elternteilen gleichermaßen umsorgt werden, entsteht ein neues Selbstverständnis von Partnerschaft. Das Persönliche ist politisch. Kinderbetreuung, Arbeitszeitmodelle, Ganztagsschulen – all das entscheidet über ökonomische Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung.

Sie haben „Women without Borders“ gegründet. Was treibt Sie an?

Sicherheit gehört in sichere Hände, und Frauen müssen an Friedensprozessen beteiligt sein. Nach Konflikten tragen Frauen häufig die Zivilgesellschaft. Mit unseren „MotherSchools“ stärken wir Mütter, fördern Selbstwert, Bildung, Bewusstsein.

Wir arbeiten präventiv, bevor Gewalt entsteht. Bildung sehe ich als Lebensprinzip. Schule endet nie, wir bleiben Lernende. Wenn Frauen spüren, dass ihre Rolle wertvoll ist, blühen sie auf.

Edit Schlaffer: Frau mit Brille und grünem Rollkragenpullover gestikuliert beim Sprechen
Edit Schlaffer © Barbara Amon

Unsere „MotherSchools“ stärken den Selbstwert und das Selbstverständnis von Müttern.

Was bedeutet Mikrofeminismus im Alltag?

Selbstevaluierung. Sich fragen: Was hat mich heute irritiert? Wie habe ich gesprochen? Wem habe ich zugehört? Man muss sich Verbündete suchen und konstruktiv reflektieren. Und unsere Kinder lernen durch Vorbilder.

Wenn wir Erwachsene selbst in Bildschirme versinken, prägt das mehr als jede Ermahnung. Wir sollten echte Fragen an Kinder stellen, Interesse zeigen, zuhören – daraus entsteht Beziehung und Bewusstsein.

Gab es in Ihrem Leben prägende Momente?

Als Schülerin im Gymnasium in Eisenstadt erlebte ich, wie ein schwangeres Mädchen verspottet wurde, während dem Vater Mitgefühl entgegengebracht wurde. Dieses Ungleichgewicht prägte mich tief.

Und als Kind wuchs ich bei meiner Großmutter im Südburgenland auf, die als Witwe einen Bauernhof führte und ganz selbstverständlich respektiert wurde. Starke Frauen und stilles Getuschel existierten nebeneinander. Diese Widersprüche begleiten mich bis heute.

Sie sprechen von Widersprüchen als Lebensmaxime.

Aus Widersprüchen entsteht Neues – Ambition und Nachsicht gehören zusammen. Disziplin im Umgang mit sozialen Medien, Lust auf Bücher, Bewusstsein für eigene Schwächen – all das formt Haltung.

Wir leben in einer fragmentierten Informationswelt. Ich nehme mir bewusst Zeit für lange Texte, für Tiefe, weil Demokratie informierte Bürger*innen braucht.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Feminismus?

Mehr Zusammenhalt und weniger Etiketten. Vor allem aber: mehr Männer an Bord und eine Gesellschaft, die Gleichberechtigung als Grundlage versteht. Gerechtigkeit ist ein Gemeinschaftsprojekt. Sie beginnt im Denken, im Sprechen, im Zuhören – und sie wächst mit jeder Generation, die lernt, Verantwortung zu übernehmen.

Edit Schlaffer: Frau mit Brille und grünem Rollkragenpullover im Interview mit einer braunhaarigen Frau
Edit Schlaffer im Gespräch © Barbara Amon

Edit Schlaffer

  • Geb. 25. September 1950 in Stegersbach
  • International anerkannte Sozialwissenschaftlerin und Autorin
  • Gründete vor 25 Jahren die Organisation „Women without Borders(Frauen ohne Grenzen), um das Selbstvertrauen von Frauen zu stärken
  • In ihren „MotherSchools(und mittlerweile auch „FatherSchools“) setzen sich Frauen mit ihrer Rolle auseinander
  • 2008 gründete sie SAVE („Sisters Against Violent Extremism“), die erste globale Anti-Terror Plattform
  • Veröffentlichte mehrere Bücher (z. B. „Die ganz gewöhnliche Gewalt in der Ehe“)

www.wwb.org

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