Was ist ein guter Vater?

Gute Vaterschaft? Papa, du kannst das auch!

Was macht einen guten Vater aus?

9 Min.

© Pexels/ Felipe Cervantes

Gute Eltern zu sein, hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Wenn wir hier vorwiegend die Väter in den Fokus rücken, hat das dennoch gute Gründe.

Beginnen wir chronologisch: Das Bild von der Frau, die nach einem Beerensammelspaziergang mit den Kindern in der Höhle sitzt und fürs Gulasch auf einen Hirsch wartet, den der Mann heroisch erlegen soll, ist ein Mythos. Dieses Bild hat die Wissenschaft mehrfach widerlegt. Jahrtausendealte, akribisch analysierte menschliche Knochenfunde beweisen: Frauen jagten genauso. Frau und Mann sorgten immer schon gemeinsam für den Unterhalt der Familie.

Umgekehrt sind beide Geschlechter quasi von Natur aus als pflegende, sorgende Eltern vorgesehen: Außer Stillen können Väter alles, sagt der Kinderarzt und Wissenschaftler Herbert Renz-Polster. „Sie sind auch biologisch
eindeutig auf die Versorgung des Nachwuchses vorbereitet. So steigt das ,Zuwendungshormon‘ Prolaktin beim Mann während der Schwangerschaft seiner Partnerin um immerhin 20 Prozent an. Gleichzeitig fällt sein Testosteonspiegel nach der Geburt des Kindes um etwa ein Drittel“, schreibt Renz-Polster in seinem Buch „Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt“.

Aber: Biologische Verwandtschaft braucht es für gute Elternschaft nicht und die kann auch funktionieren, wenn Eltern getrennt sind. Kinder sind anfangs flexibel: Sie binden sich an die Person, die am meisten da ist. „Sind mehrere versorgende Personen verfügbar, so wissen sie das zu nutzen: Sie binden sich an die am verlässlichsten auftretende Person am stärksten – sie wird ihre Hauptbindungsperson“, beschreibt Herbert Renz-Polster.

„Aber sie lassen sich auch von anderen vertrauten Personen stillen, beruhigen und versorgen.“ – Das findet beim Heranwachsen quasi eine Fortsetzung. Professor Paul Plener, Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der MedUni Wien erklärt: „Je mehr stabile Bezugspersonen es gibt, desto besser.“

Was macht einen guten Vater aus?
© Pexels/ Juanpphotoandvideo

Kann man Vatersein lernen?

Seit mehr als 30 Jahren gibt es in Österreich die Möglichkeit für eine Väterkarenz. Die Zahl jener, die sie in Anspruch nehmen, steigt in Babyschritten. „In den Unternehmen ist es häufig noch immer so: Du wirst gefeiert, wenn du Papa wirst, aber du sollst weiterarbeiten wie zuvor“, weiß Dieter Breitwieser-Ebster vom Verein papainfo.

Die Gesellschaft bestaunt Väter, die sich kümmern. „Ein Mann, der einen Kinderwagen schiebt, wird noch immer hochstilisiert. Was heißt das schon?! Wir müssen noch immer erklären, warum es wichtig ist, dass ein Mann seine Rolle und Verantwortung als Vater wahrnimmt. Wer sagt zu Frauen: Hier sind fünf gute Gründe, die dich überzeugen sollen, mehr Zeit mit deinen Kindern zu verbringen? Das patriarchale konservative Familienbild steckt tief in uns drinnen“, betont Breitwieser-Ebster.

Dieses Bild aufzubrechen und Väter unvoreingenommen in Elternfragen zu unterstützen, setzt sich papainfo seit 2017 zum Ziel. „Die Leute sagen oft: ,Wir wissen, was zu tun ist, es haben Milliarden Menschen schon vor uns Kinder gekriegt.‘ – Das stimmt nicht, man muss es lernen“, sagt der Papaberater. Er selbst ist zweifacher Vater.

„Ich bin von meiner Ausbildung her Kindergartenpädagoge und Sozialarbeiter, mein Leben besteht aus Reflektieren“, lacht er. „Trotzdem ist für mich das Vatersein ein tägliches Scheitern, weil einen die eigenen Kinder dort zwicken, wo es wehtut. Es ist okay, wenn man Fehler macht, sich dafür entschuldigt und man darf sich auch Unterstützung holen. Wir können das nicht automatisch. Das viel gespriesene Dorf oder die Großfamilie gibt es kaum.“

Die Vision von papainfo lautet nicht „fifty-fifty“, sondern „gleichberechtigte Elternschaft“. „Was das ist, ist für jedes Paar unterschiedlich“, lautet das Credo. Es sollte jedenfalls bedeuten, Elternschaft, Haushalt und Mental Load aufzuteilen. Dazu müssen die Menschen erst wissen, was alles zu tun ist, so Dieter Breitwieser-Ebster. Es kann sein, dass einer immer den Rasen mäht, zuständig für die Versicherungen und den Autoreifenwechsel ist – aber wie viel ist das in Relation zu Aufgaben, die täglich erledigt werden müssen?

„Auch eine 40 Stunden arbeitende Person kann – um nur zwei Beispiele zu nennen – zuständig sein für Termine bei Ärzt:innen und dafür, dass die Winterkleidung komplett ist.“

Widersprüchliche Beispiele der Vaterschaft

„Wenn wir in unseren Workshops mit werdenden Vätern sprechen, sagen uns viele, dass sie vor einem Karrieresprung stehen, dass sie für die Familie mehr Geld verdienen müssen“, beschreibt Dieter Breitwieser-Ebster. „Aber: Das geht sich selten gleichzeitig aus. Gerade zu Beginn sollte man reduzieren, um beim Kind zu sein und nicht erst, wenn man mit ihm schon zum Fußballplatz oder ins Theater gehen kann.“ – Laut Umfragen wollen mehr als die Hälfte der Männer mehr Familienzeit, „aber wenn wir fragen: ‚Wie lange gehst du in Karenz?‘ – kommt sehr häufig die Antwort: ,Ich würde gerne, aber es geht nicht.‘ Manchmal ist es tatsächlich so, das variiert natürlich je nach Branche, aber man darf auch hinterfragen: Geht es wirklich nicht? Braucht es das größere Auto? Ist die größere Wohnung jetzt schon notwendig? Muss das Haus fertig sein – mit Pool und Fassade? Oder lassen sich Pläne verschieben? Die Zeit, in der uns Kinder brauchen, vergeht sehr, sehr schnell.“

Alles lässt sich nicht planen, aber sich schon im Vorfeld damit auseinanderzusetzen, wie ein Kind Leben und Alltag verändert (beispielsweise mit Unterstützung von papainfo), könnte unrealistischen Zielsetzungen vorbeugen. Gelebte Vaterschaft bedeute freilich nicht, die durchgearbeitete Woche mit Kino am Samstag zu kompensieren. Dieter Breitwieser-Ebster hält es gerne mit dem Wording des Männerforschers Erich Lehner, der „nicht von aktiver, sondern von involvierter Vaterschaft spricht“.

Von den Elternskills ihrer Mitarbeiter:innen – dazu gehören etwa Kompromisse einzugehen oder sich selbst nach einem Streit wohlwollend miteinander auseinanderzusetzen – profitieren Unternehmen, das erkennen immer mehr Human-Resources-Abteilungen. Aber gesamtgesellschaftlich ist noch viel Luft nach oben. Wenn sich etwa hochrangige Politiker mit der Begründung, sich ums Kind kümmern zu wollen, aus der Öffentlichkeit verabschieden und wenig später mit einer tollen Karriere wieder auftauchen, „ist das fatal. Das sendet das Signal aus: Es ist ‚wurscht‘, du musst das als Papa nicht machen“, ärgert sich Breitwieser-Ebster.

Es brauche mehr Vorbilder, mehr Firmenchefs, die ein Meeting vorverlegen, damit sie ihr Kind vom Kindergarten abholen können. „Es geht auch nicht allein darum, wie sich Väter in jungen Jahren um jemanden kümmern. Die Bevölkerung wird älter; wer früher damit in Berührung kommt, kümmert sich auch später um kranke beziehungsweise alte Angehörige.“

„Als meine Kinder klein waren, haben sie mich oft mit ,Mama‘ angesprochen“, erzählt der Papaberater und sieht das als Kompliment. „Mama ist das Synonym für ,Hallo Person, die sich um mich kümmert, komm bitte.‘ – Das ist doch etwas Schönes, nicht nur im Job, sondern auch zu Hause ein wertvoller Part zu sein, wenn dein Kind weiß, du kennst dich aus und du hast ein gleichwertiges Stimmrecht.“ Um die Elternschaft aus der Dysbalance zu bringen, wonach Mütter als die Hauptverantwortlichen gelten, können wir alle an Schrauben drehen.

Wen ruft die Schule an, wenn ein Kind erkrankt? Wer wickelt das Baby in den Kinderbüchern? An wen denken wir, wenn wir ein Kind mit schmutziger Hose sehen? – Dieter Breitwieser-Ebster hat noch eine vielsagende Anekdote im Talon: „Eine liebe Kollegin hat mir erzählt, dass die Kindergartenpädagogin sich bei ihr beschwert hat, ihr Mann würde das Kind ,an seinen Tagen‘ immer zu spät bringen – worauf sie zurecht entgegnete: ,Wieso sagen Sie mir das?‘.“

Gesunde Vaterschaft; Was ist das überhaupt?
© Pexels/ Nappy

Was macht gute Vaterschaft aus?

Professor Paul Plener ist Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut; er leitet die Universitätsklinik für
Kinder- und Jugendpsychiatrie an der MedUni Wien und versucht dieses komplexe Thema zu erläutern.

Was ist ein guter Vater?

Kinder und Jugendliche brauchen zumindest eine stabile erwachsene Bezugsperson, um gesund aufzuwachsen. Das kann – muss aber nicht – der Vater sein. Je mehr stabile Bezugspersonen es gibt, desto besser. Das erlaubt mehrere Perspektiven zu bekommen und es gibt auch bei Konflikten mit einer Bezugsperson noch eine stabile Basis mit jemand anderem. Gute Eltern bieten Stabilität und auch eine „Reibefläche“, um sich selbst zu entdecken. Dafür muss man sich Gedanken machen, was einem wichtig ist, welche Werte ich vermitteln will.

Das Schweigen der Väter – ein Vorurteil oder zutreffend?

Ich halte das für ein Klischee. Auch wenn Mental Load und Arbeitsverteilung in der Kindererziehung offenbar noch weit von 50:50 entfernt sind, gibt es hier Veränderungen, wie man sie auch an der Zunahme der Väterkarenz sehen kann. Mehr Präsenz macht auch das Schweigen schwerer und gestiegene Partizipation hat den Vorteil, dass nicht nur Alltagslasten verteilt werden können, sondern auch andere Sichtweisen zur Verfügung stehen.

Welche „väterlichen Fehler“ schädigen Kinder?

Das sind keine spezifischen väterlichen Fehler. Generell sollten Eltern innehalten und reflektieren ob das, was sie für das Kind wollen, nicht auch viel mit eigenen Wünschen und weniger mit denen des Kindes zu tun hat.

Was ist ein „richtiger Umgang“ mit Konflikten?

Zunächst einmal ist Gewaltfreiheit sehr wichtig, das inkludiert neben physischer auch emotionale Gewalt oder Vernachlässigung. Es kann passieren, dass einmal mehr gesagt wird, als gewollt, man wütender reagiert und es hinterher bereut. Dann ist es wichtig, das zuzugeben und um Entschuldigung zu bitten. Das ist ein wesentlicher Lernschritt, den man vermittelt.

Wie viel Emotionen und Realität „vertragen“ Kinder?

Kinder lernen die Welt in ihren jeweiligen Altersstufen entdecken, so gesehen geht es darum, die Realität nicht aus Erwachsenensicht zu besprechen, sondern alters- und entwicklungadäquat herunterzubrechen. Dinge, die man nicht versteht, machen einem leichter Angst, das gilt durchaus auch für Erwachsene. Am einfachsten ist es, wenn Kinder oder Jugendliche selbst Fragen stellen, dann geht es in aller Regel um Dinge, die sie für ihre Realität gerade als relevant identifiziert haben. Zum Thema Emotionalität: Kinder sind darauf angewiesen, dass Emotionen erkannt, rückgespiegelt und benannt werden. So können sich Begriffe für verschiedene emotionale Zustände herausbilden.

Wie wichtig ist für das Heranwachsen, dass die Eltern ein „glückliches“ Paar sind?

Was ist ein „glückliches Paar“? Ich denke, es muss nicht um stetige Harmonie gehen, der alles andere untergeordnet wird. Gut ist das Erleben von zwei Menschen, die auch individuelle Interessen haben, die aber dennoch gemeinsame Ziele verfolgen. Das heißt durchaus auch, dass man Konflikte haben darf, die aber dann auch konstruktiv gelöst werden.

Abo

Die NEUE WIENERIN