Faszination Oper: Regieduo Carolin Pienkos und Cornelius Obonya im Gespräch
Wir haben das Künstlerpaar in Klagenfurt getroffen.
Carolin Pienkos & Cornelius Obonya im Stadttheater Klagenfurt © Helge Bauer
Carolin Pienkos und Cornelius Obonya geben mit der Oper „Orfeo ed Euridice“ ihren Einstand am Klagenfurter Stadttheater. Wir haben mit ihnen über Kreativprozesse, Kopfgymnastik und gesellschaftliche Verantwortung gesprochen.
Ein Stoff aus der griechischen Mythologie, im 18. Jahrhundert zur Oper, im 19. Jahrhundert zur Operetteverarbeitet: Die Geschichte von Orpheus und Eurydike reicht viele Jahrhunderte zurück. „Und trotzdem finden wir darin Themen, die immer aktuell bleiben,“ sagt Opernregisseurin Carolin Pienkos. Gemeinsam mit ihrem Mann Cornelius Obonya inszeniert sie am Stadttheater Klagenfurt aktuell die Oper „Orfeo ed Euridice“. Die Regisseurin und der Schauspieler sind seit 24 Jahren ein Paar, haben sich am Burgtheater kennengelernt und blicken auf viele Jahre gemeinsamer Arbeit zurück. Vor knapp acht Jahren hat ihre gemeinsame Faszination für die Sparte Oper neue berufliche Türen geöffnet: „2018 haben wir das erste Mal gemeinsam Regie geführt,“ erzählt Pienkos von ihrer beider Inszenierung der Operette „Die Fledermaus“ an der Mailänder Scala. „Da haben wir die große Leidenschaft entdeckt, nicht nur als Schauspieler und Regisseurin gemeinsam zu arbeiten – denn das tun wir schon seit über 24 Jahren.“ Ein privates und berufliches Zusammensein also, das die beiden auch nach vielen Jahren noch erfüllt, wie Obonya erzählt: „Man kann nicht beschreiben, was für ein Lebensglück das ist, miteinander arbeiten zu dürfen,“ lächelt der Schauspieler. Beruflich sei eine neue Ebene, eine neue Qualität hinzugekommen, bei der man von der Perspektive des jeweils anderen profitiere.
Gemeinsamer Zugang
Als Regisseurin bringt Pienkos den analytischen Blick mit, wie sie erklärt: „Ich habe das Gefühl für die Grundidee, die Dramaturgie, was wir erzählen, wie wir es auf der Bühne erzählen können.“ Obonya bringt als Schauspieler die Perspektive des Performers ein: „Nach vielen Jahren weiß ich, wie meine Frau als Regisseurin tickt und sie weiß, wie ich ticke. Das war schon vor unserem Regiedebüt ein enormer Vorteil in unserer Arbeit. Anderseits habe ich auch das Gefühl dafür, was auf der Bühne möglich ist. Es kann auch passieren, dass die Regie Ideen hat, die ein Schauspieler oder Sänger vielleicht so gar nicht in dem Körper bekommt.“ In der Regie ein Gegenüber zu haben, macht sich vor allem in der Vorarbeit bezahlt. „Das Konzept wächst über fast zwei Jahre, bevor man auf die Probebühne geht,“ erklärt Pienkos. „Eine Oper muss sehr gut vorgedacht sein, damit wir die knappe Probezeit effektiv nutzen können.“ Dieser lange währende Prozess beginnt mit intensivem Studium: „Das Erste ist, alles genau zu verstehen, jede Note, jedes Wort. Der erste Eindruck ist wichtig, aber mit jedem Mal, mit dem man tiefer in den Text und die Musik eintaucht, kommen neue Ideen. Andere werden wieder verworfen, und so bildet sich ein Konzept.“ Zusätzlich spiele die optische Vorstellung eine Rolle, erklärt Obonya: „Man sieht Farben, Bilder, hört Helligkeit oder Dunkelheit – und mit zunehmender Erfahrung zählt auch der erste Eindruck.“ „So vertieft man sich Schicht für Schicht in die Materie“, ergänzt Pienkos, die bei diesem Prozess besonders die Arbeit im Duo schätzt: „Es geht um Fragen der Ausdeutung, was sagen uns der Text und die Musik, was können schon einzelne Bewegungen oder Gesten auf der Bühne aussagen. Das Ausloten aller Möglichkeiten braucht viel Zeit, ist ein „Was-wäre-wenn-Spiel“, eine Art Kopfgymnastik, aber wir können das im Dialog machen – das ist ein Wahnsinnsvorteil.“
Faszination Oper. Im Genre der Oper ist das Künstlerehepaar dank der Liebe zur Musik gelandet. Aus dem Sprechtheater kommend war ihre erste Inszenierung in Mailand also ein Debüt für beide – und eine Welt, in der man selbst als Theaterexperte einiges neu lernen muss. „Meine Frau und ich waren es immer gewohnt, im Sprachtheater die eigene Rhythmik zu erfinden,“ so Obonya. „Das kann ich in der geschriebenen Musik nicht. Die Oper gibt mit der Musik eine zusätzliche Dimension, die Emotionen transportiert und gleichzeitig einen klaren rhythmischen Rahmen setzt. Der Stoff, aus dem die Opern geschrieben sind, wie auch im Fall von Orpheus, sind zum Teil sehr alt – und werden dennoch immer wieder inszeniert und begeistert verfolgt. „Zu Recht,“ meint Obonya, „es sind uralte Geschichten, die einfach immer greifen und dem Publikum ein Erlebnis versprechen.“ Vorrangig sei es jedoch die Kraft der Musik, die die Faszination ausmacht. „Wir haben einen musikalischen Rahmen, den wir füllen müssen. Die Musik gibt uns viel Emotionen, und wir erzählen die Geschichte dazu,“ strahlt Carolin Pienkos. „Deshalb fühlen wir uns in der Oper so zuhause. Man kann Geschichten in großen Bildern mit einer wunderschönen Musik erzählen. Was gibt es Schöneres?“ Für Obonya war das Eintauchen in die Regie ein beruflicher Genrewechsel: „Ich habe gelernt, den Blick für ein komplettes System zu erweitern, anstatt nur den Kanalblick der Bühnenperspektive zu haben. Das geht von der Beleuchtung bis hin zur Finanzierung, Dinge, mit denen sich Schauspieler in der Regel nicht auseinandersetzen müssen.“ Für die neuen Erfahrungen ist er sichtlich dankbar: „Ich hatte großes Glück, diesen zweiten Beruf in meinem Leben von meiner Frau erlernen zu dürfen. Direkt im Learning by Doing.“
Themen, die wichtig bleiben
Als Künstler sind gesellschaftspolitische Herzensthemen für das Regieduo nicht nur Teil alltäglicher Überzeugung, sondern auch ihrer Arbeit. Cornelius Obonya engagiert sich gegen Gewalt an Frauen. Für ihn ist Dialog essentiell, in Alltag und Beruf: „Aber wir leben gerade in einem Land, in dem wir immer wieder über Femizide sprechen müssen, wo Männer verstummen und nicht wissen, wie sie mit dem anderen Geschlecht in Dialog kommen sollen und sich in ihrer Männlichkeit zurückgesetzt fühlen. In Wahrheit ist es so wunderbar, von einer Frau etwas lernen zu können; einen Dialog aufrechtzuerhalten, mit anderen Sichtweisen und Zugängen. Das ist extrem wichtig und das könnte jeder Mann schaffen, wenn er einmal etwas von alten Rollenbildern absieht.“ Pienkos sieht zudem eine Bereicherung und Befreiung im Aufbrechen von Mustern: „Wenn wir uns von diesen starren Männerrollen befreien, können wir ganz anders und gewaltfrei miteinander umgehen.“
Es sind diese Themen, die in der Regiearbeit der beiden eine zentrale Rolle spielen. Denn besonders Themen wie Liebe und Geschlechterrollen seien zeitlos und immer wiederkehrend. Wichtig ist ihnen dabei, ihre Inszenierungen nicht mit Bedeutungen zu überladen. „Wenn man versucht alles gesellschaftlich Relevante anzusprechen, geht die Kernaussage verloren,“ so Obonya, der auch die Inszenierung von „La Traviata“ im vergangenen Jahr anspricht, die das Duo auf der Burg Gars umgesetzt hat. „Es geht in Wahrheit um eine Frau, eine Kurtisane, die von Männern grauenhaft behandelt wird. Die Kernaussage der Oper ist nämlich: Jungs, passt auf wie ihr mit euren Moralvorstellungen und eurer Sexualität umgeht.“ Für Pienkos gehe es darum, den Kern der Geschichte ins Heute zu übertragen. „Aus La Traviata lesen wir zum Beispiel, dass Sexarbeiterinnen nach wie vor geächtet werden und für ihre Rechte kämpfen müssen – und das, obwohl wir vom wohl ältesten Gewerbe der Welt sprechen. Und wenn ich im Falle von La Traviata hier noch andere Themen drüberlege, verkleinere ich das Problem in Wahrheit. Denn das Thema allein ist schon aktuell genug.“
Liebesgeschichte mit Tiefe
Ähnlich funktioniert es für die Geschichte von Orpheus und Eurydike. Die Mythologie erzählt von der Reise von Orpheus in Hades‘ Unterwelt, in der er seine große Liebe aus dem Reich der Toten retten soll. Um erfolgreich zu sein, darf er sie aber nicht ansehen – tut er es doch, verliert er sie für immer, so die Kurzfassung. „Der Stoff ist ein überzeitlicher – es geht abermals um eine Frau, die tragisch in die Enge und in den Tod getrieben wird, und um ihren Geliebten, der den Mut hat, in den Tod zu gehen, um sie zu retten,“ erklärt Obonya. In der originalen Mythologie besteht Orpheus die ihm auferlegte Prüfung nicht, in der Oper von Christoph Willibald Gluck hingegen wurde ein Happy End hinzugeschrieben. „Was wir aus dieser Fassung ziehen können, ist, was möglich ist, wenn man sich überwindet, den Mut besitzt sich für seine Liebe einzusetzen.“ Für Pienkos ist es auch das Thema von Missdeutung in Beziehungen, das hier verhandelt wird. „Orpheus darf seine Frau nicht ansehen, um sie retten – aber sie weiß das nicht und glaubt stattdessen, er liebt sie nicht mehr.“ Eine Gefühlsthematik also, die in der griechischen Mythologie, im 18. Jahrhundert, und heute gleichermaßen gilt. In der Inszenierung von Pienkos und Obonya wird die Geschichte zudem auch durch ein siebenköpfiges Tanzensemble miterzählt. „Es macht die Geschichte noch fühlbarer, denn dieSprache des Körpers kann der verbalen Sprache Wesentliches hinzufügen.
Die Zukunft des Theaters & Handys im Saal.
Das Thema Liebe liegt den Regisseuren, die als Paar so harmonisch, dynamisch und erfolgreich als Einheit agieren, sichtlich am Herzen. Gegen die aktuellen Dynamiken von Selbstoptimierung, fehlender Kommunikation und Kompromisslosigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen stehen die beiden als positives Gegenbeispiel – als Paar und in ihrer Arbeit. Von den zukünftigen Generationen der Opernbesucher wünschen sie sich die Hinwendung zur Live-Musik, abseits von Schwellenangst und Klassengedanken. Denn gerade Vier-Sparten-Häuser wie das Stadttheater Klagenfurt bieten eine wunderbare Möglichkeit, in die Welt des Theaters, Musiktheaters und der Oper einzutauchen.
Vom Publikum wünschen Sie sich mehr Präsenz im gemeinsamen Erlebnis:
„Man sieht im Saal jedes Handy deutlich,“ mahnt die Regisseurin. Vor allem bei prestigeträchtigen Theaterveranstaltungen wie den Salzburger-Festspielen, falle die digitale Abwesenheit der Zuschauer oft deutlich auf, erinnert sich Obonya als ehemaliger Jedermann-Darsteller. „Umgekehrt freue ich mich, wenn ich auch nur ein Taschentuch, eine Träne sehe – dann habe ich gewonnen.“ Für die Sparte Oper gilt für die beiden: „Es sind wahre Erlebnisse – schaut sie euch an, probiert es aus.“ Aktuell am besten bei „Orfeo ed Euridice“ – noch bis 28.03. am Stadttheater Klagenfurt.
Weitere Artikel zu diesem Thema
Wohnen
6 Min.
Diese Fenster verbessern Energieeffizienz und Komfort der eigenen Vier Wände
Die Bau-Innovation aus Polen
Es gibt keinen Eigentümer und keinen Mieter, der hohe Rechnungen gerne entgegennimmt. Aber bei Immobilien ist es schlicht so – wenn man sich nicht entsprechend darum kümmert, können hohe Heizkosten die Folge sein. Diese lassen sich jedoch positiv beeinflussen – und die richtige Dämmung und Isolierung der Außenhülle des Hauses, zu der Fenster und Haustüren … Continued
6 Min.