Ein Tag mit der ARA Flugrettung: Wir waren dabei

Unsere Redakteurin hat sich den Job der Lebensretter von innen angesehen.

6 Min.

© Tomas Kika

Von der ersten Besprechung am Morgen bis zur letzten Nachbereitung am Abend – ein Tag mit der ARA Flugrettung zeigt, wie Routine, Technik und Teamarbeit Leben retten können. Ein Blick hinter die Kulissen einer Crew, die jeden Tag bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.

Ein Sonntag im Winter 8.30 Uhr. Die vierköpfige Crew der ARA Flugrettung hat sich am Stützpunkt auf der Sonnenalpe am Nassfeld versammelt, wo auch schon die erste Besprechung stattfindet. Welche Einsätze könnten heute anstehen? Wie ist die Wetterlage? Die Stimmung ist konzentriert, aber auch von einem Hauch Routine geprägt. Wer zufällig bei der Tür hereinschneit, sollte sich von der familiären Stimmung im Team und dem frischen Gebäck am Tisch nicht irritieren lassen. Hier sind Profis am Werk. Der Helikopter ist längst getankt, die Technik überprüft, die Ausrüstung getestet, die Lawinenlage gecheckt. Mögliche Herausforderungen, die im Laufe des Tages auftreten könnten, sind besprochen. Es liegt eine Mischung aus Professionalität und Gelassenheit in der Luft. Eine vergleichbare Ruhe würde man vermutlich nur in der Salar de Uyuni, der bolivianischen und weltweit größten Salzwüste, finden.

Wenn Verantwortung abhebt.

Heute gehören Pilot Jörg Straub, „HEMS-TC“ (= Helicopter Emergency Medical Services Technical Crew Member) – sprich Copilot und Windenoperator – Riccardo Mizio, sowie Notarzt Michael Obmann und Flug-
retter Wenzel Deutz zur Besatzung. Mizio und Straub arbeiten vorwiegend am ARA-Standort in Reutte in Tirol, sind aber heute am Stützpunkt Nassfeld eingeteilt. Der Vormittag ist still. Sehr still. „Unsere Hauptbeschäftigung in der Notfallmedizin ist das Warten“, sagt Michael Obmann. Und trotzdem heißt es für die Crew: Immer bereit sein für etwas, das vielleicht nie passiert. Jedenfalls bleibt genügend Zeit, um sich den „ARA-3“ Airbus, einen Hubschrauber der neuesten Generation, einmal aus der Nähe anzusehen. „Der Helikopter ist vom nachtflugtauglichen Typ H145 – eine fliegende Intensivstation im Wert von elf Millionen Euro, die – anders als die meisten Notarzthubschrauber – mit einer Vier-Personen-Crew (Pilot, HEMS-TC, Flugretter und Notarzt) ausgestattet ist“, erklärt ARA-Geschäftsführer Thomas Jank. 

Meilenstein im Flugbetrieb.

„Es ist die erste Maschine in Österreich mit Fünfblattrotor“, erläutert Jank. Das bedeutet mehr Leistung, weniger Vibrationen und höhere Zuladungskapazitäten sorgen für mehr Sicherheit und größere Einsatzmöglichkeiten. „Während der Skisaison kann der Notarzthubschrauber am Nassfeld täglich von 8.30 bis 16.30 Uhr für alpine Sport- und Freizeitunfälle, aber auch für andere Einsätze und Patiententransporte zwischen Kliniken in ganz Kärnten alarmiert werden“, so der ARA-Geschäftsführer. Anders ist es am Stützpunkt Reutte in Tirol, wo die ARA-Mitarbeiter 16-Stunden-Dienste absolvieren: „An manchen Tagen haben wir schon acht bis zehn Einsätze“, erklärt Co-Pilot Riccardo Mizio, der auch als Einsatzleiter der Bergrettung in Ehrwald arbeitet. Ob ein Hubschrauber überhaupt für einen Einsatz angefordert wird, entscheidet ausschließlich die jeweilige Rettungsleitstelle. „Aufgrund der Höhenlage der Station auf 1433 Metern ist der ARA-3 im Winter immer der einzige Notarzthubschrauber in Kärnten, der oberhalb der Nebeldecke stationiert ist und daher auch bei dichtem Nebel in Tallagen von der Leitstelle für Einsätze in allen Kärntner Skigebieten disponiert werden kann“, erklärt Thomas Jank. Heute herrscht jedoch strahlender Sonnenschein – zahlreiche Skifahrer sind auf den Pisten. „Gleich wird es losgehen“, meint Pilot Jörg Straub um 12.30 Uhr und lacht. Statistisch gesehen gibt es jedoch unter der Woche die meisten Einsätze – gar nicht am Wochenende! Und so wird es fast 15.00 Uhr, bis der erste und (Gott sei Dank!) einzige Notruf des Tages eingeht. Der Einsatz-
ort ist heute allerdings ein Altenheim und nicht die Skipiste. Ein 96-Jähriger Mann mit Bewusstseinseintrübung. 

Die Crew mit Redakteurin Anja Skribot beim Briefing © Simone Attisani

Wenn Sekunden kostbar werden.

Ein kurzer Blick, ein Kopfnicken und schon macht sich die Crew zügig auf zum Helikopter. Pilot Jörg Straub, seit fast 20 Jahren leidenschaftlich im Einsatz, steuert heute die Maschine. Mit tausenden Flugstunden und zahlreichen Rettungseinsätzen beweist er höchste Konzentration und Erfahrung. Er checkt die Instrumente, beobachtet die Umgebung und spricht über Headset und Funk mit seiner Crew. Jeder Handgriff sitzt. Sicherheitscheck, Funkkontakt, Startfreigabe. Der ARA-3 hebt in weniger als 90 Sekunden ab und fliegt bei klarer Sicht und idealem Wetter zügig Richtung Steinfeld, wo die örtliche Polizei die Landung koordiniert. Vor Ort wird entschieden, den Patienten nach ärztlicher Versorgung mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus Spittal/Drau zu bringen. Ein Routineeinsatz, der keinen Unterschied macht, denn: „Bei uns ist jeder Einsatz ein Routineeinsatz“, sagt Intensivmediziner Michael Obmann. Die Vorgehensweise ist standardisiert, routiniert und unabhängig von spezifischen Situationen.

Notarzt Michael Obmann © Simone Attisani

Von null auf hundert.

„Ein Notarzt geht nicht in einen Einsatz hinein – er schaltet von null auf hundert um“, erklärt Michael Obmann.  In dem Moment, in dem der Alarm kommt, verschwindet alles Private. Es gibt kein Davor und kein Danach, nur den Auftrag. „Alter, Einsatzort, Stichwort – mehr brauche ich nicht“, sagt Obmann. Der Rest ist Erfahrung. Während der Hubschrauber abhebt, beginnt die Arbeit im Kopf. Ein Notarzt denkt nicht in Bildern, sondern in Möglichkeiten. Welche Verletzungen sind wahrscheinlich? Welche Komplikationen? Was darf ich auf keinen Fall übersehen? Er legt sich innerlich mehrere Szenarien bereit, wissend, dass keines davon stimmen muss – aber eines davon Leben retten könnte. Checklisten im Pocket-Format mit Medikamentendosierungen, Tubusgrößen und Beatmungsparameter helfen in stressigen Situationen. Außerdem absolvieren alle ARA-Mitarbeiter regelmäßig Aus- und Fortbildungen. „Das ist eine Überlebensfrage in unserem Job“, erklärt Obmann. 

Ruhig und konzentriert.

Am Einsatzort prüft der Notarzt zuerst die Lage. Ist es sicher? Gibt es Gefahren? Wer ist anwesend? Erst danach wendet er sich dem Patienten zu – ohne Hast und mit kontrollierten Bewegungen. Er hört zu, tastet, misst, stellt präzise Fragen und wägt ständig ab: Was ist notwendig? Was kann warten? „Notärztliches Handeln ist selten spektakulär“, erklärt Michael Obmann. Es geht darum, gezielt zu handeln, ohne alle Möglichkeiten auszuschöpfen. „Emotionen haben Platz, aber bekommen keine Führung.“ Der Notarzt weiß, dass er mit Menschen in Ausnahmesituationen zu tun hat, aber auch, dass er selbst nicht Teil dieser Ausnahme ist oder werden darf   Nähe ist wichtig, Distanz lebensnotwendig. Entscheidungen werden klar getroffen und nicht diskutiert. Verantwortung übernimmt der Notarzt auch dann, wenn niemand zusieht. Michael Obmann meint: „Einen guten Notarzt erkennt man nicht daran, wie spektakulär er arbeitet, sondern daran, wie ruhig es um ihn bleibt.“

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