Kurvendiskussion: Wo sind die großen Größen in der Mode?

Frauen mit großer Kleidergröße werden in der Mode immer noch viel zu häufig übersehen. Woran liegt das? Die WIENERIN bat vier Frauen zum Gespräch über neue Körperbilder, Selbstbewusstsein und Bikinis.

Ina Holub, Elisabeth Lechner, Christl Clear, Ilse Holey

Mode ist Ausdruck der Persönlichkeit - das funktioniert aber oft nur so lange, wie man einer gängigen Körpernorm entspricht. Denn wer große Größen trägt, ist oft auch in seinem Stil eingeschränkt. Wir haben zum WIENERIN-Talk gebeten und darüber diskutiert, wie man als große Frau mit dem Thema Mode lebt.

WIENERIN: Wie hat sich das Körperbild in der Mode verändert?

Elisabeth Lechner: Ich würde sagen, dass in diesem Kontext kurvig anerkannter, aber dick in einem weniger normativen Sinn immer noch nicht okay ist. Aber es gibt definitiv Fortschritte.

Welchen Einfluss hat die Body-Positivity-Bewegung darauf?

Elisabeth Lechner: Die Body-Positivity-Bewegung hat in verschiedenen Formen den Mainstream erreicht. Wir sehen jetzt Werbungen mit Körperbehaarung, manche Firmen verzichten auf Photoshop und zeigen größere Frauen, aber es ist oft wieder eine bestimmte Form von Frauen. Die Models, die dieser neuen Norm am ehesten entsprechen und die meiste Sichtbarkeit bekommen, sind fast immer weiß und haben eine Sanduhr-Figur. Ashley Graham, die 8,5 Millionen Follower auf Instagram hat, ist das perfekte Beispiel: Sie hat einen üppigen Busen, einen ausladenden Hintern, aber einen flachen Bauch und ein schlankes Gesicht. So wird wieder ein Ideal geschaffen, das nicht erreicht werden kann.

Ina Holub: Es ist ein bisschen diverser geworden, aber in einem sehr beschränkten Raum. Die Repräsentation ist immer noch sehr heteronormativ. Es sind immer lange Haare, perfekt rasierte Haut, und wenn man Dellen sieht, sind sie sehr schön. Ich habe das Gefühl, dass alles für einen cis-heteromännlichen Blick gemacht wird. Andere Frauenbilder haben noch keinen Platz. Natürlich ist es toll, wenn etwa das Supermodel Tess Holliday auf einem Cover zu sehen ist, aber die Mainstream-Werbung bildet immer noch keine Menschen wie mich ab. Ich fühle mich nicht gesehen, wenn statt einer Größe 32 mal eine 38 gezeigt wird!

Christiana Ogunfojuri: Meiner Meinung nach machen das viele Marken gerade aus einem einzigen Grund: weil es gut ankommt. Es ist ein Trend, genau so, wie es eine Zeit lang cool war, schwarz zu sein. Ich sehe mich nicht als dick, aber ich bin kurvig. Wenn ich ein Foto von mir im Bikini poste, ist selbst das ein Big Deal in der Social-Media-Welt. Da bekomme ich unglaublich viele Likes, und ich denke mir nur: "Ich schau aus wie jede zweite Frau, die man im Bad sieht! Wie krass ist das, dass das so gefeiert wird, und alle glauben, dass ich so mutig bin?" Ich sehe mich selbst nicht als mutig, ich freue mich einfach, wenn sich jetzt auch nur eine Person ebenfalls einen Bikini kauft und denkt: "Scheiß drauf, ich zeig jetzt meinen Bauch!" Wenn man das runterbricht, ist es crazy.

Ist es einfacher geworden, Mode in großen Größen zu kaufen?

Ilse Holey: Wir Einkäufer sind schon länger dran, diese Marken zu forcieren, weil der Bedarf wirklich da ist. Wir führen im Steffl The Department Store die Main Sizes bis Größe 48 und starten jetzt mit Kollektionen, die bis Größe 58 gehen.

Warum erweitern gängige Labels nicht einfach ihre Kollektionen um weitere Größen?

Ilse Holey: Den Markt zu erweitern ist ein riesengroßer Aufwand. Von Größe 34 bis etwa 44 werden die Schnitte einfach um jeweils circa zwei Zentimeter erweitert. Danach müssen neue Schnitte für das gleiche Modell kreiert werden.

Christiana Ogunfojuri: Es ist ein Aufwand, aber das darf doch nicht der Grund sein, warum es nicht gemacht wird

Ilse Holey: Nein, es gibt ja auch Firmen, die das machen, aber man kann nicht alles abdecken. Das ist auch bei uns so. Wenn ich für größere Größen einkaufe, reicht ja nicht eine Marke, ich brauche ein größeres Sortiment, damit die Kunden auswählen können. Und dafür benötige ich Platz. Es ist immer eine Gratwanderung für einen Retailer.

Können Department Stores in puncto Größen Einfluss auf Modelabels nehmen?

Ilse Holey: Ja, keine Frage, man kann diesen Wunsch vorlegen. Wenn dies mehrere Retailer machen, wird irgendwann darauf reagiert. Aber bisher haben wir das nicht geschafft.

Manche Stores haben eigene Plus-Size-Abteilungen, andere mischen die Kollektionen. Welche Art der Präsentation wünschen Sie sich?

Ina Holub: Ich trage etwa Größe 48 bis 52 und empfinde mich als Teil einer Gruppe, die hier angesprochen wird. Und ich muss sagen, dass ich nicht irgendwas Besonderes sein möchte. Ich möchte wie jeder andere Mensch, wie eine dünne Person, in einen Laden gehen und Sachen probieren. Ich möchte nicht etwa bei Mango nachfragen müssen, wo denn hier die Violeta-Abteilung ist (Anm.: Violeta ist die Plus-Size-Kollektion bei Mango). Ich möchte mich wirklich wie ein normaler Mensch fühlen. Aber ich muss auch sagen, dass ich teilweise Sachen anders trage, als sie gedacht sind. Das Kleid, das ich heute anhabe, ist Größe 44. Eigentlich ist es locker-luftig gedacht -bei mir sitzt es eben körperbetont.

Sie sind politisch aktiv. Hat sich dadurch Ihr Stil verändert?

Ina Holub: Es ist auf jeden Fall so, dass ich sehr viel Sichtbarkeit bekomme, die ich nicht möchte. Seitdem ich mich politisiert habe, was mich selbstbewusster gemacht hat, nehme ich diese Sichtbarkeit und empowere mich damit und sage:"Yes, Bitch! So sieht es aus!" Ich trage gerne Schwarz, aber wenn, dann ist es immer eng, weil ich auch nicht diese Schwarzes-Zelt-Geschichte durchziehen möchte. Ich trage aber auch viel Farbe und am Strand nur noch Bikinis, statt wie früher gar nicht zum Strand zu gehen.

Setzt man sich mehr Kritik aus, wenn man sich modisch kleidet und eben nicht dieser gesellschaftlichen Norm entspricht? Oder bekommt man vielleicht mehr Komplimente?

Ina Holub: Ich habe noch nie einen Urlaub erlebt, in dem ich nicht beleidigt wurde. Mit Gesten, aber auch verbal. Komplimente bekomme ich sehr, sehr, sehr selten, außer, ich bewege mich in meinem Setting, in der Queer-Community, oder wenn ich mich unter anderen nicht normierten Körpern bewege. Meistens sind es Frauen. Da auf jeden Fall.

Elisabeth Lechner: Schönheit hat einen Marktwert und einen gesellschaftlichen Wert. Leute, die als schön gelten, werden in allen Bereichen bevorzugt behandelt. Es heißt immer, dass Schönheit oder Mode total oberflächliche Frauenthemen sind. Und warum wirkt das wie eine Beleidigung? Weil Frauen gesellschaftlich abgewertet werden, und wie unsere Diskussion zeigt, ist Schönheit und auch Mode, also das, was man nach außen transportiert, überhaupt nicht oberflächlich, sondern total politisch.

kurvendiskussion runde

Inwiefern?

Elisabeth Lechner: Man transportiert extrem viel mit seiner Kleidungswahl. Je mehr man der Norm entspricht, desto einfacher ist es, weil man nicht so viel Hass fürchten muss. Aber je weiter weg man sich von diesem Schönheitsideal positioniert, desto mehr muss man sich überlegen: Wie wirke ich in bestimmten Situationen? Und wenn mir aufgrund von Fatshaming sowieso gesellschaftlich dauernd Kompetenzen abgesprochen werden, wie kann ich mich so herrichten, dass ich ernst genommen werde?

Ilse Holey: Wir haben sehr viele Kunden, die für Anlässe einkaufen. Die wollen wir natürlich perfekt bedienen, beraten und ihnen Selbstbewusstsein geben. Egal, welche Größe sie haben.

Elisabeth Lechner: Es ist halt schade, dass man dieses Empowerment auf einer individuellen Ebene lösen muss und dass nicht alle Körper so okay sind, wie sie sind - also dass man sich die gesellschaftliche Akzeptanz erkaufen muss

Ina Holub: Es gibt leider den Trend, dass Modeketten wie H&M viele ihrer Plus-Size-Sektionen nur mehr online verfügbar machen. Es gibt zwar mehr Auswahl, aber man muss sie bestellen. Ich bin auch ein Mensch, der gerne mal in den Laden gehen würde und nicht schon bei der Tür fragen muss: Haben Sie auch etwas in meiner Größe?

Christiana Ogunfojuri: Ich habe auch lange im Verkauf gearbeitet, und die Frauen sind gerne zu mir gekommen, weil ich eben kein großes, langes, schlankes, weißes Mädel war - so blöd das klingt. Ich habe auch einen großen Hintern und habe sie halt verstanden: "Okay, du suchst eine Jeans, vielleicht steigst du auf Röcke um, es ist einfach bequemer. Aber ich suche mit dir eine Jeans, ich verstehe dein Problem!" Deshalb finde ich es auch wichtig, dass in Stores auch Frauen beraten, die nicht schlank und weiß sind. Ich würde mir wünschen, dass Dinge normaler werden, die ohnehin normal sind.

 

Aktuell