"Ich trag das jetzt so" – Warum wir diesen Sommer anziehen, was wir wollen

Es ist Sommer, es ist heiß und wir haben wirklich keine Nerven mehr für Kleider- und Körpervorschriften. Der WIENERIN Sommerschwerpunkt 2020 ist ein Plädoyer für die Freiheit, tragen zu können, was gefällt - ohne Bodyshaming, Klassismus und Rassismus.

Ich trag das jetzt so! - WIENERIN Sommerschwerpunkt 2020

Der "Summer Body" ist ein Unding, das Frauen das Leben in den heißen Monaten schwer macht. Wahlweise auch als "Bikini Body" oder "Beach Body" tituliert, beginnt er mit dem sommerlichen Fatshaming schon Wochen und Monate, bevor die Temperaturen überhaupt nennenswert ansteigen. Denn wer im Sommer ungestraft existieren will, der*die möge bitte dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entsprechen. Und das geht nicht mit Röllchen, die über Shorts quellen oder Dellen auf Schenkeln.

Was Frauen und weiblich gelesene Personen tragen "dürfen", bestimmt seit jeher die Gesellschaft und ihr gerade bevorzugtes Schönheitsideal und Sittenbild. Dabei wird nicht die Kleidung beurteilt, sondern der Körper, der sie trägt. Passt er nicht ins Bild, muss mit gesellschaftlichen Sanktionen rechnen. 2020 ist das oft Hass im Internet.

Mitte Juli kommentierten und likten zehntausende Twitter-Nutzer*innen eine Collage, die dicke Menschen in enger Kleidung ironisch als „American Street Fashion“ bezeichnet. In den Kommentaren offenbart sich der Dickenhass, der Tenor: "Fette Frauen in kurzen Hosen sind widerlich und sollen gefälligst abnehmen." Dank des Widerstands feministischer User*innen ist der Ursprungstweet inzwischen gelöscht, die Autorin hat sich entschuldigt. Nur ist das kein Einzelfall: Über einen nicht-dünnen Frauenkörper in Shorts lässt sich im Internet immer noch erbittert diskutieren.

Körperbilder und alle Arten von Diskriminierung

Beim Körperfettanteil hören die Regeln für den 'Sommerkörper' nicht auf. Haare sind nur am Kopf erlaubt, da aber bitte wallend und im besten Fall noch blond. Achselhaare? Beinhaare? Gar ein bisserl Vulvabehaarung, die aus dem Bikinihoserl rauskräuselt? Ekelhaft, so das Urteil der schönheitsorientierten Gesellschaft. Sichtbare Schweißflecken? Unhygienisch. Ein entblößter oder zu erahnender Nippel? Na serwas, Schlampenalarm! Ein Burkini? Katastrophe, der Untergang des Abendlandes.

Maßregelungen von Frauenkörper begnügen sich nicht mit Lookism, also der Diskriminierung wegen des Aussehens. Durch Rassismen jeglicher Art erleben Women of Color und Schwarze Frauen oft mehrfache Diskriminierungen: was an einer weißen Frau als fashionable wahrgenommen wird, wird bei einer Schwarzen Frau schnell zur Stereotypisierung. Sexualisierung und Objektifizierung treffen überwiegend Frauen und weiblich gelesene Personen, Catcalling und Upskirting gehören zum sexistischen Alltag. Und ein Second-Hand-Shirt ist nur dann fancy, wenn es entweder sowieso teuer war oder als Schnäppchen mit hochpreisigen Accessoires kombiniert wird. Wer aus finanziellen Gründen zu Kleidung aus zweiter Hand greifen muss, gilt eher nicht als Fashion-Ikone. Studien belegen zusätzlich schon seit mehr als zwanzig Jahren einen Zusammenhang zwischen Übergewicht und niedrigem Einkommen. Dickenhass ist häufig auch Armenhass. Wie ein Mensch in der gesellschaftlichen Vorstellung auszuschauen hat, hat also nichts mit Geschmack und Vorlieben zu tun. All diese Regeln sind geprägt von Sexismus, Klassismus und Rassismus.

Mehr Diversität, weniger Vorschriften

Und es wird Zeit, sie zu brechen. Besonders in den sozialen Medien formiert sich der Widerstand: Body Positivity und Body Neutrality feiert und akzeptiert Körper, wie sie nun mal sind. Und das hilft nachweislich, wie eine australische Studie 2019 belegt hat: Wer ein bodypositives Posting anschaut, wenn auch nur kurz, verbessert damit das eigene Körperbild und die Laune. Deswegen: Lasst uns diesen Sommer tragen, was wir wollen und unsere Social Media Feeds mit Sommerfeeling in Wohlfühlkleidung füllen - wie auch immer die aussehen mag.

 

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