Hebamme ohne Grenzen: Ich, die Weltverbesserin

Christina ist nach Tansania gekommen, um ihr Wissen als Hebamme weiterzugeben. Letztlich ist das, was ihr die Menschen im afrikanischen Land gegeben haben, mindestens genauso wertvoll.

Anfang Oktober ist die junge Hebamme Christina Piller nach Tansania aufgebrochen, um beim Projekt Africa Amini Alama mitzuarbeiten. In ihrem Tagebuch für die WIENERIN erzählt sie von ihrem Leben vor Ort.

Hier in Tansania, zwischen dem Mount Meru und dem Kilimanjaro, bei Africa Amini Alama, wird Wundervolles geleistet. Es gibt ein Healing Center, eine Klinik, inklusive OP, Krankenzimmer und Kreißsaal, drei Grundschulen und ein Waisenhaus. Es ist ein symbiotisches Voneinander Lernen. Volunteers aus dem Westen bringen Knowhow und Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Bereichen und im Gegenzug bekommen wir Einblicke in die Arbeitswelt, Kultur und das tägliche Leben der Menschen.

Gekommen, um die Welt zu retten?

Ich will mit diesem ehrlichen Update das Klischee der alternativen, weltverbessernden, blauäugigen Hebamme ablegen und zeigen, dass nicht alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist. Die Bilder aus Afrika sind zwar wunderschön, das Wetter ist sonnig, das Essen ausgezeichnet und die Stimmung im Projekt einmalig. Ein realistischer Einblick sind ein paar schöne Bilder trotzdem nicht. Wir betreuen hier schwere Krankheiten, unterernährte Kinder, problematische Geburten, harte Schicksalsschläge, allgemeine Armut und Gewalt gegen Kinder und Frauen.

Das alles ist für mich als typische, emanzipierte Europäerin schwer zu verarbeiten. Deswegen bin ich umso dankbarer, hier Freunde gefunden zu haben, mit denen ich alles besprechen kann. Jeder gemeinsame Abend ist eine kleine Selbsthilfegruppe derer, die privilegiert, weiß und gekommen sind, um zu helfen.

Alles, was ich hier zur Verfügung gestellt bekommen habe, mein Zimmer, unser Bad mit Dusche und Toilette, unsere Küche, die Lara (meine burgenländische Mitbewohnerin) und ich teilen, schien mir am Anfang einfach, aber ausreichend.

Mittlerweile hat sich meine Definition von „einfach“ gänzlich geändert. Das was wir hier haben, ist der pure Luxus. Es ist mehr als alle anderen hier besitzen. Wir haben fließend Wasser, auch wenn „nur“ kaltes (kaum jemand hier hat fließend Wasser), wir haben Gas zum Kochen (viele kochen auf Feuerstellen), wir haben ein Bett (viele Maasai-Frauen schlafen mit ihren Kindern auf dem Boden) und einen Kasten (oft trocknen die Menschen ihr Gewand nach dem Waschen auf Büschen und dort bleibt es bis es das nächste Mal getragen wird).

Reich und privilegiert

Wir sind beziehungsweise werden aufgrund unserer Hautfarbe privilegiert, ohne es zu wollen. Wir zahlen hier zwar für Alles „Muzungu“ („weiße“) Preise, Menschen fragen uns nach Geschenken, Geld oder Süßigkeiten, einfach weil sie denken, dass man als Weiße reich ist. Und obwohl ich für europäische Verhältnisse, kurz nach dem Abschluss meines Studiums, wohl kaum als reich gelte, bin ich es! Ich bin reich! Ich habe ein Dach über dem Kopf, eine Krankenversicherung, Geld, mit dem ich Miete, Nahrung und sonstige Unsinnigkeiten wie Fitness-Studio und Frisör bezahlen kann, ich habe eine gesunde Familie, die mich immer unterstützt, und die besten Freunde und Freundinnen, die man haben kann!

Wir sind alle reich! Egal, wie viel man verdient oder besitzt. Und ich wünsche jedem, der seinen Reichtum und seinen Status anzweifelt und nach mehr Einkommen oder materialistischem Vermögen strebt, einen schönen Urlaub in Tansania. Nicht in einem 5-Sterne-All inclusive-Hotel, wo man von lokalen Gegebenheiten nichts mitbekommt, sondern in einer netten Lodge, die einem die Möglichkeit gibt etwas vom täglichen Leben der Menschen hier zu erleben! (zB von Africa Amini Life)

Hebamme ohne Grenzen - Kolumne WIENERIN



Jede/r von uns Volunteers kommt mit einer gewissen Naivität, zu helfen und so viel wie möglich zu verbessern. Gut so! Denn auch wenn die Kommunikation durch Sprachbarrieren erschwert ist und die afrikanische Pünktlichkeit sogar unsere akademische Viertelstunde überzieht, war hierher zu kommen eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich kam ganz ohne Erwartungen, wollte die Organisation bei dem was sie tut unterstützen und etwas von meinem hart studierten Wissen über Geburtshilfe weitergeben. Aber was mir zurückgegeben wurde, geht weit über die Grenzen meiner Vorstellung hinaus. Ich habe viel über Geburtshilfe gelernt, ein wenig Kiswahili, viel über das Land, die Menschen, ihren Alltag und über ihre Kulturen und Stämme. Aber am meisten habe ich über mich selbst gelernt und über die Frau, die ich sein will!

Asante Sana Tanzania, badai kidogo!

Neugier und Entschlossenheit halten sich bei Christina Piller die Waage. Die 26-jährige Wienerin hat eben ihr Hebammenstudium abgeschlossen und sich von der Idee, in Tansania beim Projekt "Africa Amini Alama" zu helfen und selbst was dabei zu lernen, anstecken lassen. Doch nur Wissen auszutauschen, reicht ihr nicht, Christina will auch was verändern.
Die WIENERIN findet so viel Engagement toll und hat Christina eingeladen, ihre Erlebnisse mit Frauen, Schwangeren und Babys in einem losen Online-Tagebuch mit unserer Community zu teilen.

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Kontakt: christina_piller@hotmail.com

www.africaaminialama.com

 

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