Die Männer von morgen

Wie erzieht man heute die Männer von morgen? Wir haben den Lokalaugenschein in einem Bubenworkshop an einer NMS gemacht, wo jugendliche Burschen lernen, dass über Gefühle zu reden nicht "schwul" ist.

"Bodybuilding, Sixpack, kämpfen!", Erkan liest die Wörter von kleinen Zettelchen vor, die er in der Hand hält. Auch die anderen Burschen um ihn herum haben Papierstreifen in ihren Händen. Zehn Minuten zuvor hat Philipp Leeb sie verteilt, mit der Aufforderung, untereinander zu tauschen. Wörter, die man gut findet, sollte man behalten, die anderen hergeben. Wir befinden uns in einer vierten Klasse einer Neuen Mittelschule in Wien. Die Tische sind an die Seiten geschoben und in der Mitte des Raumes hat ein knappes Dutzend Burschen einen Sesselkreis gebildet. Teenagerfüße in Hausschuhen oder Socken reiben unruhig über den Parkettboden. An zwei Vormittagen sitzt Philipp Leeb von Poika, einem Verein für gendersensible Bubenarbeit, in der Klasse und arbeitet mit den Burschen an Themen wie Männlichkeit, Sexualität, Gewalt oder daran, wie man Frauen behandelt. Die Mädchen haben derweil Mädchenworkshop in einem anderen Klassenzimmer.

Das Zettelchenspiel geht weiter. Wörter wie "Zärtlichkeit" oder "Geborgenheit" wurden auch ausgeteilt. Die Burschen lästern herum, keiner will sie behalten. "Was denkt ihr über Zärtlichkeit?", fragt Leeb. "Macht man nur bei Frauen", kommt es aus der Klasse. "Ist weiblich", sagt wer anderer. Ob ein Mann seine Gefühle nicht zeigen dürfe, fragt Philipp Leeb nach. Leeb ist gelernter Pädagoge (siehe Interview weiter unten, Anm.). Er ist in seinen Vierzigern, hat das Haar zu einem Man Bun gebunden und trägt einen Turnbeutelrucksack am Rücken. Er stellt an diesem Vormittag eher Fragen, als dass er belehrt. "Doch, man darf eh Gefühle zeigen", heißt es dann von einem der Burschen. "Aber halt nicht so stark."

Bubenarbeit in Schulen: Zuhören und Nachfragen

Für die nächste Übung holt Leeb einen großen Bogen orangefarbenes Papier hervor und breitet ihn auf dem Boden in der Mitte des Sesselkreises aus. Mit einem dicken Filzstift schreibt er ein Wort in die Mitte: "Frauen."

"Okay, was fällt euch zu Frauen ein?", fragt er in die Runde. In den nächsten Minuten schreibt er Wörter wie "Make-up","lange Haare" oder "Achseln rasieren", die ihm die Burschen zurufen, auf das Plakat. Nach einer Weile kommt die Übung ins Stocken. Irgendwoher hört man ein gedämpft hervorgestoßenes "Blasen" - und die Burschen prusten alle gleichzeitig los. Der Pädagoge schreibt das Wort in aller Seelenruhe mit seinem Filzstift aufs Papier. Die Burschen werfen einander überraschte Blicke zu. Jetzt wollen sie die Grenzen austesten: "Puff!", ruft einer grinsend. "Puff" schreibt Leeb auf das Plakat, gleich unter "Periode";"Gangbang" neben "Makeup". Dann folgen "Blowjob" und andere Wörter, die die Gruppe immer wieder in kichernde Unruhe versetzen.

Philipp Leeb steckt den Deckel auf seinen Stift und schaut in die Runde. "Okay, welche Wörter fallen euch zu eurer Mutter ein? Oder eurer Schwester?" Die Burschen denken nach. Die Begriffe, die jetzt kommen, sind ganz andere: "Nett" kommt da vor. Und "brav"."Viel arbeiten","sich kümmern". Leeb deutet auf das Plakat auf dem Boden: "Ihr habt alle Schwestern oder Mütter. Passt das zusammen?", fragt er mit Blick auf "Gangbang" neben "kümmern"."Wäre euch das angenehm?" In der Runde werden die Köpfe geschüttelt.

In der Pause jagen die Burschen durch die Schulgänge, klettern auf den Tischen herum und verstecken sich, als Leeb wiederkommt, hinter den Vorhängen im Klassenzimmer. Später zeigt er mit dem Projektor Bilder von Superhelden wie Spiderman und Batman. "Was haben die alle gemeinsam?", fragt Leeb. "Die sind alle Fake!", ruft einer. "Tragen alle Strumpfhosen", kichert ein anderer. "Niemand weiß, wer sie wirklich sind", sagt wieder wer anderer. Wer sie selbst wirklich sein wollen, müssen diese Burschen auch erst noch herausfinden. Männer mit Muskeln wie Superhelden? Männer mit Sixpacks, die kämpfen? Oder doch ganz anders?

"Auch Burschen brauchen Unterstützung!"

Philipp Leeb ist Gründer des Vereins Poika und ein Pionier in Sachen Bubenarbeit in Österreich.

Sie haben vor zehn Jahren Poika gegründet. Warum braucht es Bubenarbeit?

Philipp Leeb: Es geht darum, dass neben Frauen genauso Burschen und Männer Unterstützung brauchen, damit sich etwas ändert: Wenn Burschen Gewalt erleben, werden sie selbst auch eher Gewalt ausüben. Es braucht Räume für Burschen, wo sie über Dinge sprechen können, über die sie sich sonst nicht zu sprechen trauen, und wo sie auch bei nicht traditionellen Männerbildern bestätigt werden.

Worüber trauen sich Burschen nicht zu sprechen?

Emotionen sind ein großer Punkt. Wenn ich einen Burschen frage, ob er manchmal traurig ist, ist die häufigste Antwort: "Na, eigentlich nicht." Das ist aber für viele Männer ein Lebensthema. Männer leiden überproportional oft an Depressionen. Aber für die Burschen ist das ein Beweis von Männlichkeit, dass sie nichts herzeigen und im stillen Kämmerlein leiden.

In Ihrem Workshop haben Sie gefragt, was der Klasse zu Frauen einfällt. Das war ein spannender Moment.

Bei der Übung ist es ja schnell mit "Gangbang" et cetera losgegangen; aber als ich gefragt habe: "Und was ist, wenn ihr jetzt an eure Mütter oder Schwestern denkt?", war wirklich spürbar: "Moment mal. Jetzt muss ich was unterscheiden." Ich denke, einer der wichtigsten Faktoren ist die Pornografie. Es ist wichtig, dass sie von diesen surrealen Bildern weggehen und beobachten: Wer ist da? Wie sind echte Frauen?

Soll man Buben heute davon abhalten, klassisch männliche Dinge zu tun, damit man keine traditionelle Männlichkeit "reproduziert"?

Abhalten und Verbieten sind nicht konstruktiv. Es geht eher ums Anbieten. Wie rede ich mit Mädchen und Burschen: "Die starken Buben" oder "die lauten Buben" - das ist ja eine Verunglimpfung, weil nicht alle Buben laut oder stark sind. Genauso ist es bei Mädchen: dass sie immer hübsch sein müssen. Man kann seine Sprache durchaus reflektieren. Das machen wir ja in anderen Dingen auch. Oder auf der körperlichen Ebene: Wie wird ein Bub gelobt? Muss ihm auf die Schulter geklopft werden, oder kann man ihn auch in den Arm nehmen? Burschen werden auch sehr harsch sanktioniert - sie lernen früh, dass sie als Männer entweder körperlich bestätigt werden, durch Schulterklopfen, oder dass sie am Arm weggezogen werden, anstatt dass man mit ihnen einen Dialog führt.

Wie kann man heute einen Buben gut erziehen?

(Lacht.) Das haben schon ganz viele gesagt: Liebe und Zuneigung. Nähe. Gefühle. Und Zeit. Wenn ich Zeit habe, dann wächst jedes Kind gut auf.
 

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