Das Partygirl, die Dreiecksbeziehung und sexistische Berichterstattung zu Femiziden

Eine Frau wird ermordet, der mutmaßliche Täter steht gerade vor Gericht. Dort und in Medienberichten rückt das Privatleben des Opfers in den Vordergrund. Warum das problematisch ist.

Problematische Berichterstattung zu Femiziden

Eine Frau stirbt. Die 28-Jährige wird im Jänner in ihrer Wohnung erwürgt. Sie ist eines von 16 Femizid-Opfern, die seit Jahresbeginn in Österreich sterben mussten. Femizide, das sind Morde an Frauen, weil sie Frauen sind. Die Täter stammen in den meisten Fällen aus dem nahem Umfeld. Es sind (Ex)-partner und Freunde, Verwandte oder Bekannte. Und sie sind Gewalttäter. Männliche Gewalt ist ein strukturelles Problem - und eine Gefahr für Frauen.

Auch im Fall der 28-Jährigen Wienerin steht ein enger Freund als mutmaßlicher Täter vor Gericht. "Mordprozess: Das 'Partygirl' und die Dreiecksbeziehung" titelte Der Standard in der Prozessberichterstattung und zitiert dabei die Richterin. Die Verteidigungsstrategie des Angeklagten ist denkbar skurril: Er sei unschuldig, ein weiterer Freund des Opfers sei der eigentliche Täter und wolle ihm den Mord anhängen. Er erzählt von dem umtriebigen Liebesleben und Alkoholkonsum der Frau. Eine Geschichte, wie man sie sonst eher aus Kriminalserien kennt. Die Tat aber ist wirklich passiert und die tote Frau nicht Schuld an ihrer Ermordung – egal wieviel sie gefeiert hat, egal ob sie monogam war, egal wieviel sie getrunken hat.

Das Team des Frauenvolksbegehrens hat die problematischen Passagen der Berichterstattung auf Instagram gesammelt. Die Tageszeitung hat den Titel des Artikels inzwischen geändert.

Femizide und wie man darüber berichten soll

Die Gründe für Gewalt gegen Frauen und Femizide sind vielfältig. Es ist an erster Stelle die Gewaltbereitschaft von Männern, die in einer patriarchalen Gesellschaft nie gelernt haben, mit negativen Emotionen umzugehen. Aber es liegt auch an den Strukturen. Gesetze fehlen oder sind zwar vorhanden, werden aber zu lasch umgesetzt. Betroffene trauen sich nicht, sich an Einrichtungen oder die Polizei zu wenden, weil sie glauben, dass ihnen nicht geholfen werden kann. Victim-Blaming, Stigmata und Vorurteile sorgen für Unsicherheit auf der einen, der Opferseite. Auf der anderen kritisieren Gewaltschutzexpert*innen immer wieder, dass die Gefährlichkeit potentieller Täter von der Exekutive falsch eingeschätzt werde. Und nicht zuletzt fehlt als an einem gesellschaftlichen Bewusstsein für die Gewalt und den Hass gegen Frauen, die alltäglich ist.

Dazu tragen auch drastische Fehler in der medialen Berichterstattung bei: Wenn Täter-Opfer-Umkehr an der Tagesordnung steht, wenn Femizide als "Beziehungsdrama" oder "Familientragödie" und Vergewaltigungen als "Sex-Attacke" betitelt werden, wie soll ein Bewusstsein für das geschehen, was in Österreich im Schnitt alle eineinhalb Wochen passiert: Ein Mann tötet eine Frau. Ob diese Frau ein "Partygirl" war, ob sie eine "Dreiecksbeziehung" hatte oder einen "kurzen Rock" trug, tut nichts zur Sache. Es ist ein Mord, der aus einer männlichen Gewalt heraus entsteht. Und eine Frau, die deswegen sterben musste.

Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen ist wichtig, gar essentiell im Kampf gegen ebenjene Gewalt und das System, das sie ermöglicht. Nach Medienberichten melden sich mehr Betroffene bei Interventions- und Beratungsstellen, holen sich Hilfe und trauen sich über ihre Erfahrungen zu sprechen. Nachbar*innen und Freund*innen werden aufmerksamer, potentielle Täter*innen sensibilisiert. Nur dürfen diese Medienberichte Gewalt nicht verharmlosen, müssen den Opferschutz immer hoch halten, Orientierung geben und Hilfsmöglichkeiten aufzeigen. Der Verein der Autonomen Frauenhäuser hat bereits 2014 einen Leitfaden zur gewaltfreien Berichterstattung veröffentlicht. Wird Zeit, dass ihn alle Redaktionen auch lesen.

 

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