Burkini-Verbot: Wenn plötzlich wieder alle zu Frauenrettern werden

Der größte Feind rechter Neo-"Feministen" ist derzeit: der Ganzkörperbadeanzug. Schließlich müssen unsere sexistischen Werte verteidigt und Frauen munter weiter diskriminiert werden.

"Drei weitere französische Städte beschlossen Burkini-Verbot." Solche Schlagzeilen sorgen gerade für Diskussionsstoff. Allen, die nicht "angemessen gekleidet" seien, werde der Zugang zu öffentlichen Stränden untersagt, meint jetzt ein französischer Bürgermeister nach dem anderen. Hintergrund ist eine gewaltsame Auseinandersetzung zwischen korsischen Jugendlichen und Familien maghrebinischer Herkunft, weil Touristen Frauen fotografiert hatten, die im Burkini baden gingen.

Aber so weit müssen wir gar nicht schauen: auch österreichische Gemeinden machen mit Burkini-Verboten von sich reden. Etwa das Melker Wachaubad, wie die NÖN berichtet. Plötzlich sorgen sich nämlich alle um die Freiheit der Frauen - denn nichts schreit mehr nach Freiheit als ein Verbot. Wir Frauen müssen uns schließlich ausziehen, um dazuzugehören.

Die Freiheit "unserer" Frauen ist die Freiheit, immer und überall von Männern begafft werden zu können


Man stelle sich nur vor, was passieren würde, wenn Frauen im Schwimmbad bedeckt wären! Welchen Frauenhintern soll man denn dann noch nachpfeifen können? Fatal wäre das. Schließlich sind "unsere" Frauen dort die freiesten Geschöpfe der Welt. Auch wenn sich wohl jede Frau an die ersten Schwimmbadbesuche nur mit Schrecken zurückerinnern kann. Gedanken darüber, ob alles gut rasiert ist, wie der Bikini sitzt, ob der Busen zu klein/zu groß ist, ob man über diese Wiese gehen kann ohne von mindestens vier Typen blöde Bemerkungen hinterhergerufen zu bekommen, wie man sich das Handtuch am besten umwickelt, damit der Bauchspeck nicht sichtbar ist – ja, das waren und sind leider Dinge, die uns beschäftigen. Schließlich wird uns in unserer freien Gesellschaft beigebracht, dass unsere Körper nie perfekt sind. Dass sie ständig von Männern bewertet werden müssen. Dass sie immer verfügbar sein müssen. Alles aufgeklärte Werte, die wir gegen den "Burkini-Wahn" verteidigen sollen, oder etwa nicht?

Die Neo-"Feministen" schreien wieder laut auf - und hinterlassen nur heiße Luft


Frauenkörper scheinen für manche Männer noch immer die größte Gefahr darzustellen. Deshalb müssen sie sie kontrollieren, verdrängen, bedrängen, regulieren. Da sind sowohl das religiöse Gebot, ein Kopftuch zu tragen, als auch das Burkini-Verbot keine Ausnahmen. Dass sexistische, patriarchale Traditionen mit weiterem Sexismus nicht wirklich eliminiert werden, dürfte wohl jedem einleuchten. Denn wieder einmal schreiben weiße, privilegierte Männer Frauen vor, was sie tragen dürfen und was nicht.

Die Frauen, um deren Sicherheit und freien Willen sie sich so sehr zu sorgen scheinen - die verbannen sie also aus der Öffentlichkeit ins Private, nehmen ihnen ihre Möglichkeit am öffentlichen Leben teilzunehmen, schreiben ihnen vor, was sie (nicht) zu tragen haben und nennen es dann auch noch "Befreiung". Das ist an Scheinheiligkeit kaum zu übertreffen. Denn in Wirklichkeit geht es wieder nur darum, die dahinter stehende rassistische Logik zu bedienen. Sobald nämlich die eigenen Frauenbilder kritisch hinterfragt werden sollen, sind die Neo-"Feministen" wieder ganz still.

Frauenrechte sollen zurück in die Steinzeit - außer bei den "Fremden" natürlich


Wenn der RFJ Oberösterreich mit nackten Frauenhintern gegen sexuelle Belästigung wirbt, wenn ein EM-Plakat sexistischen Voyeurismus bedient, wenn ein Nationalratsabgeordneter „Pograpschen“ als eh nicht so schlimm betitelt, wenn die FPÖ Frauenhäuser schließen will, wenn von einem Bundespräsidentschaftskandidaten das Recht auf Selbstbestimmung der Frauen in Frage gestellt wird - dann sollen wir Feministinnen uns bitte nicht künstlich aufregen. Aber ein Ganzkörperbadeanzug? DAS geht natürlich gar nicht. Frauenrechte sind nämlich nur dann von Bedeutung, wenn man damit gegen "den" Islam hetzen kann. Und da steht Schwarz-Weiß-Denken ganz hoch im Kurs.

„Und dann wollen sie uns auch noch von unserer Religion ‚befreien‘. Verstehen sie denn nicht, dass wir diese Bevormundung nicht wollen?“ Diesen Satz sagte die junge Muslima Aisha, die mit Carla Amina Baghajati von der Islamischen Glaubensgemeinschaft für die WIENERIN (Ausgabe 2/2016) die "Ehre der Frau" diskutierte.

Denn: der innermuslimische Diskurs überdenkt traditionelle Rollenbilder durchaus, ist äußerst divers und beschäftigt sich – ebenso wie jene, die ständig von außen kommentieren – auch kritisch mit patriarchalen Denkmustern. „Umso wichtiger ist der interreligiöse und ,interfeministische' Dialog“, sagt Baghajati. Und: „Außenansicht und Innenwahrnehmung klaffen oft auseinander.“ Schließlich sind Frauenrealitäten unterschiedlich – und wir müssen verstehen, dass es nicht nur die Religion ist, die die Identität "dieser" Frauen ausmacht. Es kommen noch viele weitere "Achsen der Differenz“ dazu, die sich ineinander verschränken. Nur weil eine Frau einen Burkini trägt, heißt das nicht, dass ihr ganzes Sein davon bestimmt wird, was ihr Mann zu sagen hat. Genauso wenig ist jene, die im knappen String über den Strand läuft, die unabhängigste und freieste Frau auf der Welt.

Einer Minderheit Kleidungsverbote zu geben, bringt uns nicht weiter


Unabhängig davon, wie Außenstehende darüber denken, welche Symbolik solch ein Kleidungsstück mit sich trägt, gilt einfach: lasst Frauen im Schwimmbad und überall sonst tragen, was sie wollen. Unterscheidet sie aufgrund scheinheiliger Argumente nicht nach ihrer Herkunft, klebt ihnen kein Stigma auf, wenn ihr euch so sehr um sie zu sorgen scheint – und argumentiert dann schon gar nicht mit Freiheit. Denn Sexismus ist ein großer Teil unserer „aufgeklärten“ Kultur – das geht von der Werbung bis hin zu Führungsetagen und dem Umgang mit Gewalt gegen Frauen in Österreich (nicht einmal eine von zehn Vergewaltigungen wird zur Anzeige gebracht und nicht einmal jede 5. Anklage führt zu einer Verurteilung). Das sind die Themen, mit denen wir uns dringend beschäftigen müssen – nicht damit, einer Minderheit vorzuschreiben, was sie zu tun hat oder wie sie sich zu fühlen hat.

Nicht umsonst sind es rechte Parteien wie die FPÖ, die sich auf dieses Thema draufsetzen. Denn damit lässt sich gut polarisieren. Dass es der FPÖ hier – wie auch sonst – nicht um die betroffenen Frauen geht, dürfte ja hinlänglich bekannt sein.

Und was genau soll dieses Verbot bringen? Wäre es nicht wesentlich sinnvoller, in Integrationsmaßnahmen zu investieren, etwa Frauenhäuser zu unterstützen und diese Frauen in die Mitte zu holen statt an den Rand zu drängen? Kleidungszensur bringt uns nicht weiter und macht gar nichts außer den Frauen Freiheiten wegzunehmen. Es führt dazu, dass diese Frauen im Privaten bleiben, dass weitere Kluften entstehen, und deren Männer sie besser kontrollieren können.

Häusliche Gewalt ist Teil unserer Kultur - und es interessiert kaum jemanden


Angesprochen auf diesen Widerspruch, meint etwa Petra Steger, Nationalratsabgeordnete der FPÖ, im WIENERIN-Interview nur: "Ich würde rigorose Strafen, erhöhte Strafrahmen für Familien, für Männer, die diese Frauen zuhause einsperren und unterdrücken, einführen." Ob sie da auch in österreichischen Haushalten vorbeischauen würde - schließlich ist jede fünfte Frau in Österreich zumindest einmal in ihrem Leben von körperlicher und/oder sexueller Gewalt betroffen gewesen? Man weiß es nicht. Und die FPÖ, deren Vertreter bereits Frauenhäuser schließen wollten, bietet hierzu auch keinerlei Lösungen, höchstens Verschlimmerungen, an.

Und wer beim Burkini-Verbot mit Hygiene argumentiert, dem dürften wohl bierbäuchige, ganzkörperbehaarte und schwitzende Männer schon lange ein Dorn im Auge sein. Weg mit ihnen! Im gleichen Atemzug können wir auch Menschen mit Hautkrankheiten, Behinderte und Alte aus dem Schwimmbad verbannen. Oder wäre das etwa Diskriminierung? Und für alle Verbotswütigen hätte ich noch einen weiteren Vorschlag:

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