Barrierefrei: Warum Mode noch längst nicht für alle ist - und wie sie das werden kann

In Kampagnen werden Inklusion und Diversity großgeschrieben, Menschen mit Behinderungen oft für die Quote vor die Kamera geholt. Als Zielgruppe existieren sie in der Modewelt aber kaum. Wie kann sich das ändern?

Mode ohne Barrieren

Auf dem Papier steht’s um Barrierefreiheit gar nicht mal so schlecht: Mit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention wurden 2008 die Rechte von Menschen mit Behinderung geregelt: Inklu­sion Teilnahme am kulturellen und öffentlichen Leben, Arbeit sowie unabhängige Lebensführung etwa. Aber in Österreich gibt es niemanden, der das kontrolliert – die Realität hinkt Gleichstellungsgesetzen hinterher. Nur jedes zweite Geschäft ist barrierefrei zugänglich, die darin verkaufte Mode längst nicht für alle. "Wir haben uns gedacht, wir machen das anders, zeitgemäßer", so Josefine Thom und Johann Gsöllpointner. Mit ihrem Label Mode ohne Barrieren machen sie Mode für alle. "Wir wollen aber keine Reha-, keine 'Rollstuhlmarke' sein, sondern ein inklusives, barrierefreies Label, das Selbstbestimmung fördert."

WIENERIN: Menschen mit Behinderung existieren als Zielgruppe in der Mode nicht, Inklusion bekommt kaum Beachtung. Warum nicht?

Josefine Thom: Mode ist keine Insel. Auch in der restlichen Gesellschaft gibt es kaum Bereiche, in denen Menschen mit Behinderungen von vornherein mitgedacht werden. In der Modebranche hängt dies wohl auch mit dem höheren Anfangs­aufwand zusammen. Das reicht von barrierefreien Zugängen zu Geschäftslokalen bis zu Fragen des Innendesigns, etwa: Wie hoch sind die Kleiderstangen? Hinzu kommt: Die für Normkörper standardisierten Größen funktionieren bei Menschen mit Behinderungen oft nicht. Die Kleidung benötigt viel mehr Funktionen, andere Schnitte, Stoffe und Verschlusssysteme.

Sieht man sich Kampagnen von Modehäusern an, scheinen "Diversity" und "Inklusion" in Werbe­abteilungen beliebt zu sein. Politische Bewegungen bekommen so oft einen Feel-Good-Vibe. Braucht es den, um das Thema in die breite Masse zu bekommen?

Im Sinne von Awareness finde ich "Diversity" und "Inklusion" als Werbebotschaft prinzipiell gut. Der Feel-Good-Vibe trägt dazu bei, dass diese Themen auf eine ansprechende Art und Weise repräsentiert werden. Das Problem ist aber, dass uns damit suggeriert wird, dass wir schon längst in einer diversen und inklusiven Gesellschaft leben. Diese trügerische Symbolkraft der Werbe­industrie zeigt uns aber nicht, wie viele Kämpfe im Hintergrund geführt werden. Menschen mit Behinderungen werden als Held*innen des Alltags inszeniert. Ihre traditionell negative Darstellung als machtlose Opfer oder positiv gewendete Inszenierung als ungeheure Helden sind aber nur zwei vereinfachende Seiten derselben Medaille.

Zu oft werden Menschen mit Behinderungen nur im Sinn der Quote ­herangezogen. Sollen Firmen Themen wie Inklusion aufgreifen und schlecht umsetzen oder es lieber ganz sein lassen?

Die Frage übersteigt meine Expertise. Inklusion ist ein weiter Begriff. Tokenism bezieht sich nicht nur auf ableistische, sondern auch auf sexistische oder rassistische Machtstrukturen. (Anm.: Tokenism bezeichnet eine lediglich symbolische Anstrengung, Minderheiten zu repräsentieren. Ableismus ist die Abwertung von Menschen mit Behinderung.) Wir glauben an das emanzipative Potenzial von Mode. Sie kann zu strukturellen Veränderungen beitragen, etwa können Arbeitsplätze im ersten Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen geschaffen werden. Ein Gleichgewicht zwischen Problem­lösung und Exploration könnte neue Richtungen eröffnen. Dies reicht von Allianzenbildungen unterschiedlicher Disziplinen bis zur Schaffung neuer Öffentlichkeiten. Akteurschaft als verteilt zu verstehen, sehe ich als wesentlich an.

Weg von Opfer- und Heldengeschichten: Wie müssen wir den Diskurs über Inklusion führen?

Eine Baumaßnahme, etwa eine Rampe, allein führt uns längst nicht zu einer inklusiven Gesellschaft. Es ist ein Anfang, mehr nicht. Wir müssen lernen, gemeinsam solidarisch zu streiten. Dazu gehört ein Diskurs über Ableismus. Im Gespräch mit der Schauspielerin und Rollstuhlfahrerin Yuria Knoll (Anm.: am Foto oben mit der Aufschrift am Pulli: "Dein Event is oasch") beklagt sie, dass viele Behinderte Ableismus internalisiert haben; sie haben sich damit abgefunden, eine Belastung für die Gesellschaft zu sein — nach dem Motto "Danke, dass ich überhaupt hier sein darf!"

Ein anderes Problem ist die Individualisierung, statt strukturelle Verhältnisse aufzubrechen. Yuria hat mir von einem Beispiel erzählt, wo Rollstuhlnutzer diskutiert haben, ob eine Gehbehinderung Grund genug sein soll für einen Behindertenpark­ausweis. That’s the point: Wichtiger wäre es, mehr Behindertenparkplätze zu schaffen! Menschen mit und ohne Behinderungen, die sehen, dass da schon wieder jemand grundlos den Parkplatz besetzt, könnten viel öfter den Abschleppdienst rufen oder die Person darauf aufmerksam machen.

Wir müssen uns bewusst werden, dass Behinderung kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem ist. Es gibt eine breite Palette vielschichtiger Zugänge. Inklusion ist nicht nur ein Bildungsauftrag mit Tendenz zur Überpädagogisierung, sondern kann auch wild, experimentell oder spielerisch sein.

Das ist das Ziel, das ihr euch mit Mode ohne Barrieren gesetzt habt?

Ziel ist nicht, Diversity und Inklusion ins Zentrum zu rücken, sondern die Diversität aktiver Identitäten. Die Realität, die Wünsche, die Ansprüche der Betroffenen, ihrer Angehörigen und Kontexte bezüglich angemessener Kleidung sind divergenter und nuancierter, als man es in der Regel zu sehen bekommt. Es geht um das ganze Spektrum.
Die Dominanz monokultureller „Funktionskleidung“ wird der Diversität der Umstände und Ansprüche nicht gerecht. Es gibt nicht nur gläserne, sondern auch textile Decken.

Josefine Thom und Johann Gsöllpointner haben gemeinsam Mode ohne Barrieren gegründet. Für Josefine war das auch persönlich motiviert: "Meine Schwester ist kognitiv und körperlich behindert; Mehrfach­behinderung also. Mode war da immer Thema, das An- und Auskleiden schwierig."

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