"Auch in Wien gibt es Ärzte, die Mädchen beschneiden"

Täglich werden 6000 bis 8000 Mädchen weltweit beschnitten. Jährlich kommen 3 Millionen Opfer von Genitalverstümmelung dazu. Ursula Walch ist eine, die gegen die gewaltvolle Praxis ankämpft.

[Triggerwarnung, Gewalt: im Text wird die Vorgangsweise von Beschneidungen beschrieben.]

Genitalverstümmelung betrifft schätzungsweise 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit. Die gewaltvolle und oft tödliche Praxis wird trotz Verboten in vielen Ländern weiterhin durchgeführt und hat weitreichende physische und psychische Folgen für die Betroffenen.

Ursula Walch, Hebamme und Autorin, war schockiert über das Ausmaß der Verstümmelung, als sie im Senegal Geburtshilfe leistete. Vor der Geburt muss eine beschnittene Frau nämlich „geöffnet“ werden, um später wieder zugenäht zu werden. Eine „entwürdigende“ Praxis, so Walch. Um nicht tatenlos zuzusehen, gründete sie den Verein „SAAMA“ gegen weibliche Genitalverstümmelung. Im wienerin.at-Gespräch berichtet sie von den verheerenden Zuständen, unter denen die Frauen, die sie getroffen hat, leben müssen – und wie sie versucht, ihnen medizinische und psychologische Hilfe zukommen zu lassen.

Wieso haben Sie damit begonnen, sich mit Genitalverstümmelung auseinanderzusetzen?

Ich bin mit einer NGO im Dezember 2013 in den Senegal gefahren. Ich war als Hebamme dabei und mich hat die Situation der Geburtshilfe dort sehr interessiert. Deshalb habe ich mir die Geburtenstationen der Krankenhäuser einmal angesehen. Unweigerlich bin ich dann, vor allem im Süden Senegals, auf Frauen getroffen, die verstümmelt waren. Ich war bei Geburten und Kaiserschnitten dabei, und ich war vollkommen schockiert. Als Hebamme war mir bis dahin schon viel untergekommen, aber so etwas hatte ich noch nicht gesehen. So grauslich verstümmelte Frauen habe ich in der Realität noch nie gesehen. Das war wirklich, wirklich brutal. Also habe ich mit einer Kollegin, Sigrid Wernegg, den Verein SAAMA gegründet. Mir ist vor allem in Erinnerung geblieben, wie gebrochen die Frauen sind, und wie wenig sie darüber reden wollen oder können. Diese Frauen haben von Anfang ein beschissenes Leben. Das Thema ist dort tabu. Selbst die Gynäkologen greifen es nicht an. „Das ist unsere Kultur“, bekommt man dann zu hören.

Was können Sie mit Ihrer Arbeit bewirken?

Es wird seit Jahrzehnten NGO-Arbeit gegen Genitalverstümmelung gemacht, aber an der Verstümmelungsrate hat sich nicht viel verändert. Es gibt Aufklärungs-, Sensibilisierungsarbeit, Unterstützungsprogramme wie die Desert Flower Foundation. Ägypten hatte vor 30 Jahren eine Verstümmelungsrate von 98 Prozent (Quelle: Thomson Reuters Foundation), jetzt hat es zwischen 90 und 95 Prozent. Für 30 Jahre Arbeit ist das viel zu wenig. Eine 5000 Jahre alte Tradition ist sehr schwer zu bekämpfen, obwohl es eigentlich so einfach sein sollte. Unser Zugang ist deshalb ein rein medizinischer. Wir machen Opferbehandlung – mit Interventionen, Schmerztherapien, Operationen und Rekonstruktionen. Natürlich auch psychologische Begleitung. Die Nachhaltigkeit ergibt sich dadurch, dass die behandelten Frauen – wenn sie keine Schmerzen, Infektionen mehr haben – als Multiplikatorinnen hinausgehen. Zum Beispiel als Großmutter, die ihre Enkeltöchter nicht mehr beschneiden lässt. Vielleicht braucht es ein paar Generationen, bis es dann wirkt. Eine weitere Nachhaltigkeit ergibt sich daraus, dass wir senegalesische Ärzte bei den Interventionen oder Rückoperationen schulen – man glaubt nicht, wie wenig Ahnung sie haben.

Wie wird diese Gewalt begründet?

Natürlich geht es darum, Frauen und deren Körper zu kontrollieren. Es herrscht Angst vor einer exzessiven Sexualität der Frau. Argumentiert wird dann mit der Tradition. Nicht beschnittene Frauen werden stigmatisiert, sie werden geächtet. Manche glauben, dass damit die Fruchtbarkeit erhöht wird. Die AnalphabetInnenrate ist sehr hoch, das Bewusstsein über die gesundheitlichen Folgen nicht vorhanden. Wenn das Kind bei der Beschneidung stirbt, dann wird das damit begründet, dass „der falsche Tag“ ausgewählt wurde. Ein Viertel der Bevölkerung lebt unter der absoluten Armutsgrenze. Das sind alles Bedingungen, die Gewalt begünstigen. Doch auch in gebildeten Familien wird es weiterhin praktiziert – damit ist es oft nicht getan.

Wer hat Interesse daran, diese gewaltvolle Tradition beizubehalten?

Verschiedene Gruppen haben Interesse an der Beibehaltung. Zum einen die Beschneiderinnen, diese sind oft gleichzeitig auch traditionelle Geburtshelferinnen. Beschnittene Frauen können ja dann alleine nicht mehr gebären. Genitalverstümmelung ist eine hochangesehene und gutbezahlte Tätigkeit. Zweitens haben die Schwiegermütter als Hüterinnen der Tradition und Familienehre Interesse daran. Dann auch die Väter, denn die Verstümmelung garantiert Jungfräulichkeit. Eine Bedingung und Voraussetzung für die Heirat. Mit dem Schweregrad der Beschneidung steigt auch der Brautpreis. Viertens profitieren auch die Ehemänner, denn die Frauen gehen nicht fremd, sie gebären nur die Kinder ihres Ehemannes und sichern damit die Stammbaumlinie.

Welche Sorgen verbinden Familienmitglieder damit, wenn ihre Töchter nicht beschnitten werden?

Die jungen frisch verheirateten Mädchen oder Frauen kommen in das Zuhause des Mannes. Die Schwiegermütter sehen sie als Konkurrenz, weil sie nicht mehr die Kontrolle über den Sohn haben. Wenn das Mädchen aber beschnitten ist, verhält sie sich wie das graue Mäuschen. Die Schwiegermutter geht meistens mit zur Beschneidung, sie sind die treibende Kraft. Sie bestimmen oft auch über den Schweregrad der Beschneidung. Wenn der das nicht passt, wird noch einmal drüber geschnitten.

Welche verschiedenen Formen der Genitalverstümmelung gibt es?

Das ist schwer zu sagen, weil die Übergänge von einem Schweregrad zum nächsten sehr fließend sind. Offiziell ist es in drei Grade eingeteilt. Beim ersten Grad kommt die Klitoris weg, partiell oder ganz. Wenn das eine erfahrene Beschneiderin ist, wird sie nie zu tief gehen, weil sie weiß, dass drunter ganz starke Blutgefäße sind. 10 Prozent der Beschneidungen enden tödlich, weil die Mädchen verbluten oder gleich an einer massiven Infektion sterben.

Bei Grad 2 kommen die kleinen Labien (Schamlippen) dazu. Dann kann schon sein, dass ein oder zwei Nähte gesetzt werden. Bei Grad 3 – der „pharaonischen Beschneidung“ – kommen Klitoris, kleine und große Labien weg. Und dann wird zugenäht. Manchmal ist die Wunde so groß, dass sie alles zunähen bis auf die Größe eines Reiskorns. Dann wird ein Strohhalm reingesteckt, damit das offen bleibt. Diese Mädchen brauchen dann 30 Minuten zum Urinieren. Es tröpfelt nur. Auch bei der Menstruationsblutung. Es kommt zum Rückstau, sie haben ständig Infektionen, fangen an zu stinken und werden aus der Gesellschaft verstoßen. Die Folgen sind verheerend.

Wie laufen dann die Geburten ab?

Die Frauen werden aufgeschnitten. Und dann wird sie nach der Geburt wieder zugenäht. Um wieder zuzunähen, muss der vernarbte Teil ausgeschnitten werden und die „sauberen“ Wundränder – im medizinischen Sinn – wieder zugenäht. Das geht nur vier bis fünf Mal, weil dann ist kein Gewebe mehr da.

Gibt es einen Weg „zurück?“

Ich habe Frauen kennengelernt, die sich rückoperieren haben lassen. Sie haben gesagt, dass sie dadurch ein neues Leben führen. Zwei Spezialisten gibt es weltweit, die diese Operationen durchführen. Einer davon wird in unserem Gesundheitszentrum im Senegal operieren, sobald wir genug Frauen organisieren. Dadurch dass wir dort im Spital angesiedelt sind, werden Frauen, die die gynäkologische Ambulanz besuchen, ganz niederschwellig informiert.

In vielen Ländern ist Genitalverstümmelung ja verboten – bringen die Gesetze etwas?

Leider wird es nicht verfolgt. Durch die gestiegene Öffentlichkeit passiert auch leider oft das Gegenteil: die Beschneidungen werden illegal noch unsicherer durchgeführt, es werden immer jüngere Mädchen beschnitten – sogar Säuglinge. Je jünger sie sind, desto leichter ist es zu verheimlichen. Doch der Schweregrad ist dadurch natürlich schlimmer.

Wie viele FGM-Betroffene gibt es in Österreich?

Man schätzt zwischen 8000 und 18000. Hauptsächlich ist Wien betroffen. Es gibt auch eine eigene FGM-Ambulanz im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital. Natürlich ist es schwerstens verboten, hier Mädchen zu beschneiden – doch es gibt ein paar Ärzte in Wien, die es gegen viel Geld machen. Wir wissen nicht, welche. Die Familien reisen aber sonst in ihre Heimatländer, lassen es dort durchführen und kommen mit dem beschnittenen Mädchen zurück. Um das zu verhindern, kann man nur mit der Familie arbeiten, mit ihnen reden und sie sensibilisieren. Wenn man das schafft, ist bereits viel getan.

Mag.a Ursula Walch ist Autorin (Heyne, Fischer), Projektleiterin (Westsahara, Senegal) und international in der Geburtshilfe tätig. Sie ist außerdem Dozentin an Universitäten in Lateinamerika und Europa, Hausgeburtshebamme, Dipl. Dolmetscherin, sowie wohnhaft in Graz.

Walch schreibt gerade an einem großen Afrika-Roman, der auch das Thema Genitalverstümmelung beinhaltet. Demnächst erscheint ihr neues Buch "born@home", das amüsante und berührende Erlebnisse einer modernen Hebamme bei Hausgeburten in mehreren Ländern erzählt.

SAAMA - Verein gegen weibliche Genitalverstümmelung

Website: www.no-fgm.org

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