Anzeichen dafür, dass du chronisch einsam bist

Die wirklich guten FreundInnen kann man an einer Hand abzählen - und viele Menschen können nicht einmal das. Über kollektive Einsamkeit, die Folgen für unsere Gesundheit und wie wir wieder zueinanderfinden.

Gestresste Großstadtmenschen flüchten ins Schweige-Retreat, um zur Ruhe zu kommen. Unser Essen steht in immer kleineren Verpackungsgrößen im Supermarktregal, weil die Zahl der Singlehaushalte wächst. Wir schicken uns Textnachrichten, anstatt zu telefonieren, googeln Adressen, statt jemanden nach dem Weg zu fragen, und sind genervt, wenn jemand unangekündigt vor der Tür steht. Die Menschen aus unserer Eltern-und Großelterngeneration sind noch gemeinsam am Küchentisch gesessen, um zu plaudern oder Karten zu spielen - wir sitzen alleine vor unseren Handys und machen das perfekte Selfie.

Dass das alles Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, liegt auf der Hand. Wir verkaufen uns das Alleinsein als neues, erstrebenswertes Lebensgefühl und zelebrieren die Stille so lange, bis sie uns in Form von Krankheit wieder einholt. Dann nämlich, wenn uns dämmert, dass Smartphone und digitale Gemeinschaft echte Nähe nicht ersetzen können. Und das passiert oft sehr spät.

Ein Gehirnforscher erklärt, was Einsamkeit wirklich ist

Einsamkeit macht Körper und Psyche krank. Wer einsam ist, leidet häufiger an Krebs, Depressionen und Demenz; das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigt. WissenschaftlerInnen sprechen von einer Epidemie, schlimmer als Adipositas, Bluthochdruck und Demenz. Laut New York Times droht in Japan einer ganzen Generation der einsame Tod. Manfred Spitzer, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm und des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen, gilt als einer der bedeutendsten deutschen Gehirnforscher und bezeichnet Einsamkeit als schmerzhaften, ansteckenden und sogar tödlichen Megatrend. Wir haben ihn gefragt, wie wir wieder zueinanderfinden.

Wie würden Sie das Gefühl der Einsamkeit definieren?

Manfred Spitzer: Jeder kennt das Gefühl, wenn man unfreiwillig alleine ist. Das ist so wie Zahnschmerzen oder Kopfweh, das muss man nicht definieren; es passiert jedem im Lauf der Lebensgeschichte. Soziale Isolation kommt über einen, da kann man nichts dafür. Ob der Partner wegstirbt, jemand krank wird oder die Kinder ausziehen: Die Gründe sind vielfältig. Der Punkt ist der, zwischen chronischen und akuten Zuständen zu unterscheiden. Schmerzen haben ja einen positiven Sinn, weil sie uns zeigen, dass irgendwas mit unserem Körper nicht stimmt. Genauso ist es mit Einsamkeit: Wenn wir uns akut einsam fühlen, sind wir freundlicher zu anderen, wir gehen mehr aus uns raus, um dem entgegenzuwirken. Dieses akute Gefühl kann aber auch chronisch werden.

Wir müssen damit aufhören, alles immer nur alleine oder mit dem Smartphone zu machen. Diese vielen kleinen Interaktionen zwischen Fremden sind der Klebstoff, der unsere Gesellschaft zusammenhält.
Manfred Spitzer

Was versteht man unter chronischer Einsamkeit?

Das chronische Gefühl der Einsamkeit ist nicht mehr nützlich, um rauszugehen, sondern macht eher missmutig. Wenn man anfängt, zu denken "Die anderen wollen eh nichts von mir" und sich ein dauerhaftes Einsamkeitsgefühl entwickelt, kann das schädlich werden.

Was passiert dann mit uns?

Die gesundheitlichen Folgen bei chronischer Einsamkeit brauchen lange, bis sie sich entwickeln. Man weiß aber, dass Einsamkeit ein größerer Risikofaktor für einen frühen Tod ist als Übergewicht, Rauchen, Alkoholismus oder Unsportlichkeit. Einsamkeit ist letztlich eine existenzielle Verunsicherung: Wenn ich niemanden habe, bei dem ich nachts um drei klingeln und fragen könnte, ob ich bei ihm schlafen könne, weil es mir nicht gut geht, bin ich verunsichert, denn dann wäre ich ja ganz schlecht dran. Diese unterschwellige Verunsicherung erzeugt nachgewiesenermaßen einen erhöhten Stresshormonspiegel im Blut. Und wenn dieser Stress dann über Jahre hinweg existiert, kann er zu Bluthochdruck, einem Blutzuckerspiegelanstieg, Herz-Kreislauf-Problemen und Schlaganfällen führen -man stirbt früher. Chronische Einsamkeit zu vermeiden, ist mindestens so wichtig, wie sich gesund zu ernähren und sich zu bewegen. Das sollte man sich klarmachen.

Kann man gegensteuern?

Groß angelegte Studien haben gezeigt, dass ehrenamtliche Tätigkeiten das eigene Wohlbefinden entscheidend steigern und Stress deutlich mindern. Wer einsam ist, fühlt sich ja oft nutzlos oder so, als würde er allen nur auf die Nerven gehen. Aber wenn ich mich ehrenamtlich engagiere und etwa anderen Leuten Essen gebe, die es wirklich nötig haben, gehe ich denen damit sicher nicht auf die Nerven. Es hilft, wieder unter Leute zu kommen und damit diesen Teufelskreis, der bei chronischer Einsamkeit besteht, zu durchbrechen.

Gibt es gesellschaftspolitische Maßnahmen, die Einsamkeit vorbeugen könnten?

Wir könnten aufhören, Altersheime und Kindergärten zu bauen, und stattdessen Mehrgenerationenhäuser bauen, in denen verschiedene Generationen verstärkt gemischt miteinander Zeit verbringen. Das wäre für beide gut. Je einsamer und sozial isolierter die Menschen sind, desto weniger Vertrauen haben sie zueinander. Das wirkt sich negativ auf den Gesamtzustand aus.

Wie stärkt man zwischenmenschliches Vertrauen?

Mit den kleinen Dingen; etwa nicht nur Online-Banking machen, sondern die Möglichkeit offenhalten, dass man wohin gehen kann. Ich meine das nicht so platt, wie es klingt. Wir müssen damit aufhören, alles immer nur alleine oder mit dem Smartphone zu machen. Diese vielen kleinen Interaktionen zwischen Fremden sind der Klebstoff, der unsere Gesellschaft zusammenhält, weil sie dafür sorgen, dass wir das Gefühl haben, da ist jemand, auf den man sich verlassen kann. Habe ich aber jedes Mal keinen sozialen Kontakt, wo ich einen hätte haben können, verliere ich das Vertrauen in meine Mitmenschen, weil ich so selten jemandem begegne und ich sie ja scheinbar sowieso nicht brauche. Das ist es, was unser soziales Zusammenleben langfristig unterminiert. Und wenn man das verstanden hat, weiß man auch, wie tückisch die neue Technik ist: Sie macht das Leben scheinbar leichter, bringt uns aber langfristig um.

Sind die sogenannten sozialen Medien eine Lösung?

Nein, sie sind eines der Hauptprobleme. Der von den Medien angetriebene Narzissmus, das Selfie, das eigene Profil, das besonders aufgehübscht ist, und das Smartphone, das uns dauernd sagt, wo die Party gerade noch toller ist: Das verleitet ständig dazu, uns selbst zu überhöhen, und sagt uns gleichzeitig, wie jämmerlich doch unsere Existenz ist im Gegensatz zu dem, was da noch alles Tolles passiert. Wenn man das zusammennimmt, dann sind diese technischen Neuerungen massiv für den Trend zur Vereinsamung und dem tatsächlichen Gefühl von Einsamkeit mitverantwortlich. Zwei Menschen, die sich gegenübersitzen und etwas miteinander machen, das ist eine ganz andere Qualität, als wenn jeder etwas alleine tut. Weil wir ja genau nicht miteinander sind, wenn wir vor dem Bildschirm sitzen. Das hat schreckliche Auswirkungen auf unsere Gefühle.

Aber viele Menschen wollen alleine leben und sich aussuchen, wann sie Gesellschaft haben.

Ich denke, dass die Menschen bald merken werden, dass sie damit nicht froh werden. Die Unmittelbarkeit macht die Gemeinschaft aus. Sie ist kein Produkt, das man konsumieren kann. Wenn man alles immer nur mit der Konsumbrille sieht, werden auch Kontakte und andere Menschen nur konsumiert. Menschen sind aber nicht zum Konsumieren da, sondern brauchen das Miteinander. Und dieses Miteinander braucht eine gewisse Tiefe, denn sonst wird man sehr einsam.

Sollten wir also weitgehend auf Technik verzichten?

Nein, aber wir sollten uns überlegen, was uns der Technikfortschritt bringt. Als das Auto aufkam, hat keiner darüber nachgedacht, dass wir langfristig dicker werden, da wir uns weniger bewegen und ergo früher sterben. Aber für Millionen Menschen trifft das heute zu. Wir fahren vielleicht eine Stunde Auto am Tag, aber junge Menschen zwischen 13 und 18 verbringen neun Stunden pro Tag mit Medien vor dem Bildschirm. Und wenn man sich die zeitliche Dimension klarmacht, kann man auch ermessen, dass das eines sicher nicht haben kann: keine Konsequenzen.


LESEEMPFEHLUNG: Einsamkeit - die unerkannte Krankheit von Manfred Spitzer. Droemer Knaur, um €20,6 0.

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