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Dinge, die ich gerne früher über die Wechseljahre gewusst hätte

Becoming a Queenager

7 Min.

© Unsplash/ Annie Spratt

Am 18. Oktober ist Weltmenopausentag – wusstest du das? Nein? Damit bist du sicherlich nicht allein. Doch warum wissen wir so wenig über eine Lebensphase, die etwa die Hälfte der Bevölkerung betrifft?

“Das ist ganz normal in Ihrem Alter.” Ein Satz, den Carina nicht mehr hören kann. Ob bei der Gynäkologin, der Hausärztin oder dem Orthopäden – sobald eine Frau in ihren Fünfzigern mit Herzrasen, Schlafproblemen oder Gelenkschmerzen eine Arztpraxis aufsucht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Satz fällt, sehr hoch. Dass es sich hierbei um Symptome der Wechseljahre handeln kann, mag durchaus stimmen. Aber dass man diese einfach aushalten muss, nicht.

Ein Fächer ist für sie mittlerweile ein Must-have in jeder Tasche – und das nicht nur im Sommer. Carina ist 52 Jahre alt und saß damit sogar an Weihnachten am Esstisch. “Die Symptome haben vor etwa einem halben Jahr mit den Hitzewallungen begonnen. Das war das erste Mal, dass ich mir dachte: ‚Okay, jetzt geht es los.‘” Aber was geht denn überhaupt los? Davon wusste Carina ziemlich wenig. Also machte sie sich selbst auf die Suche nach Informationen über die mysteriöse Phase der Wechseljahre. Ihre Mission: Herauszufinden, was mit ihrem Körper passiert und wie sie diesen unterstützen kann. Eine Forderung, die anscheinend nicht selbstverständlich ist.

Die Spitze des Eisbergs

Jahrzehntelang wurden die Wechseljahre auf zwei Symptome reduziert: Die Periode bleibt aus und einem wird vielleicht hin und wieder plötzlich heiß. Doch die Wechseljahre sind mehr als das. Schlafstörungen, Brain Fog, Gelenk- und Muskelschmerzen, Herzrasen – all das können ebenso Symptome der Wechseljahre sein, erklärt Daniela Ullrich, Gründerin des Podcasts “Menomio. Der Podcast für glückliche Wechseljahre”.

Vor allem psychische Symptome werden selten mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht: Ängste, Stimmungstiefs oder sogar Panikattacken werden laut der Expertin oftmals durch Stress oder eine psychische Erkrankung erklärt. Wenn Frauen nicht wissen, welche Symptome mit den Wechseljahren zusammenhängen, können sie sich auch nicht die richtige Unterstützung holen. Auch Carina wurde erst bewusst, dass ihre Symptome schon weitaus früher begannen, als sie selbst begann, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Seit Jahren kämpfte sie beispielsweise mit Ekzemen, und weder sie noch ihre Ärzt:innen stellten eine mögliche Verbindung zu den Wechseljahren her. “Wenn ich das früher gewusst hätte, hätte ich das Problem früher an der Wurzel packen können.”

Wechsel-Was?

Das fehlende Wissen rund um die Wechseljahre stellt ein strukturelles Problem dar und zeigt einmal mehr, dass frauenspezifische Themen im Gesundheitsbereich häufig außen vor gelassen werden. Hinter der fehlenden Thematisierung in Medizin und Forschung steckt laut Ullrich ein verbreitetes gesellschaftliches Narrativ: das Tabu rund um das weibliche Altern. Die Konsequenz: “Wir sprechen über eine Lebensphase, die rund die Hälfte der Bevölkerung betrifft und die keine Option ist – und trotzdem erleben viele Frauen ihre ersten Symptome mit dem Gefühl: ‚Warum hat mir das eigentlich niemand gesagt?‘”, so die Expertin.

Dabei beginnt es laut Daniela Ulrich schon bei der oft fälschlichen Begriffsverwendung: “Die Wechseljahre sind eine Lebensphase, die ab Ende 30 beginnt, während die Menopause nur ein einziger Tag ist. Nämlich der, an dem eine Frau rückblickend gesehen, mindestens 12 Monate durchgehend ohne Regelblutung war.” Auch Carina gibt zu, dass es ihr fast schon peinlich ist, wie wenig sie über ihren eigenen Körper weiß. Und ein weiteres Narrativ wird im Gespräch mit ihr deutlich: “Die Symptome hätte ich ausgehalten. Ich hatte nur Angst vor den Folgeerkrankungen.” Und damit wären wir bei dem Thema, dass Frauen ihre Symptome häufig kleinreden, Beschwerden wegstecken und immer funktionieren (müssen). Doch das stimmt nicht. Frauen dürfen sich Hilfe holen – und die gibt es auch.

Das H-Wort

Die Hormontherapie bietet eine Möglichkeit zur Behandlung von Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen oder Nachtschweiß. Carina wurde erst durch das Buch “Woman on Fire” von Dr. med. Sheila de Liz davon überzeugt, sich bei einer Hormonspezialistin über mögliche Behandlungsmethoden beraten zu lassen. Eine solche Spezialistin zu finden? Gar nicht so einfach, wie Carina feststellen musste. “Es gibt in Wien kaum Kassenärzt:innen mit Hormon-Expertise. Ich habe allein für die Erstberatung über 380 Euro gezahlt.” Dass eine Hormontherapie nicht für jede geeignet ist, ist ihr bewusst. Ausprobieren möchte sie es dennoch.

Du musst deinen Körper nicht bekämpfen. Vielleicht musst du nur seine neue Sprache lernen.

Daniela Ullrich, Journalistin, Speakerin und Podcasterin

Dieser Punkt ist laut Daniela Ullrich generell essenziell: “Es gibt nicht die eine Wechseljahre-Erfahrung und deshalb auch nicht die eine Lösung für alle Frauen.” Genau deswegen sei es wichtig, den Fokus auf individuelle Lösungen zu legen und den Weg zu finden, der zu einem passt. Krafttraining, regelmäßige Bewegung, guter Schlaf und Stressregulation sind nicht-medikamentöse Möglichkeiten, den Körper bestmöglich zu unterstützen.

Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Dabei geht es nicht um eine spezielle Menopause-Diät, sondern vielmehr um eine ausgewogene, nährstoffreiche Ernährung, die bei Bedarf auch durch Nahrungsergänzungsmittel unterstützt werden kann. Ein gesunder Lebensstil trägt wesentlich zu körperlicher Selbstständigkeit und innerem Wohlbefinden bei.

Wechseljahre als Thema im Wandel

Langsam, aber sicher scheinen die Wechseljahre aus der Tabuzone herauszukommen. Immer häufiger wird in Medien, Politik und Medizin über diese Lebensphase gesprochen und Wissen eingefordert. Und trotzdem: “Nur weil wir heute mehr über Wechseljahre sprechen, heißt das noch lange nicht, dass jede Frau überall rasch kompetente Hilfe bekommt oder mit ihren Beschwerden ernst genommen wird”, betont Ullrich.

Verhütung, Periode, Schwangerschaft – das sind die Themen, die im Biologieunterricht zum Thema Frauen behandelt werden. Die Menopause wird jedoch meistens, wenn überhaupt, nur in einem Nebensatz erwähnt. Wechseljahreswissen sollte laut der Expertin in Schulen, der medizinischen Ausbildung, Unternehmen und der öffentlichen Gesundheitskommunikation Raum einnehmen, da es einen wichtigen Teil des Gesundheitswissens darstellt. “Keine Frau sollte mit 45 zum ersten Mal hören, was Perimenopause bedeutet”, betont sie. Denn Wissen nimmt den Beschwerden ihre Unsichtbarkeit.

Perspektivenwechsel

“Ich habe mich noch nie so viel mit meinem Körper auseinandergesetzt”, stellt Carina fest. Sie hat zudem das Gefühl, mutiger zu sein, öfter ihre Meinung zu sagen und sich nicht mehr so leicht einschüchtern zu lassen wie früher. Sie fühlt sich stärker, jetzt, wo sie sich nicht nur selbst ernst nimmt, sondern das auch von anderen einfordert. Den eigenen Gedanken und Gefühlen Aufmerksamkeit zu schenken, sei auch laut Daniela Ullrich essenziell.

Viele Frauen kämpfen allein damit und haben niemanden, mit dem sie sich austauschen können.

Carina

Genauso wie sich Wissen anzueignen, nachzufragen und sich medizinische Begleitung zu suchen, wenn man sie braucht. Vor allem aber solle man sich nicht mit einem “Das ist halt das Alter” abspeisen lassen. Der Fokus sollte weg von Selbstoptimierung hin zu Selbstkenntnis und Selbstfürsorge gehen. Dabei geht es laut der Expertin um einen grundlegenden Perspektivenwechsel: weg von “Mein Körper lässt mich im Stich” hin zu “Mein Körper verändert sich. Ich lerne gerade, ihn neu zu verstehen.” Daniela Ullrich betont: “Ich sehe die Wechseljahre als Pubertät für Fortgeschrittene: Vom Teenager zum Queenager.” Die Wechseljahre sind kein Verlust, kein Anfang vom Ende, sondern der Beginn eines neuen Kapitels. Ein Kapitel, das genauso seine Sichtbarkeit verdient wie jedes andere.

4 Mythen über die Wechseljahre

Daniela Ullrich klärt auf.

Mythos 1: “Dafür bin ich doch noch viel zu jung!”

Ein häufiges Bild, das man mit den Wechseljahren in Verbindung bringt, ist eine Frau Ende 50. Dabei beginnt der hormonelle Umbau, die Perimenopause, bei einer gesunden Frau häufig bereits Ende 30 – wobei sich nicht immer so bald Symptome zeigen müssen.

Mythos 2: “Da muss man halt durch!”

Wie so oft halten viele Frauen die Beschwerden einfach aus. Doch müssen sie da “einfach durch”? Die kurze Antwort: Nein. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, diese Lebensphase unterstützend zu gestalten. Wichtig ist zu wissen, dass es diese gibt und man sie durchaus in Anspruch nehmen darf.

Mythos 3: “Hormone sind gefährlich!”

Eine Hormontherapie mag nicht für jede Frau die richtige Wahl sein. Jedoch ist die pauschale Angst vor Hormonen laut der Expertin überholt. Sie sind weder Teufelszeug noch Wunderwaffe.

Mythos 4: “Ab jetzt geht es körperlich nur noch bergab!”

Die Wechseljahre sind eine Phase der Veränderung – körperlich wie auch mental. Sie bedeuten nicht nur Verlust, sondern auch Chancen und Wandel. Es geht nicht darum, wieder wie früher zu funktionieren, sondern darum, den eigenen Körper auf eine neue Art und Weise kennenzulernen.

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