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Julia Koschitz im Interview zu “Das Vergessen”

Wer bist du ohne Erinnerung?

8 Min.

© Hilde van Mas

Ihre Rolle bewegte sie nachhaltig: Julia Koschitz verkörpert in “Das Vergessen” eine Polizistin, die ihre Nichte sucht – und ihr Gedächtnis verliert. Wir begaben uns mit der Schauspielerin auf Spurensuche in ihren Erinnerungen.

Die Pubertät. Ein Streit mit der Mutter. Und dann ist Amelie weg. Aus einem kleinen österreichischen Dorf. Tage, Wochen, Monate vergehen. Die Mutter ist kaum noch fähig, ihren Alltag zu bewältigen. Wieder und wieder rekonstruiert sie im Kopf den Konflikt, fertigt “Vermisst”-Plakate an. Auch ihre Schwester Pia, Amelies Tante, sucht die 17-Jährige fieberhaft. Sie ist Polizistin. Gewissenhaft, fokussiert, aber plötzlich auch anders: gedankenverloren, zerstreut, womöglich noch stiller als sonst. Liegt das am Stress, an Überarbeitung – an der geradezu unerträglichen Nähe zu ihrem Fall? Dieselbe Julia Koschitz, die kürzlich mit Florian David Fitz einen heißen Vierer plante, um ihr sanft schlummerndes Sexualleben aufzuwecken, ist nun Polizistin mit einem Geheimnis.

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Julia Koschitz und Florian David Fitz in der Komödie “Der Vierer” © Petro Domenigg / FILMSTILLS.AT KG

Beides vor der Kamera, versteht sich. Einmal Komödie, einmal Krimi-Thriller. Dabei gelingt Julia Koschitz der Switch dermaßen geschmeidig, dass sich die unterschiedlichen Figuren im Kopf selbst dann nicht in die Quere kommen, wenn man – wie ich zur Vorbereitung dieses Artikels – mehrere Produktionen sehr zeitnah konsumiert. Das Fenster hinter der Schauspielerin gibt den Blick auf steirische Idylle frei; das Interview führen wir in einer Drehpause für Johanna Moders nächsten Kinofilm “Blinde Kuh”.

Die Liste deiner Rollen ist erstaunlich, dabei wolltest du einmal Tänzerin werden …

Wenn ich meiner Mutter Glauben schenken darf, soll ich mit vier, fünf Jahren eine Ballettaufführung im Fernsehen geschaut und gesagt haben: Das will ich auch machen. Nach einigen Jahren Kinderballett, als ich zwölf war, verstärkte sich der Wunsch so sehr, dass ich mir vorstellen konnte, in ein Ballettinternat zu gehen. Die Ergebnisse der Aufnahmeprüfungen in Stuttgart und an der Staatsoper Wien waren aber eindeutig; ich hatte nicht die körperlichen Voraussetzungen. Weitergetanzt habe ich trotzdem intensiv, bis ich 16 war. Später habe ich mit Choreografie und Bühnenbild geliebäugelt – und ich wollte nach einer Kindheit in Belgien und Deutschland nach Wien.

Wieso?

Mein Bruder ist relativ früh nach Wien gegangen, ich wollte ihm nachziehen. Es hat sich immer mehr nach Zuhause angefühlt (die Eltern kommen aus Wien, Anm.). – Dass es die Bühne werden soll, war für mich klar; aber ich habe mich zunächst mit Berufen dahinter auseinandergesetzt. Nach einem halben Jahr Studium der Theaterwissenschaft habe ich es an mehreren Schauspielschulen versucht, bin einige Male durchgefallen; der Wunsch war leise, aber er hat sich seine Spur gebahnt.

Ich wollte nach der Schule unbedingt einen Beruf, den ich lieben konnte.

Julia Koschitz, Schauspielerin

Was trieb dich an?

Ich wollte nach der Schule unbedingt einen Beruf finden, der mich begeistert. Ich hatte zwar das Bedürfnis nach Sicherheit, wollte unabhängig sein, aber es war noch wichtiger, etwas zu finden, das ich vielleicht mein Leben lang machen wollte. Es hat mich belastet, keine klaren Ideen zu haben. Schauspielerei hat mich fasziniert, aber ich habe sehr gezweifelt, ob ich eine Begabung dafür habe.

Dem Film hast du dich erst später zugewandt.

Ich wollte erst mal ans Theater; nach unzähligen Bewerbungen kamen drei Vorsprechen und eine Zusage in Coburg. Das war für mich damals am Ende der Welt und hat sich nicht gerade wie ein Erfolg angefühlt. Aber gerade dort, in einer intimen Atmosphäre, ohne den Druck von großen Zeitungen, konnte ich mich freispielen; das war wichtig für mich. Danach kam ein festes Engagement in Regensburg und dann wollte ich einen Fuß in die Filmbranche bekommen.

Ich hatte immer eine große Liebe für den Film. Als Kind schon für Komödien, ich war ein großer Fan von Marilyn Monroe – später dann für die französischen, britischen, italienischen Filme, vor allem für Arthouse und Indiefilme und für Juliette Binoche. – In meinen Anfängerjahren dachte ich, dass beides vereinbar wäre. Aber mit Mitte 30 drängte sich die Entscheidung auf – und im Film hat es für mich besser funktioniert. Dem Theater habe ich trotzdem nie ganz den Rücken gekehrt.

Welche Geschichten und Figuren suchst du?

Das Drehbuch, die Regie, die Mitspielenden, auch die Abwechslung in den Rollen und Genres – das ist alles ausschlaggebend. Eine Geschichte sollte erzählenswert sein und Menschen zum Nachdenken bewegen. Sie soll Fragen stellen, die in der Nachrichtenwelt nicht gestellt werden können. Ob Literatur, Theater oder Film, ich schreibe allen Kunstformen eine große Wirkkraft zu. Man kann viel Unsagbares mit Kunst thematisieren.

Aktuell bist du unter anderem in der pointierten TV-Produktion “Nix ist fix” zu sehen: Ein polyamores Trio besetzt die Berghütte einer Karrierefrau. Staat und Kapitalismus werden in Frage gestellt – wie relevant ist das heute?

Leider sehr, weil wir uns in einer Demokratiekrise befinden und neben vielen anderen Problemen einen weltweiten populistischen Rechtsschub erleben. – Woher kommt das? Wie kann es sein, dass sich so viele Menschen in diese Richtung bewegen? – Den Kapitalismus als Staatsform zu hinterfragen, wie er sich entwickelt hat, und wie stark er unser Denken, Handeln, Fühlen durchdringt, halte ich für extrem wichtig. Wie sehr uns das alles beeinflusst, zeigt schon Social Media: Was bedeutet Aufmerksamkeit für uns? Wieso prägt das unser reales Leben? Wie sehr leiden wir unter dem Vergleichskampf, dem wir uns aussetzen?

Wie gehst du selbst mit Social Media um?

Ich mache es aus beruflichen Gründen, aber sehr lax (lacht). Als Konsumentin komme ich mit der Verkürzung von Inhalten nicht so gut klar. Ich finde das ein riesiges Problem unserer Gesellschaft.

Am 19. Oktober startet die Serie “Das Vergessen” auf ORF 1. Du spielst eine Polizistin, die ihr Gedächtnis verliert. Wie fühlte sich das an?

Das war eine schöne, intensive, wichtige Arbeit für mich. Und spezifischer muss ich jetzt spoilern: Es geht um Frühdemenz. Die Auseinandersetzung mit dieser Krankheit war spannend und erschütternd. Am meisten hat mich die Frage beschäftigt: Wer bin ich ohne meine Erinnerung? Wir leben mit der Vorstellung von der Machbarkeit des Lebens, dass wir alles schaffen können und für jedes Scheitern, jede Schwäche verantwortlich sind, dass wir daran Schuld haben. Dieses Konzept, fast eine Allmachtsfantasie, wird komplett infrage gestellt. Spannend ist an dieser Geschichte auch der extreme Konflikt meiner Figur: als Polizistin die verschwundene Nichte finden zu wollen – im Wettlauf mit der Zeit und den eigenen Kapazitäten.

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Julia Koschitz (re.) und Mona Kospach vor der Kamera für “Das Vergessen”. © Victoria Herbig

Entschuldige, eigentlich mag ich die Frage nicht, aber sie drängt sich auf: Du bist 51 und wirkst faszinierend jugendlich. Dein Geheimnis?

Es gibt keines. Ich glaube, in Wirklichkeit kommt es darauf an, was wir denken, wie wir die Welt sehen. Ich bin neugierig und offen und habe grundsätzlich das Gefühl, dass ich ganz vieles (noch) nicht weiß. Das ist nicht immer angenehm, aber auch ein Motor; nicht einen Punkt zu setzen, sondern eher ein Fragezeichen, lässt einen neugieriger in diese Welt schauen.

Das ist ein sehr schöner Gedanke, ich orientiere mich gerne daran, um die mistigen Wechseljahre hinter mich zu bringen.

Wir Frauen haben in Bezug auf unsere Hormone tatsächlich andere Herausforderungen als Männer; von der Periode über eine mögliche Schwangerschaft bis hin zum Umbruch in der Menopause. – Mich hat immer die psychologisch -philosophische Perspektive interessiert. Generell bei dem Phänomen Midlife-Krise: Die Mitte des Lebens konfrontiert uns mit der Endlichkeit und mit Enttäuschungen, bestimmte Dinge im Leben nicht erreicht zu haben. Das kann zunächst ein Tiefpunkt sein, aber wenn man ihn überwindet, gibt es die Möglichkeit, mit mehr Erfahrung und vielleicht auch “Übung” wieder optimistischer die nächste Etappe im Leben zu nehmen.

Du sprichst in der Öffentlichkeit kaum über dein Privatleben. Warum – und ist das schwieriger geworden, seit es Social Media gibt?

Der erste Grund ist: Ich war immer schon davon überzeugt, dass man als Schauspielerin eine bessere Projektionsfläche sein kann, wenn die Menschen weniger von einem wissen. Der zweite Grund: Ich bin insgesamt ein introvertierter Mensch. Ich suche mir sehr genau aus, wem ich etwas über mich erzähle. Offenheit macht einen auch verletzbar. Ich habe Menschen in meinem Leben, denen ich komplett vertraue, und das ist ein großes Geschenk. Ich habe nicht das Bedürfnis, mit vielen weiteren mein Privatleben zu teilen. Das war schon so, bevor ich Schauspielerin wurde. Darum hat für mich auch Social Media nichts verändert; ich musste auch noch nie bereuen, etwas aus Versehen gesagt zu haben.

Nicht einen Punkt, sondern Fragezeichen zu setzen, lässt einen neugieriger bleiben.

Julia Koschitz, Schauspielerin

Dass du mit Infos über dein Leben eher zurückhaltend bist, befeuert Spekulationen. Gibt man dich mit Florian David Fitz in Google ein, kommen “Paar” und “Kinder” als erste Suchangebote. Nervt dich das?

(Lacht) Nein. Flo hat man schon viele Frauen angedichtet, ich bin nicht die Einzige. Wir sind gut befreundet und ich habe immer gerne mit ihm gearbeitet. Er hat mir schon früh seine Drehbücher zum Lesen gegeben und seit einiger Zeit bin ich offiziell seine Dramaturgin. Zuletzt beim Kinofilm “No Hit Wonder” und auch jetzt bei seinem aktuellen Projekt.

Zum Abschluss ein bisschen Privates: Wo bist du heute zuhause?

Ich wohne zwar in München, aber – ob nun Kultur, Kunst, Essen oder Humor – mit Wien verbinde ich mehr den Begriff Heimat. Meine Mutter, mein Bruder (der Bildhauer Duks Koschitz, Anm.), viel Familie und viele Freunde leben da. Und obwohl ich sonst eine Fahrradfahrerin bin: In Wien liebe ich es, stundenlang durch die Stadt zu gehen.

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