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Maria Kittl: “Klettern ist mein Lebenselixier”

Maria Kittl ist 94 Jahre und leidenschftliche Kletterin. Ihre Lebensgeschichte ist so inspirierend, dass es sie nun in Buchform zum Nachlesen gibt.

7 Min.

© Andreas Lattner-Czerny

Fotos: Andreas Lattner-Czerny, Archiv Maria Kittl

Maria Kittl liebt es, zu klettern – wie viele andere Menschen auch. Der Unterschied ist nur: Die Bad Ischlerin ist 94 Jahre alt. Tatsächlich klettert sie zwei- bis dreimal pro Woche, draußen an der Wand oder in der Halle. Sie hat Armut und Kriegsjahre erlebt, eine Krebserkrankung und einen Schlaganfall überstanden und musste den frühen Tod ihres Sohnes verkraften. Sie hat ihren Mann Robert in den Bergen verloren und nach einer jahrzehntelangen Kletterpause im hohen Alter noch einmal ganz von vorne angefangen. Doch Maria Kittl lässt sich im Kampf gegen Schwerkraft und Zeit nicht unterkriegen. Ihr großes Ziel: “Ich möchte hundert werden und immer noch klettern können.”

Frau Kittl, was bedeutet das Klettern für Sie?

Maria Kittl: Das Klettern ist mein Lebenselixier. Es fordert den ganzen Menschen – den Körper genauso wie den Geist. Jeder Fehler könnte mein letzter sein, deshalb muss ich sehr konzentriert sein. Auch beim Sichern muss ich überlegen: Wie viel Seil muss ich ausgeben? Das trainiert den Kopf und gleichzeitig die Muskeln. Aber vor allem fasziniert mich die Bewegung. Wenn ich heute in der Wand bin, denke ich mir manchmal: “Super, dass ich mit meinen 94 Jahre alten Knochen überhaupt noch da hinaufkomme!” Ohne meine Stöcke würde ich es ja nicht einmal mehr bis zur Wand schaffen. Das Balancegefühl lässt im Alter unweigerlich nach. Aber in der Wand habe ich meine Griffe und meinen Bergführer, der mich von oben am Seil straff sichert. Da geht mir das Herz auf..

Erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem Sie in den Bergen gespürt haben: Das hier ist meine Welt?

Ja, an diesen Moment erinnere ich mich, als wäre er gestern gewesen. Beim Klettern muss jeder Griff, jeder Tritt gut überlegt sein. In den 1960er-Jahren, war das allerdings noch eine ganz andere Sache. Ich hatte mit meinem Mann Robert während seiner Bergführerausbildung beim Bundesheer mit dem Klettern begonnen. Zunächst war ich immer nur im Nachstieg unterwegs. Die Sicherung war im Vergleich zu heute fürchterlich – man hing praktisch nur mit der Schultersicherung an einem Schlaghaken. Robert suchte die schwierigsten, neu eingebohrten oder neu eingenagelten “Sechser-Touren” im Alpenraum aus. Touren, in denen noch keine Frau unterwegs gewesen war. Wir haben viele Damen-Erstbegehungen gemacht – von den Dolomiten bis zum Dachstein und ins Gesäuse. Wenn ich heute darüber nachdenke, ist es eigentlich ein Wunder, dass wir diese Zeit überlebt haben.

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Schon als junge Frau zog es Maria Kittl in die Berge. © Archiv Maria Kittl

Eine besondere Verbindung haben Sie bis heute zur Ewigen Wand bei Bad Goisern. Warum gerade diese Wand?

Die Ewige Wand ist mir von all den Wänden, an denen ich sicher mehr als tausend Touren geklettert bin, geblieben. Sie hat für mich im Alter einfach viele Vorteile. Erstens ist sie so nahe, dass ich mit dem Auto hinfahren kann. Zweitens ist der Zustieg kurz. Mit meiner schlechten Herzleistung – ich habe nur noch etwa 30 Prozent – ist das wichtig. Und drittens ist die Wand steil genug, dass man gut abseilen kann. Das schont die Knie, weil ich keinen langen Abstieg habe. Für mein Alter ist das also eine ideale Kletterwand.

Klettern fordert Körper und Geist. Jeder Fehler könnte mein letzter sein.

Maria Kittl

Und wie schaffen Sie es, mit 94 Jahren noch fit genug dafür zu sein?

Fit halte ich mich mit viel Krafttraining und Gymnastik. Ich beginne jeden Morgen auf der Turnmatte mit dem Fernsehturnen. Die ersten zehn Minuten tun zwar weh, aber dann wird es besser und ich komme in die Gänge. Im Winter oder bei Schlechtwetter gehe ich in die Halle klettern, zweimal pro Woche bin ich Turnen im Verein. Wichtig ist für mich auch das tägliche Gehen und gesundes Essen. Bewegung und ausgewogene Ernährung spielen schon mein ganzes Leben lang eine wesentlich Rolle.

Sie sind seit so vielen Jahren in den Bergen unterwegs. Wenn Sie damals und heute vergleichen: Was hat sich am stärksten verändert?

Sehr viel. Ausrüstung und Technik haben sich enorm verändert. Aber auch die Natur und das Klima. Und natürlich das Skifahren! Mein erstes Skirennen habe ich am Loser gewonnen. Damals sind wir noch zu Fuß hinaufgestapft und haben uns die Piste selbst gebrettelt. Erst später kamen immer mehr Lifte. Mit 80 Jahren war ich zum letzten Mal beim Heliskiing in Kanada. Danach habe ich beschlossen: Jetzt werde ich nur noch klettern.

Anfang der 1970er-Jahre waren Sie bei einem Teil der Alpenüberquerung Ihres Mannes dabei. Als ORF-Reporter mit dem Helikopter kamen, mussten Sie sich allerdings verstecken. Das klingt heute kaum vorstellbar. Wie haben Sie das damals erlebt?

Ich war leidenschaftliche Schitourengeherin und wollte einfach eine schöne Skitour unternehmen.. In den Osterferien konnte ich eine Woche dabei sein. Länger war nicht möglich, weil ich in Linz als Lehrerin gearbeitet habe. Als die Reporter mit dem Hubschrauber kamen, musste ich mich verstecken, damit ich die Leistung der Alpenüberschreiter nicht mindere. Ich war bei den Männern nicht gern gesehen. Ich war ja nur geduldet. Und wenn ich nicht hätte mithalten können, hätte ich eben umkehren müssen.

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Maria Kittl im Gespräch mit Marlies Lattner-Czerny, die die faszinierende Lebensgeschichte der 94-Jährigen aufgeschrieben hat. © Andreas Lattner-Czerny

Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken: Gibt es einen Berg oder eine Begegnung, die Sie besonders geprägt oder sogar verändert hat?

Das größte Glück im Leben ist, einen so passenden Lebenspartner zu finden.

Viele Menschen beginnen irgendwann, sich wegen ihres Alters Dinge nicht mehr zuzutrauen. Was würden Sie einem Menschen sagen, der sich mit 60, 70 oder 80 Jahren schon “zu alt” für etwas fühlt?

Es ist nie zu spät, seine Leidenschaft zu leben. Ich habe nach 30 Jahren Kletterpause, in denen ich den Reitsport zum Lebensinhalt hatte, und nach dem Tod meines Mannes erst mit knapp 80 Jahren meine zweite Kletterära begonnen – mit Reibungskletterschuhen und Techniken, die ich erst einmal neu lernen musste. Von da an habe ich versucht, Klettertage zu sammeln, Jahr für Jahr mehr als 100, manchmal mehr als 200 Touren. Weil ich mir immer dachte: Jetzt ist es bald aus! Seit meinem Oberschenkelhalsbruch mit über 90 Jahren ist mein Radius aber kleiner geworden. Wichtig war mir immer: sich erreichbare Ziele zu setzen und versuchen, das Ziel zu erreichen. Ohne Mühe kein Preis. Das Wichtigste ist Bewegung, kein Alkohol, keine Zigaretten. Nicht zu viel zu essen. Aber heutzutage gibt es ohnehin schon viele Empfehlungen, was ein längeres Leben ausmacht.

Stellen wir uns zum Schluss einmal vor: Sie stehen an Ihrem 100. Geburtstag vor der Ewigen Wand. Was wünschen Sie sich für diesen Tag?

Ich werde nicht nur an der Wand stehen, sondern hinaufklettern. Mit meinem Bergführer – so wie jetzt auch. Wenn ich keine totbringende Krankheit bekomme, werde ich alles tun, damit ich dieses Ziel erreiche.

Buchtipp: “Mit fast 100 durch die Wand – der erstaunliche Aufstieg der Kletterin Maria Kittl”, Marlies Lattner-Czerny, Tyrolia Verlag, € 28.

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© Tyrolia Verlag

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