Marlo Grosshardt steht auf einer Wiese

Wut mit Hoffnungsnote – Marlo Grosshardt im Interview

Schön provokant

6 Min.

© Julia Tiemann

Er singt von Sorgen und Hoffnung zugleich und bewegt damit ein breites Publikum. Marlo Grosshardt ist ein Sänger, der nicht um den heißen Brei herumsingt. Ob mit emotionalen Liedern, wie „Oma” und „Astronaut” oder peppigen Werken, wie „Kleinstadtpropaganda” – der Hamburger Musiker schreibt Texte, die viele Menschen bewegen. Zwischen Gegenwartsmelancholie und Zukunftsangst singt er über Wut und den Wunsch nach Veränderung und wurde somit zu einer wichtigen Stimme der jungen Generation. Vor Kurzem veröffentlichte er sein drittes Album und bisher größtes Werk „Bildet Banden”. Wir sprachen mit dem Sänger über Verantwortung, Erwartungsdruck und wieso seine Songs trotz der schweren Themen zum Tanzen verleiten.

Interview mit Sänger Marlo Grosshardt

Wie kamst du zur Musik und wie hast du deinen Musikstil für dich gefunden?

Marlo Grosshardt: Früher habe ich viel Theater gespielt und mir dann irgendwann selbst das Gitarrespielen beigebracht. Für ein Schulprojekt habe ich begonnen eine EP zu schreiben und darüber hatte ich dann die ersten Berührungspunkte mit eigenen Songs. Dann hat sich das verselbstständigt: Ich habe in Hamburg eine Band gefunden und wir haben irgendwie damit begonnen.

Welche Künstler:innen oder Bands haben dich persönlich und musikalisch besonders geprägt?

Ich habe mit meinem Vater früher viel Rap gehört, aber auch typische Indie-Bands. Zudem war ich früher bei den Pfadfindern, wo wir viele alte Liedermacher-Songs gesungen haben.

Ich wollte kein Album mehr darüber schreiben, wie bedrückend mein Gefühl von der Welt ist.

Marlo Grosshardt

Wer und was inspiriert dich zu den Texten, die du schreibst?

Ich schreibe immer über Sachen, die mich selbst beschäftigen. Ob Einflüsse, die von außen kommen oder die einfach in meinem Kopf rumschwirren. Ich glaube, dass man durch Musik sehr gut loslassen kann. Ich bin ein sehr politisch lebender Mensch, deswegen hat das auch oft Einfluss, aber es sind auch ab und zu persönliche Songs dabei.

Marlo Grosshardt mit blauem Himmel im Hintergrund
© Julia Tiemann

Wie schaffst du es, ernste Themen in Musik zu verpacken, die einen nicht runterzieht, sondern vielmehr inspiriert und hoffnungsvoll wirkt? Spiegelt das deinen Blick auf die Welt wider?

Ich wollte kein Album mehr darüber schreiben, wie bedrückend mein Gefühl von der Welt ist. Ich habe das Gefühl, jede Person, mit der ich über die aktuelle Weltlage spreche, fühlt ungefähr dieselbe Hoffnungslosigkeit. Darum wollte ich eher schauen, wie man denn anfangen kann, wieder zusammenzukommen und eine Perspektive zu bauen. Obwohl die Texte manchmal relativ schwer sind, hat die Musik dadurch trotzdem eine Leichtigkeit und eine Hoffnungsnote drinnen, die es tanzbarer macht.

Siehst du eine gewisse Verantwortung als Künstler und was man mit seiner Kunst vermittelt?

Ja, voll. Dadurch, dass ich eine sehr privilegierte weiße, männliche Person bin, die mit politischen Songs unter anderem ihr Geld verdienen darf, ist es für mich total wichtig, dieses Privileg zu nutzen und über die Musik und die Konzerte hinaus etwas zu machen. Es ist nicht verkehrt, dass man hier Mut sammeln darf in schweren Zeiten, aber es ist wichtig, über das Konzert hinaus Anregungen darüber zu geben, wie man sich dann wirklich engagieren kann.

Es ist normal, dass die Leute etwas in einem sehen, was man wahrscheinlich gar nicht darstellen kann.

Marlo Grosshardt

Innerhalb kurzer Zeit wurde dein Publikum immer größer – wie geht es dir damit? Ist es manchmal schwer, das zu realisieren?

Was für mich schwierig ist, ist, dass es nicht so richtig greifbar ist und man lernen muss, was für eine Verantwortung damit kommt. Und dass man die öffentliche Person von der privaten Person trennen muss, weil man sich sonst alles viel zu sehr zu Herzen nimmt. Es ist normal, dass die Leute etwas in einem sehen, was man wahrscheinlich gar nicht darstellen kann. Das war spannend zu lernen und ich lerne das immer noch. Es ist auf jeden Fall ein unwirkliches Ding, das total schön ist, weil wir das beruflich machen dürfen und von Musik leben können. Aber es ist auch eine Challenge, einen schönen Umgang damit zu finden.

Und was hilft dir, diese beiden Welten zu trennen?

Ich glaube, dass man Vertrauen in sich und das eigene Team braucht. Wir machen hier das Beste, was wir uns vorstellen können und geben unser Bestes in der Tourvorbereitung. Dass immer irgendjemand irgendwas zu nörgeln hat, ist klar – das habe ich ja auch bei anderen Konzerten. Wichtig ist, dass man sich selbst treu beurteilt und wenn man dieses Vertrauen in sich selbst hat und weiß, wir haben das cool gemacht, dann ist das die halbe Miete.

Wie gehst du mit Kritik und Erwartungen von außen um, die mehr sind als Verbesserungsvorschläge für Konzerte?

Das hält sich bei uns in Grenzen, weil ich nie so richtig krass mit Hate zu tun hatte. Aber ich merke, wenn ich mit FLINTA*-Personen aus der Szene spreche, die sich aktivistisch engagieren oder Musik machen, dass da das Hasspotenzial so unfassbar viel größer ist. Ich will darauf aufmerksam machen, wie klein das Problem bei mir ist und wie groß das Problem bei aktivistischen FLINTA*-Personen ist.

Gibt es einen Moment, in dem du realisiert hast: „Deswegen mache ich das alles“?

Ich würde sagen, dass es Live-Konzerte sind, wo man dann wirklich versteht, wie viel Spaß die Leute haben. Man geht von der Bühne und merkt, die hatten alle eine gute Zeit und wir oben auch. Die jubeln noch weiter und singen gemeinsam nach dem Konzert. Sonst auch oft im Studio, wenn man musikalische Momente für sich hat, bei denen man merkt, wir haben etwas geschrieben, das etwas in sich hat.

Stichwort Texte schreiben: Welchen deiner Songs hast du am schnellsten geschrieben und für welchen hast du am längsten gebraucht?

Ich glaube, die schnellsten sind meistens auch die besten und ehrlichsten Songs. „Astronaut“ und „Oma“ waren beide an einem Tag geschrieben. Eine spontane Eingebung, dann hat man sich zu Hause mit der Gitarre hingesetzt und dann war der Song fertig.

„Kriege ohne mich“, hatte einmal einen komplett anderen Text. Der hieß damals „Tourist“ und war eher so ein Eigenbrötler-Song – ich habe den selbst nicht so ganz verstanden. Ich hatte immer das Gefühl, dass der Song cool ist, aber der Text nicht so rüberkommt, wie er soll. Deshalb habe ich einen neuen Text darübergeschrieben.

Vor wenigen Tagen ist dein drittes Album „Bildet Banden“ rausgekommen. Lässt du das erst einmal sacken oder hast du schon weitere Pläne für die nähere Zukunft?

Wir haben jetzt in vier Jahren drei Alben rausgebracht. Das ist sehr schön, aber ich merke auch, dass das sehr an einem zehrt und man die ganze Zeit nur mit Arbeiten beschäftigt ist, sodass man gar nicht so richtig leben und dadurch auch schreiben kann. Ich möchte mir jetzt ein bisschen mehr Zeit lassen, ein bisschen mehr durchatmen.

Findest du, es braucht manchmal Langeweile für Kreativität?

Ich kann Langeweile ganz schlecht aushalten. Aber ich merke immer, wenn ich Langeweile habe, kommen die besten Eingebungen. Deswegen werde ich mich jetzt bis zum Winter darin üben, auch ab und zu mal Langeweile zu haben.

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