Portrait von Nadina Ruedl und rechts daneben eine One-Line-Zeichnung einer Pflanze

Kolumne: Unternehmerin Nadina Ruedl über das Leben mit einem Start-Up

Die etwas andere Rechnung

4 Min.

© Die Pflanzerei, Shutterstock

Ich wusste am Anfang, was es kostet zu gründen. Gewerbeanmeldung, Logo, Website: rund 3.000 Euro. Das war noch die einfache Rechnung. Dass es Ausgaben gibt, die auf keiner Rechnung stehen, wusste ich damals noch nicht. In meinem früheren Berufsalltag war ich es gewohnt, dass die Dinge funktionieren. Am Monatsende war das Geld am Konto, ich traf regelmäßig Freund:innen, und auch der nächste Urlaub war oft schon geplant. Nicht, weil ich alles perfekt durchdacht hatte, sondern weil mir bestehende Unternehmensstrukturen vieles abnahmen und dadurch persönliche Freiräume schufen. Vor allem Zeit.

Der Stein, der schließlich alles ins Rollen brachte, war meine Entscheidung, ein Start-up zu gründen. Ab diesem Moment setzte ich alles auf eine Karte und tauschte genau diesen Komfort gegen etwas vollkommen Ungewisses ein, nämlich meine Idee. Meine Idee, die sich anfangs viel zu groß anfühlte, mich innerlich jedoch nicht mehr losließ. In meinem Fall bedeutete das, österreichische Hausmannskost wie Käsekrainer, Leberkäse, Schnitzel oder Fleischlaibchen gänzlich aus Pflanzen.

Was mein neuer unternehmerischer Alltag wirklich bedeutete, dämmerte mir erst, als ich längst mittendrin war. Im ersten Jahr zahlte ich mir kein Gehalt aus und lebte von meinem Ersparten der letzten Jahre. Jeder eingenommene Cent, den ich mit der Pflanzerei erwirtschaftete, floss sofort wieder zurück in das Start-up, etwa in Kühlschränke, Verpackungsmaterial und die nächste Produktweiterentwicklung. Auch mein Umfeld veränderte sich. Freund:innen wurden zu Sparringpartner:innen. Treffen fühlten sich immer öfter wie Businessmeetings an. In dieser Zeit musste ich jeden Moment, jede Interaktion und jede Veranstaltung nutzen, um mein neu gegründetes Start-up aufzubauen und voranzubringen. Denn wenn ich nichts mache, passiert auch nichts. Aus Fotos vom letzten After-Work-Event wurden Logoentwürfe, Finanzierungspläne und Pressetexte, die intensiv gefeedbackt hin und her geschickt wurden.

Und Freizeit? Diese war besonders anfangs schwer von Arbeitszeit zu trennen, was bis heute noch ein Thema ist. Vor lauter Tun im Tunnelblick wäre ich einmal fast aus dem Saunabereich einer Therme geflogen, weil ich telefonierte, um eine Fehllieferung zu klären, eine akute Maßnahme, die nicht verschoben werden konnte. Meine Mama war dabei beim Wellnessen, es war unser erstes gemeinsames Wochenende seit Monaten. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, wie sehr sich mein Leben verschoben hatte. Es sind zwei verschiedene Welten, als angestellte Person zu leben oder als Selbstständige – in meinem Fall noch als One-Woman-Show. Denn 24/7 erreichbar zu sein, ist am Anfang kein Ausnahmezustand, sondern die Norm. Während sich mein Alltag komplett veränderte, passierte noch etwas anderes. Von außen entstand ein anderes Bild als das, was in mir passierte. Ich habe alle Möglichkeiten ergriffen, weil ich musste, um mein Start-up aktiv aufzubauen. Von außen wird das als mutig betrachtet, denn ich handle stark eigeninitiativ und trete öffentlich selbstbewusst auf. Nach außen wirkte ich bereits erfolgreich, doch mein Start-up steckte zu diesem Zeitpunkt noch in den wackeligen Kinderschuhen.

Diese Diskrepanz wirkte sich entsprechend auf mein Inneres aus. Ich hatte häufig noch keine Ahnung, wie Prozesse funktionieren, wie ich mich wo bewege, und war von der Fülle der vielen Aufgabenbereichen schlicht überfordert. Verhandlungen über Tonnen an Rohstoffen, Gespräche mit Einkäufer:innen von Supermarktketten oder Partnerschaften mit Metzger:innen, die widersprüchlicher nicht sein könnten. Mut fühlt sich in vielen Momenten nicht stark an, sondern wie Angst, die mich nicht loslässt. Diese Gedanken kommen vereinzelt tagsüber und vor allem nachts in meinen Kopf.

Ein Gedanke nimmt mich dabei besonders ein, denn über diesen spricht kaum jemand, und er ist in Zahlen nicht darstellbar. Ich gebe alles, 120 Prozent meiner Energie in mein neues Start-up, und trotzdem fühlt es sich an, als wäre es nicht genug. Was, wenn sich diese ganze Rechnung nicht ausgeht? Damit meine ich sowohl meine tatsächlichen Rechnungen, die ich begleichen muss, als auch meine persönlichen Energieressourcen. Diese stellen eine andere Art von Rechnung dar, denn sie lassen sich weder in aufgewendeten Stunden noch im tatsächlichen Energieverbrauch präzise erfassen.

Bereits ganz zu Beginn meiner neuen unternehmerischen Realität merkte ich, dass Gründen kein gerader Weg nach oben ist. Der Anfang fühlt sich oft mehr an wie ein Schritt zurück. Ich habe zwar brennende Ideen und setze vieles in kurzer Zeit um, aber es gibt weniger Sicherheit, weniger Planbarkeit, weniger Leichtigkeit und vor allem viel weniger Zeit für alles außerhalb meines Start-ups. Und genau diese Rechnung bleibt. Nicht auf Papier, sondern in dem, was es mich kostet, jeden Tag.

Nadina Ruedl ist Gründerin und Geschäftsführerin der veganen Metzgerei „Die Pflanzerei“. Hier gibt sie ehrliche und authentische Einblicke in ihren aufregenden Weg als Unternehmerin.

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