6 Wahrheiten über Sexismus, die der Sigi-Maurer-Prozess entlarvt hat

Schon am ersten Prozesstag in der Verhandlung gegen Sigi Maurer offenbaren sich die Abgründe des Alltagssexismus in Österreich.

Update: Sigi Maurer wurde am 09. Oktober 2018 wegen übler Nachrede schuldig und vom Vorwurf der Kreditschädigung frei gesprochen. Trotz massiver Zweifel seitens des Richters ("Ich bin überzeugt, dass der Kläger lügt") über die Glaubwürdigkeit des Klägers, wurde Maurer zu Lasten gelegt, sie habe eine Behauptung über den Kläger in den Raum gestellt, die sie nicht zweifelsfrei beweisen konnte. Richter Apostol erklärte nach der Urteilsfindung sein Urteil folgendermaßen: "Dass das, was Ihnen [Maurer, Anm. der Red.] angetan wurde, nicht strafbar ist, steht auf einem anderem Blatt. Sie haben eine Grenze überschritten, die strafbar ist, Sie haben die Behauptung, die sie aufstellten, nicht beweisen können".

Maurer, als Inhaberin des Twitteraccounts, wurde zu einer Zahlung von insgesamt 7.000€ verurteilt, zuzüglicher Gerichtskosten.

 

 

Sigi Maurer steht vor Gericht. Wegen übler Nachrede und Kreditschädigung wird der ehemaligen Grünen-Abgeordneten der Prozess gemacht. Sie hat zutiefst sexistische und herabwürdigende Privatnachrichten erhalten und diese auf Twitter und Facebook veröffentlicht. Wer nicht vor Gericht steht, ist der Inhaber des Facebook-Accounts, von dem die Nachrichten verschickt worden sind. Und weil sein Craftbeer-Shop seitdem unter den Vorwürfen leidet, hat er Maurer verklagt. Das kann man als Absurdität des österreichischen Rechtes einfach mal sickern lassen... und im Prozessverlauf beobachten, wie fest Sexismus in der österreichischen Gesellschaft verankert ist. Ein Stück in 6 Akten:

 

Wahrheit 1: Gegen Sexismus kann man sich nur schwer wehren

Mit der Veröffentlichung der Nachrichten hat Sigi Maurer auch die Identität des Mannes preisgegeben - und das ist strafbar. Die Nachrichten selbst aber sind strafrechtlich nicht relevant, weil sie privat verschickt worden sind. Der Inhalt könnte höchstens zivilrechtlich eine Rolle spielen. "Ich wusste, dass es keine rechtlichen Möglichkeiten gibt", sagt Maurer dem Richter, wie der Standard in seinem Live-Ticker berichtet. "Dann habe ich beschlossen, dass ich mir das nicht gefallen lasse. Wenn jemand übergriffige, grausliche Nachrichten schickt, muss das Konsequenzen haben."

 

Wahrheit 2: Tut man es doch, kommen die Vorwürfe. Und die sind variantenreich.
 

Beispiel A: Ist das nicht Selbstjustiz?

Maurer hat die Sache also selbst in die Hand genommen. Für den Ladenbesitzer hatte das sehr reale Konsequenzen - der Shitstorm spielte sich nicht nur online ab, sondern übertrug sich auch in die physische Welt. Er werde angespuckt und beschimpft, Unbekannte würden gar gebrauchte Tampons an die Türschnalle seines Shops hängen. "Ist das Selbstjustiz?", fragt der Richter. "Es ist ja nicht strafbar, wenn man solche Nachrichten schreibt", entgegnet Maurer. Und sie stellt klar: "Es gibt viele Frauen, die [wegen solcher Nachrichten] ihr Profil offline genommen haben. [...] Ich bin nicht der Meinung, dass ich mir so etwas gefallen lassen muss und dass ich das einfach unter den Tisch fallen lassen muss."

 

Beispiel B: Naja, aber man hätte die Situation ja auch meiden können?

Auf Sexismus, Belästigungen bis hin zu Vergewaltigungen folgt, fast einem Naturgesetz gleich, aus irgendeiner Richtung ein Vorwurf. Warum der Rock so kurz, der Heimweg so spät oder die bloße Existenz so weiblich sei. So fragt auch der Anwalt des Klägers, warum sie nicht einfach die Straßenseite gewechselt hätte, wenn sie das Verhalten der Männer gestört hätte. "Nicht ich muss mein Verhalten oder meinen Weg ändern, weil dort Männer rumstehen und Frauen blöd anreden", sagt Maurer.

 

Beispiel C: Sowieso alles Fake-News und Absicht! Die Frau will nur profitieren!

"Ich habe nichts davon", sagt der Kläger, weiß aber genau, wer tatsächlich Nutznießerin der sexistischen Nachrichten sei: "Die Einzige, die etwas davon hat, ist die Frau Maurer, die ist gerne in den Medien."

 

Wahrheit 3: Opfer sollen nämlich vor allem eines sein: brav und unterwürfig

Sich als Opfer zu wehren, aufzustehen und sein Recht einzufordern - das passt nicht ins Bild der armen Frau, mit der man Mitleid haben kann.

 

Wahrheit 4: Alltagssexismus ist Alltagsrealität

Maurer hat die Nachrichten veröffentlicht, weil sie die eben das beweisen wollte: 
"[Hassnachrichten sind] die Realität von ganz vielen Frauen. Sexuelle Belästigung steht an der Tagesordnung, vor allem bei Frauen, die an er Öffentlichkeit stehen", sagt sie dem Gericht. Der Anwalt des Klägers wirft ein, dass auch Männer solche Nachrichten bekommen würden. Das lässt der Richter nicht gelten: "Feministische Politikerinnen [bekommen] bestimmt mehr,"

 

 

Wahrheit 5: Männer, die staubsaugen, können auch Sexisten sein

Die Frau des Klägers beteuert seine Unschuld. Denn: Ihr Mann würde die Kinder füttern und staubsaugen. 

 

 

Wahrheit 6: Wir sollten alle ein bisschen wie Sigi Maurer sein

Sigi Maurer wehrt sich. Sie ist nicht leise, sie nimmt gelebten Sexismus nicht einfach hin. Im Gegenteil! Sie versucht, Lücken in einem Rechtssystem aufzuzeigen, das Opfer von Hass im Netz nicht zu schützen vermag. Und sie tut es all der Anfeindungen zum Trotz. "Nein, ich bereue es nicht", sagt sie dem Gericht. "Genauso würde ich es nicht mehr machen, aber gegen Einschüchterungsversuche und Bedrängungsversuche würde ich mich trotzdem wehren. Wir leben im Jahr 2018!"

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