Zwischen Windeln und Zoom-Meetings: Wie hat sich die Pandemie auf unser Arbeitsleben ausgewirkt?

Statt Flexibilität und mehr Freizeit bedeutet Homeoffice seit rund zwei Jahren für viele eher Dauerstress. Gerade berufstätige Mütter hatten plötzlich mit einer Doppelbelastung zu kämpfen. Was haben wir aus der Pandemie für unser Arbeitsleben gelernt? Was muss sich ändern?

Chronisch gestresst: Was können wir aus zwei Jahren Pandemie für die Zukunft der Arbeit lernen?

Die Coronapandemie hat das Arbeitsleben durcheinandergewürfelt und für vielerlei neue Herausforderungen gesorgt. Für etliche brachte es die Umstellung aufs Homeoffice mit sich. Dabei ist der Weg ins Büro dem Weg vom Schlaf- ins Wohnzimmer gewichen, soziale Kontakte beschränkten sich auf Familienmitglieder, Mitbewohner*innen oder gar auf Telefonate mit Freund*innen, Arbeit wurde immer häufiger am Wochenende oder spät abends verrichtet - wenn die Kinder gerade einmal keine Aufmerksamkeit verlangten. Vor allem arbeitende Mütter haben seit Beginn der Pandemie mit einer Doppelbelastung zu kämpfen.

Sara Peschke, Digital-Redakteurin beim Magazin der Süddeutschen Zeitung und zweifache Mutter erlebte die Doppelbelastung am eigenen Leib. Ihr neues Buch Wie wir arbeiten wollen – Über Selbstbestimmung und Selbstausbeutung ist ein Plädoyer für geregelte Arbeitszeiten, den Schutz von Privatleben und Gesundheit und eine Politik, die Frauen ernst nimmt. Wir haben die Autorin zum Interview getroffen.

WIENERIN: Was waren deine anfänglichen Gedanken als es hieß, "Die nächsten Wochen bis Monate arbeiten wir von zuhause aus"?

Sara Peschke: Ich war zu dem Zeitpunkt gerade sechs Wochen aus der Elternzeit zurück. Mein Mann war mit dem Kind zuhause, ich hatte erst wieder angefangen, zu arbeiten und die meisten Pausen noch auf der Toilette verbracht, um Milch abzupumpen. Daher war mein erster Impuls: Gar nicht schlecht, so fällt zumindest ein bisschen was weg und ich verbringe mehr Zeit mit dem Baby.

Da hatte ich noch nicht daran gedacht, dass die Kita ebenfalls zu haben und unsere ältere Tochter auch daheim sein würde. Wir mussten uns als Familie organisieren, parallel dazu musste ich arbeiten – ohne eigenes Arbeitszimmer. Aus der anfänglichen Freude darüber, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, ist also ziemlich schnell eine Stresssituation geworden. Der Stress rührte vor allem daher, dass ich zeigen wollte, auch als junge Mama im Job alles hinzubekommen, was man mir so aufträgt und gleichzeitig der Sorge für die Kinder nachzukommen – wobei mein Mann natürlich eine Unterstützung war.

Vielen Menschen - mit und ohne Kinder - haben im Homeoffice Probleme damit, Pausen zu machen. Woran liegt das, glaubst du?

In Gesprächen mit verschiedenen Expert*innen sowie mit Menschen, die nun schon lange im Homeoffice arbeiten und sehr erschöpft sind, habe ich gehört, dass vor allem die fehlende Kontrollierbarkeit dafür sorgt, dass wir uns kaum noch Pausen zugestehen, häufig durcharbeiten und auch viel schlechter abschalten können.

Die meisten kennen es: Wir schreiben in den Team-Chat "Ich bin mal ganz kurz weg", "Eben was essen", "Schmeiße schnell den Herd an". Keiner sagt, er ist jetzt für eine Stunde in der Pause. Dabei sollte die Mittagspause daheim sogar länger sein, da man sich ja selbst versorgen muss.

Es gibt dann noch einige Faktoren, die das Ganze verstärken. Man sitzt zuhause, bekommt kaum Lob oder irgendein Feedback von Kolleg*innen oder dem*r Chef*in, weshalb man versucht, durch großen Eifer ein Gefühl von Selbstwirksamkeit in Bezug auf die eigene Arbeit herzustellen. Viele Menschen sind es heutzutage gewohnt, sich über Leistung zu definieren, doch ist die deutlich schwerer messbar, wenn man allein im Homeoffice sitzt. Hinzu kommt die Digitalisierung, die das Abschalten noch einmal deutlich schwerer macht. Theoretisch kann man ständig weitermachen. Es ist schwierig, eine Grenze zu ziehen.

Wie können wir das schlechte Gewissen loswerden, das aufkommt, sobald wir einmal nicht länger arbeiten oder Pause machen?

Was man sich klar machen muss, ist, dass niemand endlos Energie hat. Nicht umsonst gibt es nach zwei Jahren Pandemie einige Studien, die sagen, dass zwar viele Menschen künftig gerne noch teilweise im Homeoffice arbeiten würden – gleichzeitig aber auch viele sehr erschöpft sind. Da ist einiges an Energie verloren gegangen, die vorher noch da war. Um überhaupt gut arbeiten zu können, muss man diese Energiereserven regelmäßig auffüllen. So wie wir dem Körper bei Anstrengung Erholung gönnen, müssen wir sie auch unserem Geist zugestehen. Svenja Gräfen schreibt in ihrem Buch Radikale Selbstfürsorge. Jetzt: "Wir müssen Pausen als Teil des Vorankommens begreifen". Das finde ich schön gesagt. Pausen bedeuten nicht, dass man faul ist.

Auch sollten wir daran denken, dass wir vorher ja auch nicht durchgehend gearbeitet haben. Es hilft, sich das zu vergegenwärtigen. Wie oft haben wir unsere Arbeit unterbrochen, um mit jemandem zu quatschen oder einen Kaffee zu trinken - ohne schlechtes Gewissen? Das fällt jetzt alles weg. Das muss man sich bewusst machen.

Es ist wahnsinnig viel Selbstüberzeugung nötig, um in unserer Generation zu verstehen, dass wir nicht nur wertvoll sind, wenn wir arbeiten.

von Sara Peschke, Journalistin

Viele Menschen wünschen sich eine ausgewogene Work-Life-Balance und stellen letztlich doch meist die Arbeit übers Private. Was ist da los?

Ich glaube, dass es hier große Generationenunterschiede gibt und das ein ziemliches Millennial-Problem ist, da sich unser ganzer Lebensrhythmus an Leistung orientiert. Ich denke, dass die Generation nach uns das teilweise schon ein bisschen besser im Griff hat und einen klareren Cut zwischen Work und Life schafft. Es ist wahnsinnig viel Selbstüberzeugung nötig, um in unserer Generation zu verstehen, dass wir nicht nur wertvoll sind, wenn wir arbeiten. Das ist nicht unsere Schuld – wir sind in dieser Generation so sozialisiert worden. Es bräuchte ein Umdenken in der Wirtschaft, in der Politik, allgemein. Nach wie vor gibt es in vielen Unternehmen in Deutschland und vermutlich auch Österreich die allgemeine Auffassung, dass nur Vollzeitarbeit "richtige Arbeit" ist - alles darunter wird oftmals belächelt. Das macht klarerweise auch etwas mit uns. Natürlich ist es auch eine wirtschaftliche Frage, wieviel man arbeiten muss, um sich sein Leben leisten zu können.

Was sollten wir uns von der jüngeren Generation ("Gen Z") abschauen?

Forscher*innen gehen davon aus, dass ein erfülltes Privatleben einen höheren Stellenwert für die Gen Z hat und Arbeit und Privates streng getrennt werden soll. Alles, was unsere Generation so mitgemacht hat, sich von Praktikum zu Praktikum hangeln, in schlecht bezahlten Jobs arbeiten und immer mit Good Will weitermachen - darauf haben die keine Lust mehr und gleichzeitig weniger Angst, ihre Wünsche auch klar auszudrücken – weshalb sie von Baby Boomern oder Millenial-Chef*innen als sehr fordernd wahrgenommen werden. Man ist das einfach noch nicht gewohnt. Zu sagen, "Nein ich will keinen befristeten Vertrag, ich bestehe auf faire Entlohnung, etc." - ich denke, da können wir Älteren noch ein bisschen was dazulernen.

Was braucht es, um die Arbeitssituation für Frauen zu verbessern, gerade für arbeitende Mütter? Sowohl im Privaten als auch auf struktureller Ebene?

Erst jüngst gab es eine Studie, die zeigt, dass viele Frauen im vierten Lockdown beruflich zurückgesteckt haben, um ihre Kinder in Quarantäne betreuen zu können. Am Anfang der Pandemie sah das Ganze noch ein bisschen anders aus. Viele empfanden den Lockdown als Chance, Zeit mit der gesamten Familie zu verbringen, Väter blieben vermehrt zuhause. Über die letzten zwei Jahre haben sich die alten Rollenverständnisse jedoch wieder stärker ausgeprägt. Frauen mussten Berufe aufgeben oder im Job zurückstecken, wodurch sie natürlich wieder deutlich weniger verdienen und in eine Mehrfachbelastung reinkommen.

Insofern braucht es natürlich das Verständnis in den Familien selbst, eine gerechte Arbeits- und Kinderbetreuungsaufteilung zwischen Partner*innen, aber auch Arbeitgeber, die verstehen, dass ein Mann in Familienzeit geht.

Auch braucht es eine gesellschaftliche und politische Aufwertung der Care-Arbeit sowie bessere Betreuungsangebote. Und dann ist eben die ganze grundsätzliche Diskussion über Teilzeit total wichtig. Teilzeitarbeit muss normaler werden und vor allem wertvoller.

Buchtipp:

Wie wir arbeiten wollen, Peschke

SZ-Redakteurin Sara Peschke demontiert in ihrem Buch Wie wir arbeiten wollen – Über Selbstbestimmung und Selbstausbeutungdie Begeisterung fürs Homeoffice als großen Selbstbetrug. Flexibilität und Freiheit waren die großen Versprechen, doch bei vielen Menschen sind sie Dauerstress und Selbstausbeutung gewichen. Mit ihrem Buch legt sie den Finger in die Wunde, denn auch nach Corona wird uns das Homeoffice begleiten. Über die Macht von Pausen - und warum eine chronisch gestresste Gesellschaft auf Dauer nicht gutgeht.

 

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