Zwischen Schönheitsdruck und Empowerment: Elisabeth Lechner über Body Positivity

Schönheit und Körper, Normen und Ideale: Weibliche Körper werden immer noch stark reguliert. Bewegungen wie Body Positivity und Body Neutrality setzen neue Maßstäbe. Aber was können sie tatsächlich leisten? Wir haben mit der Expertin Elisabeth Lechner über Möglichkeiten und Grenzen des Empowerments gesprochen.

Elisabeth Lechner über Body Positivity, Body Neutrality und unser kapitalistisches System.

Eigentlich forsche sie zum "ekeligen weiblichen Körper", sagt Elisabeth Lechner. Als Doktorandin beschäftigt sie sich an der Universität Wien mit Body Positivity und all jenen Normen und Vorschreibungen, mit denen unsere Gesellschaft Frauenkörper reguliert und maßregelt - und unsichtbar macht, wenn sie nicht ins erwünschte Bild passen. In den sozialen Medien formiert sich seit ein paar Jahren der Widerstand gegen die Schönheitsklischees: Die Empowerment-Bewegung #bodypositivity ist längst im Mainstream angekommen. 2019 liebt die aufgeklärte Frau ihren Körper, so will es inzwischen sogar die Werbung. Im Alltagsleben stoßen Frauen dennoch ständig an Grenzen. Eine kleine, aber immer größer werdende Bewegung spricht nun vom Körper als neutralem Werkzeug, das nichts mit dem Selbstwert zu tun haben soll: die Body Neutrality.

Wie aber passen Körperfixierung und Schönheitsnorm, Selbstliebe und Gegenbewegung zusammen? Ein Gespräch über Body Positivity und Body Neutrality – und wie sie uns zwischen Schönheitsidealen und Erwartungsdruck in einem kapitalistischen, patriarchalen System weiterhelfen können.

Wir leben in einer Welt der Schönheitsideale und Körpernormen. Wie muss sie denn ausschauen, "die schöne Frau von heute"?

Elisabeth Lechner: Im Gegensatz zu den 1990ern ist "die schöne Frau" heute nicht mehr superschlank, sondern durchtrainiert und fit, an den "richtigen Stellen" aber kurvig. Sie ist weiß oder sehr hellhäutig, hat lange Haare, eine glatte und aknefreie Haut, ist am ganzen Körper rasiert und geschminkt.

Und was darf sie gar nicht?

Die größten Tabus sind zu viel Körperfett in den falschen Proportionen oder eine "falsche" Körperbehaarung, etwa dunkle Haare oder ein Damenbart. Das ist weit weg vom Schönheitsideal. Je normativer eine Frau ist, desto mehr Grenzüberschreitungen darf sie sich erlauben. Als queere Schwarze Frau mit Disability geht viel weniger als als weiße, hetero Cis-Frau.

Da möchte die Body-Positivity ansetzen. Worum geht es bei der Bewegung genau?

In ihrer radikalsten und kritischsten Form setzt sich die Body Positivity dafür ein, dass alle Körper so akzeptiert werden, wie sie sind. Gleichzeitig unterstreicht sie die komplexen Strukturen, die Schönheitsnormen überhaupt erst kreieren: Dass wir eben in einem kapitalistischen, patriarchalen System leben, in dem das Gefühl, nicht zu genügen oder nicht schön zu sein, auch immer jemandem nützt.

Die Body Positivity ist eine sehr alte Bewegung, die in den 1970ern in den USA entstand. Anfangs ging es hauptsächlich um #fatacceptance. Warum erleben wir in den letzten Jahren so ein Revival?

Weil wir soziale Medien haben. Plötzlich können viele Menschen einen Betrag dazu leisten. Die großen aktivistischen Accounts (etwa @bodyposipanda oder @effyourbeautystandards) teilen bewusst den Content anderer UserInnen, es bildet sich eine Community. Davor war das so nicht möglich.

Die radikale Bewegung, die in den '70ern in den USA begonnen hat, ist mittlerweile ziemlich kommerzialisiert worden. Heute werden mit einer sehr verwässerten Form der Body Positivity Geschäfte gemacht. Als Antwort darauf ist die Body Neutrality-Bewegung entstanden, deren Ansatz ist, dass wir uns abseits von Schönheit verstehen sollten. Während die Body Positivity sagt: "Alle Köper sind schön und gut, wie sie sind.", sagt die Body Neutrality: "Wir sind mehr als Schönheit."

Ist die Body Neutrality also eine Weiterentwicklung der Body Positivity?

Beide Bewegungen sind wichtig. Die Body Positivity setzt sich dafür ein, dass man Schönheitskonzepte weiterdenkt und sich jede Person in ihrem Körper wohlfühlen kann und schön fühlen darf. Das ist besonders wichtig für Menschen, die ihr Leben lang stigmatisiert wurden: Menschen mit Behinderungen, mit nicht-weißer Hautfarbe, mit Narben oder Akne. Schönheit hat einen sozioökonomischen Wert; wer als gesellschaftlich schön gesehen wird, hat es leichter im Leben. Die radikale Body Positivity will also gesellschaftliche Zustände verändern.

Radikale Body Positivity will gesellschaftliche Zustände verändern.

von Elisabeth Lechner

Auf total kommerzialisierte Werbung, die keinen Inhalt mehr hat und nur versucht, mit den Ausläufern der Bewegung Geld zu machen, trifft das nicht zu. Die Body Neutrality würde ich als Antwort darauf verstehen. Sie ist aber auch eine Utopie. Wir sind noch nicht soweit, um zu sagen: "Wir sind viel mehr als Schönheit, wir können einfach alles sein."

Die Body Positivity ist also realistischer?

Sie setzt sich eher mit gegebenen Normen auseinander, ihre Ziele sind greifbarer. Körperlichkeit abseits von Schönheit zu denken, wie es die Body Neutrality tut, scheint aus heutiger Perspektive noch schwieriger. Wir werden doch ständig bewertet: nach Körpergewicht, nach Frisur und Haut, nach Körperbehaarung. Die Body Positivity fordert das heraus, sie zerpflückt Schönheit und denkt sie weiter. In der aktivistischen Form sind beide wichtig. Wir dürfen uns schön fühlen, solange uns niemand dazu zwingt, aber eigentlich sind wir viel mehr als Schönheit und Körper.

Kann dadurch auch zusätzlicher Druck entstehen? Also: Nicht nur, dass ich gesellschaftlichen Kriterien entsprechen muss, jetzt muss ich mich auch noch selber schön finden oder gar keinen Wert mehr auf meine Schönheit legen?

Das hängt von der Art der Kommunikation ab. Nur weil die Werbung sagt: "Jetzt fühl dich schön!", ist am nächsten Tag nicht alles super. Die gesellschaftlichen Realitäten haben sich deswegen nicht verändert. Es ist immer noch ein kapitalistisches, patriarchales System, das gerade von Frauen eine bestimmte Optik verlangt und einen Markt schafft, der Geld mit deiner Unsicherheit machen will. Gute BloggerInnen betonen diesen systematischen Druck – dass das ein gesellschaftliches Problem ist, das nicht individualisiert werden kann. In der Wissenschaft sprechen wir von einer "Cult(ure) of Confidence": In der neoliberalen Individualisierung ist man immer, wenn etwas nicht klappt, selbst Schuld und soll das Problem selbst lösen. Ein schlichtes "Jetzt fühl dich mal gut!" kann sich aber nicht alleine über das System hinwegstellen.

Wir sind Individuen in einem kapitalistischen System. Es basiert darauf, dass wir uns nicht wohl fühlen, gaukelt uns aber vor, dass unser Ziel mit genug Anstrengung erreichbar ist. Wie schaff ich es, das hinter mir zu lassen?

Diese Fragen kann man nicht am Individuum festmachen. Es braucht politische Intervention, etwa eine Regulierung von sexistischer Werbung und Medienkompetenzkurse an Schulen, damit wir lernen, die Bilder einzuordnen und zu erkennen: "Das ist eine normative Darstellung und will mir als Teil des Systems etwas verkaufen, das schadet mir."

Mit mehr Medienkompetenz für "sexistischen Bullshit" fühlt man sich aber nicht automatisch besser, wenn man in der Früh aufwacht. Deswegen können Empowerment-Bewegungen einen Unterschied machen.

Hast du einen Tipp dazu?

Alles aus dem eigenen Instagram-Feed raushauen, das Dinge wie Detox-Tees oder Anti-Cellulite-Wunder bewirbt. Nur noch Leuten folgen, die tagtäglich aufzeigen, dass du kein failure bist, sondern unter systemischem Druck leidest. Das wären individualisierte Akte, die das System aufzeigen. Auf persönlicher Ebene kann das viel beitragen.

Es ist immer noch ein System, das Geld mit deiner Unsicherheit machen will.

von Elisabeth Lechner

Es gibt die Kritik, dass Menschen mit normschönen Körpern den Begriff für sich einnehmen. Kann man wirklich "zu schön" für Body Positivity und Body Neutrality sein?

Jede und jeder hat das Recht zu sagen: Ich leide unter diesem System und unter dem Schönheitsdruck, der durch die sozialen Medien noch zugenommen hat. Die Frage ist, wie man sich in den Diskurs einbringt. Nehmen wir das Beispiel Fatshaming und Thin Privilege: Auch wenn jede dünne Person unzufrieden sein und das auch artikulieren darf, hat sie doch ein gesellschaftliches Privileg. Sie wird nicht angestarrt, sie passt in herkömmliche Sessel. Sie kann in einem normalen Geschäft einkaufen, weil es da Kleidung in ihrer Größe gibt.

Die Welt ist gemacht für sie.

Das ist Thin Privilege. Auch eine dünne Person kann mit ihrer Geschichte dazu beitragen, dass perfekte Bilder, die wir in den Medien sehen, in die Realität geholt werden. Wenn Bloggerinnen, die eigentlich dünn sind, ein Foto machen und man ihre Bauchfalten sieht, führt das zur Entmystifizierung dieser Frauentypen. Jene, die normativen Standards entsprechen, zeigen: Ohne Nachbearbeitung schau‘ auch ich nicht so aus.

Fatshaming kriegen aber nur Menschen ab, die dicker sind. Sie sollen in solchen Diskursen den meisten Raum einnehmen, weil sie aus erster Hand von Diskriminierungserfahrungen im Alltag berichten können.

Man muss also den eigenen Platz im Diskurs reflektieren?

Genau – jemand mit Kleidergröße 38 wird nicht die ganze Bandbreite der Body Positivity abdecken können. Reflektiert man aber die eigene Position und die Normen, kann man einen Beitrag leisten. Ich selbst weiß nicht, wie es sich anfühlt, als Schwarze Frau, Disabled Person oder mit Kleidergröße 52 durch Wien zu gehen. Ich zeige auf diese Strukturen hin, habe aber Vieles nicht persönlich erlebt. In einer idealen Welt tragen wir alle dazu bei, dass das Konstrukt Schönheit, das so viel Leid verursacht hat, auseinander genommen und zerbrochen wird – und dass unser Leben freier wird.

In einer idealen Welt tragen wir alle dazu bei, das Konstrukt Schönheit zu zerbrechen.

von Elisabeth Lechner

Trotz all der wichtigen Kritik: Können wir sagen, dass Body Positivity vielfältigere Typen von Frauenkörpern sichtbarer gemacht hat?

Auf jeden Fall!

Wie wirkt sich das auf Frauen aus?

Wird uns dauernd Hass von außen eingeredet, fangen wir an, den eigenen Körper zu hassen. Die mentale Gesundheit leidet, im schlimmsten Fall ziehen sich Betroffene aus dem sozialen Raum zurück oder fangen an, sich selbst zu verletzen. Bodyshaming ist real und hat drastische Konsequenzen. Erweiterte Schönheitsnormen schützen uns also.

Zusätzlich müssen wir betonen: Die ästhetische Arbeit, die von Frauen verlangt wird, kostet extrem viel Geld und braucht extrem viel Zeit. Haben wir plötzlich die Freiheit, einfach rauszugehen, wie wir sind und trotzdem im Beruf und Alltag ernst genommen zu werden, haben wir Geld gespart und Zeit gewonnen.

Können kommerzialisierte Auswüchse der Body Positivity da auch einen Beitrag leisten?

In der Werbung, die ein sehr sexistisches Medium ist, tut sich gerade sehr viel. Die US-amerikanische Rasierermarke Billie arbeitet etwa mit einer Vielfalt an Hautfarben, Ethnizitäten, Körperformen und Haartypen. Und der Kondom- und Periodenprodukthersteller einhorn führt als Teil der Marke die Enttabuisierung rund um Menstruation und Sexualität fort. Die machen das mit Schmäh und Spaß und erreichen so tausende FollowerInnen.

Gillette hat für eine Kampagne mit einem Plus Size Model gearbeitet, das keine Sanduhr-Figur hat und extrem viele Hasskommentare bekommen. Wie wiegt man Repräsentation und negative Kritik gegeneinander auf?

Sichtbarkeit in den Medien bringt nicht allen dasselbe. Je marginalisierter die Gruppe, desto größer ist die Chance, dass die Representation nicht abgefeiert, sondern von der Mehrheit abgelehnt wird. Trotzdem ist es wichtig, um Vorstellungen zu verschieben. Frauenkörper sind bis jetzt im öffentlichen Raum nur akzeptiert, wenn man sie leicht sexualisieren und kommerzialisieren kann. Das geht am besten mit fragmentierten Körperteilen: ein sexy Bein, ein Dekolletee, ein graziler Arm. Das "Plus Size"-Model Ashley Graham, die enorm viel für die Bewegung geleistet hat, kann man etwa super sexualisieren. Sie hat Sichtbarkeit, aber auch eine neue Norm geschaffen.

Du "darfst" jetzt zwar vielleicht Größe 44 haben, aber nur wenn du einen großen Busen, eine schmale Taille und einen runden Hintern hast.

Und einen superflachen Bauch! Das Gillette-Model hat hingegen das Patriarchat aus den Löchern gerufen, weil man diese Figur nach den gewohnten Mustern einer "sexy Frau" nicht so leicht sexualisieren kann. Wie anfangs gesagt: Je privilegierter eine Person ist, desto leichter kann sie bestimmte Diskurse verschieben. Ashley Graham hat nicht Größe 34, aber sie ist weiß, sie ist able-bodied, sie ist upper-class. Sie darf die Normen ein bisschen ausweiten. Eine Frau mit dunklerer Hautfarbe, ohne perfekte Bodyshape darf das nicht. Je weiter man von der Norm weg ist, desto höher die Chance, dass Sichtbarkeit eher Hass als Anerkennung produziert.

Können es die Bewegungen schaffen, die Gesellschaft grundlegend zu verändern?

Sie können gute Anstöße geben, letztlich muss man aber patriarchale, kapitalistische Strukturen zerschlagen. Man kann von BloggerInnen auf Instagram nicht erwarten, dass sie ein System zu Fall bringen. Dafür braucht es politische Initiativen, wie das Frauen*Volksbegehren, das aber vom Tisch gewischt wurde. Darauf kommt es an. Wir als Gesellschaft sollten Menschen in ihrer Humanität wertschätzen, so wie sie sind. Die Realität ist aber noch eine andere.

 

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