Zwischen Inspiration Porn und Tokenism: Laura Gehlhaar über Inklusion

"Diversity" scheint das Lieblingswort in deutschen Werbeabteilungen zu sein, glaubt Aktivistin und Autorin Laura Gehlhaar. Schließlich lässt sich Inklusion – zumindest als Werbebotschaft – gut kapitalisieren. Politische Bewegungen bekommen so oft einen Feel-Good-Vibe. Braucht es den wirklich?

Laura Gehlhaar

Nicht über das Ob, sondern über das Wie müsste endlich mal gesprochen werden, findet Laura Gehlhaar (37). In der Politik, am Stammtisch, auf Social Media – überall. In Sachen Inklusion hinke unsere Gesellschaft schließlich noch deutlicher hinterher als in anderen Bereichen.

Laura Gehlhaar leistet als Autorin ("Kann man da noch was machen? Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin", 10,30 Euro über thalia.at) und Aktivistin Bildungs- und Bewusstseinsarbeit (etwa auf Instagram unter @fraugehlhaar) und berät Firmen zu Inklusion und Barrierefreiheit. Dazu, wie Inklusion über "Diversity"-Slogans hinaus gelingt, denn: Menschen mit Behinderungen werden zwar langsam sichtbarer, aber trotzdem oft nur als Teil von Held*innen- oder Opfer-Geschichten (>>> mehr zu Inspiration Porn hier). Eine neue, inklusivere Norm bleibt aus. Wie kann die gelingen?

WIENERIN: Firmen wollen häufig mit öffentlichem Bewusstsein Geld verdienen. Einerseits werden durch breite Werbekampagnen viele Menschen erreicht, andererseits bekommen politische Bewegungen durch Feel-Good-Vibes einen komischen Beigeschmack. Sollen Firmen Themen wie Inklusion aufgreifen und schlecht umsetzen - oder es lieber ganz sein lassen?

Laura Gehlhaar: Es gibt den ganz berühmten Satz: Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Genau das erlebe ich zu 85 Prozent, wenn ich beratend tätig bin. Es ist vielleicht oft eine gewisse Naivität, die dahintersteckt. Etwa, dass Unternehmen sagen: "Wir wollen mehr Diversität und Inklusion, aber wir wissen einfach nicht wie." Dann komm ich dahin, um dieses Wie zu erklären, Möglichkeiten aufzuzeigen, es geht ans Eingemachte und die Leute sehen: "Ach, das ist Arbeit und es reicht nicht, uns das nur nach außen auf die Fahnen zu schreiben. Diversität und/oder Inklusion intern auch umzusetzen und auszuleben, ist Arbeit." Nur: Diese Arbeit wird sich am Ende immer lohnen. Aus dieser Arbeit wird etwas Gutes herauskommen. Es ist erwiesen, dass diverse Teams sechsmal erfolgreicher arbeiten als homogene Teams, weil viele verschiedene Perspektiven und Erfahrungswerte mit reinkommen.

Das funktioniert natürlich nur, wenn man ernsthaft an Inklusion interessiert ist. Viel zu oft werden queere Menschen oder Menschen mit Behinderung zur Erfüllung einer Quote beauftragt.

Ich hab auch ganz, ganz oft, dass ich zur Rolle des sogenannten Token gemacht werde. (Anmerkung: von Tokenism: etwas gegenüber einer marginalisierten Gruppe nur zu tun, das über eine symbolische Geste nicht hinausgeht) Das ist beispielsweise, wenn ich auf Podien eingeladen werde und es dann nicht um Dinge geht, die meine Arbeit betreffen. Wenn es nur um mich und meine Persönlichkeit geht. Ich zähle zwar auch meine Behinderung zu meiner Persönlichkeit, weil sie mich sehr geprägt hat, aber es ist ärgerlich, wenn ein Gespräch nicht darüber hinaus geht - etwa um Themen wie die politische Lage oder die Barrieren in unserer Gesellschaft. Das sind dann die Momente, in denen ich auf Veranstaltungen merke: Hey, ich bin hier gerade die einzige Frau oder die einzige Person, die eine Behinderung hat. Oder wenn ich feststelle, dass Unternehmen oder Veranstaltungen sich "Inklusion" oder - das Lieblingswort hier in Deutschland gerade - "Diversity" auf die Fahne schreiben, aber diese Fahne nur draußen im Wind ein bisschen weht und hinter den Türen überhaupt nicht gelebt wird.

Was entgegnest du in solchen Fällen?

Wenn ich eingeladen werde und merke: Hmm, so richtig diverse Gedanken hat man sich nicht gemacht. Ich als behinderte Frau sitze gerade auf einem Podium mit vier weißen Männern, dann habe ich das bisher immer angesprochen - teilweise direkt auf Podien, teilweise danach. Ich merke auch, dass dann zugehört wird. Der Wille ist grundsätzlich da, wenn ich eingeladen werde, aber dann müssen sie auch mit den Konsequenzen rechnen. Und ich kann die Kritik auch auf einer Ebene an die Leute herantragen, dass es sie nicht gleich komplett umhaut. Da braucht man ein bisschen Feingefühl. (lacht)

Ich merke auch, dass Aufträge häufig unbedacht auf mich zurück fallen - so nach dem Motto: Wir brauchen irgendwas mit Behinderung. Ach, da gibt's ja diese Laura Gehlhaar. Ich versuche also immer auch, Kontakte zu vermitteln, weil es Menschen gibt, die sich in bestimmten Bereichen besser auskennen und das nicht immer an mir hängenbleiben soll.

Ich kann auch über Behinderung sprechen, ohne über mich sprechen zu müssen.

von Laura Gehlhaar

Man möchte meinen, dass du es satt haben könntest, immer und immer wieder die gleiche Bewusstseinsarbeit zu leisten. Stattdessen hast du in einem Interview (hier) gesagt, du hättest Angst, dass das Interesse so schnell wieder abklingt wie es gekommen ist. Macht es dir Spaß, Bildungsarbeit zu leisten oder siehst du es als eine Verpflichtung?

So und so. Das Thema Inklusion und das Ziel, unsere Gesellschaft divers und inklusiv aufzustellen, finde ich einfach großartig. Ich habe mich auch schon oft gefragt, ob ich das Thema auch ohne meine Behinderung so verfolgt hätte und: Bestimmt hätte ich das. Aber weil Behinderung auch zu meinem Leben als Betroffene gehört, macht es mich unglaublich glaubhaft und authentisch. Ich habe mir das ausgesucht, ich habe das zu meinem Beruf gemacht und trage natürlich auch diese Konsequenzen, oft auf mein persönliches Leben angesprochen zu werden. Aber ich kann auch eine Grenze setzen und mache das immer wieder - auch öffentlich. Es ist mir inzwischen egal, ob ich gerade in einem Live-Interview bin oder nicht, wenn ich sage, dass ich über etwas nicht spreche. Ich kann auch über Behinderung sprechen, ohne über mich sprechen zu müssen. Da sind die Leute dann immer erstmal ein bisschen enttäuscht, aber da müssen sie dann durch. (lacht) Was mich manchmal sehr mürbe macht und frustriert, ist die Tatsache, dass ich nicht um 9 Uhr meine Arbeit beginne und um 18 Uhr damit aufhöre. Ich nehme meine Behinderung mit nach Hause. Ich kämpfe nicht nur acht Stunden am Tag für Barrierefreiheit, sondern ich fahre auch von meiner Arbeit mit der U-Bahn nach Hause, werde vielleicht doof angemacht oder der Aufzug ist vielleicht kaputt. Ich lasse meine Behinderung nicht in diesen acht Stunden Arbeitszeit. Das ist manchmal sehr kräftezehrend. Es ist nicht nur meine Leidenschaft oder eine Berufung, es ist auch mein Leben.

Ich glaube, dass es ein ganz natürlicher Prozess ist, dass wir erst Dinge immer wieder sehen, hören und dann nochmal sehen und wieder hören müssen, dass sie irgendwann normal in unserem Seh- und Hörverhalten angekommen sind.

von Laura Gehlhaar

Wie falsch wir den Diskurs über Inklusion führen, zeigt sich an scheinbar positiven Bewegungen wie Body Positivity: Sie kommen oft auch nicht ohne Argumente aus, die auf Ableism (Anm.: Abwertung von Menschen mit Behinderung) basieren. Wenn es etwa heißt: Sei dankbar für deinen Körper. Du hast einen funktionierenden Körper und Beine, die laufen können. Wie bewertest du das?

Ich glaube, dass Akzeptanz erreicht werden kann, indem man Dinge zeigt, wie sie sind. Ich finde es großartig, wie viele Frauen oder Menschen generell, sich präsentieren, zeigen, empowern. Je mehr, desto besser. Ich glaube, dass es ein ganz natürlicher Prozess ist, dass wir erst Dinge immer wieder sehen, hören und dann nochmal sehen und wieder hören müssen, damit sie irgendwann normal in unserem Seh- und Hörverhalten ankommen.

Das passiert gerade etwa mit dicken Körpern oder Menschen mit Behinderung. Aber sehr langsam, denn: Es gibt natürlich auch wunderschöne Körper, die nicht der Norm entsprechen. Zum Beispiel die dicken Frauen in der Dove-Werbung: Das sind alles sehr, sehr schöne dicke Frauen, die man sich gerne anguckt. Genauso ist das auch mit Behinderung. Ich sehe so aus wie ich aussehe. Ich habe normale Körperproportionen, mir läuft kein Sabber aus dem Mund raus, ich kann mich artikulieren. Ich bin als Behinderte auch nett anzusehen, weil ich der Norm noch näher komme als jemand mit Sprachbehinderung oder jemand, bei dem der Körper etwas verformter ist. Das macht meine Sichtbarkeit einfacher, á la Diese Laura, die ist so wie ich, aber die sitzt halt im Rollstuhl. Das kann ich mir ansehen, das kann ich noch so verkraften. Damit bin auch ich auf eine Art privilegiert. Aber ich möchte noch viel mehr Menschen mit Behinderung sehen: in der Werbung, im TV, im Film, in Serien, in der Öffentlichkeit. Die Leute denken dann vielleicht erstmal: Oha, krass. Das hab' ich so noch nie gesehen. Aber je öfter man das zeigt, desto normaler wird es und irgendwann ist diese Person jeden Abend Nachrichtensprecherin. Dann verändern sich Seh- und Sprechgewohnheiten.

Das Schöne ist auch, dass wir alle das Potenzial haben, uns immer wieder neu anzupassen. Wenn wird das nicht könnten, würden wir immer noch im Kreis an unserem Feuer sitzen und mit Stöcken in den Sand schreiben. Deshalb habe ich - auch, wenn wir gerade in europäischen Ländern und darüber hinaus immer mehr diesen Rechtsrutsch haben - immer noch die Hoffnung, dass die Fähigkeit, sich neu zu strukturieren, um etwas Gutes zu schaffen, immer noch genutzt werden kann. Die Leute müssen nur immer wieder daran erinnert werden.

Ich lasse meine Behinderung nicht in diesen acht Stunden Arbeitszeit. Das ist manchmal sehr kräftezehrend. Es ist nicht nur meine Leidenschaft oder eine Berufung, es ist auch mein Leben.

von Laura Gehlhaar

Wie kann das gelingen? Um bei der Body-Positivity-Bewegung zu bleiben, wo mit Sprüchen wie All bodies are good bodies die Akzeptanz bzw. die Schönheit aller Körper propagiert werden soll: Müssen Bodies denn immer gut sein?

Das "good" ist ja erstmal was Positives, aber auch in positiven Dingen steckt immer eine Bewertung. Und Bewertung von Körperlichkeit - ob jetzt gut oder schlecht oder wie auch immer - finde ich grundsätzlich erstmal nicht gut. (lacht) Ich glaube, dass wir generell weniger über das Streben nach Schönheit sprechen sollten. Stattdessen sollten wir uns viel mehr der Akzeptanz widmen, dass es unterschiedliche Körper gibt und dass das natürlich und normal ist.

Ich werde oft angefragt für Fotoprojekte, bei denen es um etwas geht wie: Laura, wir wollen Frauen mit Behinderung fotografieren, um der Welt zu zeigen, dass auch Frauen mit Behinderung schön sein können. Und ich denk mir: Neee, neee. Da steckt so eine enorme Bewertung dahinter. Der Hintergrundgedanke ist ja dann der, dass sie es eigentlich nicht sind. Ich bin niemandem irgendetwas schuldig. Ich muss niemandem beweisen, dass ich zu irgendetwas fähig bin, dass ich schön sein kann oder sonstwas. Das Einzige, das ich möchte, ist, dass ich einfach so akzeptiert werde, wie ich bin. Ich glaube, wir würden uns gesellschaftlich einen großen Gefallen tun würde, alle Frauen und überhaupt alle Menschen so zu akzeptieren wie sie sind oder sein möchten.

Ich bin niemandem irgendetwas schuldig. Ich muss niemandem beweisen, dass ich zu irgendetwas fähig bin, dass ich schön sein muss oder sonstwas. Das Einzige, das ich möchte, ist, dass ich einfach so akzeptiert werde, wie ich bin.

von Laura Gehlhaar

Selbstakzeptanz in einer von Schönheitsidealen geprägten Gesellschaft zu erlernen und sozialisierte Denkmuster aufzubrechen, bedeutet bewusste mentale Arbeit. Wie war das bei dir?

Ich habe natürlich auch lange versucht, mitzuhalten und mich Trends anzupassen. Irgendwann habe ich verstanden, dass ich sowieso niemals in der Lage sein werde, dem Standard-Schönheitsideal nachzukommen. Aktuell sind ja besonders fitte, durchtrainierte Körper das Schönheitsideal und das werde ich aufgrund meiner Behinderung sowieso nicht erreichen. Das kann natürlich erstmal demotivieren, traurig oder auch wütend machen. Aber letztendlich kann man sich auch dafür entscheiden - und das ist ein langer Prozess - eine Lockerheit reinzubringen. Ich habe mittlerweile überhaupt nicht mehr diesen Drang, irgendwelchen Schönheitsidealen nachzulaufen, weil ich es rein körperlich auch gar nicht schaffen werde bzw. auch gar nicht muss. (lacht) Das hat mir eine unglaubliche Ruhe gegeben. Aber es ist ein Prozess, der auch immer noch im Gang ist. Ich hab jetzt nicht das Leben verstanden, aber ich hab kapiert, dass ich den Druck nicht brauche, um mich selbst schön oder wohl zu fühlen oder mich selbst zu akzeptieren.

Trotzdem ist man selbst nicht losgelöst von der Gesellschaft, die in puncto Inklusion und Akzeptanz noch lange nicht so weit ist. Wie müssen wir den Diskurs über Inklusion führen?

Es ist in den letzten Jahren schon einiges passiert: Wir haben den Diskurs schon ein bisschen weiter in die Mitte der Gesellschaft gerückt. In Deutschland ist es seit 2019 auch endlich Menschen erlaubt, die aufgrund ihrer Behinderung - psychische Behinderung oder Lernbehinderung - ein Vormund haben, wählen zu dürfen. Sie können endlich von ihrem Grundrecht Gebrauch machen. Das ist ein Fortschritt, aber: Ich arbeite auch viel in London und immer, wenn ich andere Länder sehe, empfinde ich den Aufenthalt wie einen Kurzurlaub, weil Inklusion dort schon 20 Jahre weiter ist als in Deutschland oder Österreich. Ich habe keine Ahnung, was hier passiert ist in den letzten 20 Jahren, aber anscheinend haben hier viele Menschen geschlafen. (lacht)

Die Politik sollte sich nicht immer nur über das Ob unterhalten, sondern über das Wie. Nicht, ob wir Inklusion umsetzen, sondern wie. Und auch nicht fragen: Wann? Denn die Antwort ist immer: Jetzt.

Laura Gehlhaar wird am 22. Februar beim Every Body In Festival (13:30 bis 21 Uhr, Geblergasse 40, 1170 Wien, Eintritt frei!) die Keynote halten. Das "Festival für Diversität und Körperkultur", veranstaltet vom Unterwäschehersteller Skiny bringt Speaker*innen zusammen, um einen aufrichtigen Diskurs zu Körpern, Sexualität, und Behinderung zu führen: "In der Keynote möchte etwas Druck rausnehmen und den Begriff Schönheit bzw. das Streben danach kritisieren. Ich will den Besucher*innen Wind aus den Segeln nehmen und empowern, dass es in Ordnung ist, wenn man nicht nach Schönheit strebt und einfach sein Ding macht!"

Alle Infos zum Every Body In Festival hier.

 

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