Zweiter Anlauf für die Liebe

Sie kennen den Spruch mit dem Gulasch und dem Aufwärmen? Wir auch und trotzdem gibt es immer mehr Paare, die ihn ignorieren und es ein zweites Mal miteinander versuchen. Wir haben uns deshalb angeschaut, wie Anlauf Nummer zwei gelingen kann.

Alles happy peppi

Julia, 39 (Namen von der Red. geändert), führt ­heute ein glückliches Leben, fast wie aus dem Bilderbuch. Tochter Karo ist zwei, quietschfidel und ein wahrer Sonnenschein, mit Ehemann Matthias läuft’s super. Er war Julias erste große Liebe, ihr erster Freund – und seinetwegen hatte sie den ersten großen Liebeskummer. Denn aufs jugendliche Liebeshoch mit 15 war nach einigen Monaten die Trennung gefolgt. Das ist lange her und doch entscheidend für die Love-Story der zwei. Sieben Jahre lang waren sie dann auseinander, hatten keinerlei Kontakt, andere Beziehungen, bis sie einander wiedertrafen, sich erneut verliebten und zusammenkamen.

Eine zweite Chance

Klingt nach romantischer, leicht kitschiger Hollywood-Geschichte, kann aber richtig gut funktionieren! Das hat jedenfalls Psychologin Nancy Kalish in einigen Studien herausgefunden. Ihre Ergebnisse zeigen: Vor allem Paare, die durch schicksalhafte Umstände, den Einfluss der Eltern zum Beispiel oder Umzüge, getrennt wurden, haben bei einem zweiten Anlauf richtig gute Chancen, auch wirklich dauerhaft zusammenzubleiben und glücklich zu werden. Aufwärmen ist also doch auch in der Liebe ganz gut – nicht nur beim Gulasch.

Wenn’s passt, dann passt’s

„Wir waren so jung, als wir zum ersten Mal zusammenkamen“, erinnert sich Julia. „Ich war 15, und wir konnten uns kaum sehen. Wir wohnten damals 25 Kilometer voneinander entfernt am Land und hatten ­beide noch keinen Führerschein.“ Aus Matthias’ Sicht hatte das damals irgendwie nicht richtig gepasst, er hat die Beziehung dann beendet. Und auch wenn vor allem Julia unter der Trennung sehr gelitten hat, sind sich heute beide einig: Es war gut so. „Wären wir damals zusammengeblieben, wären wir heute nicht mehr zusammen“, meint Matthias. Andere Erfahrungen zu machen, andere Beziehungen zu haben, hat ihnen letztendlich nämlich gezeigt: Das mit uns passt!

Der gute Distanzblick

Oft braucht es den Abstand, die Trennung, um genau das zu erkennen, sagt Paartherapeutin Monica Fritsch. Denn aus der Distanz heraus bekommt man einen guten Überblick über die (alte) Beziehung und man kann sie besser reflektieren: „Vielleicht kommt man dabei drauf: Mein Partner hat gepasst, aber wir müssen im Zusammenleben was korrigieren. Oder mein Konfliktverhalten hat nicht gepasst, dann sollte man da was ändern.“ So gesehen können Beziehungspausen eine wertvolle Zeit sein, in der man eben erkennen kann, was man an seinem Partner hat(te).

Melde-Mut

Sich wieder beim anderen zu melden, ist auf jeden Fall Schritt Nummer eins. Und gar nicht so einfach. Was wird er sagen? Erinnert er sich überhaupt? Ist das nicht komisch, wenn ich mich jetzt auf einmal wieder melde? Im Fall von Julia und Matthias hat sie allen Mut zusammengenommen und sich wieder bei ihm gerührt. Ein bisschen Mitschuld hatte eine ihrer Freundinnen: „Ich hab ihr am Telefon erzählt, dass ich ihn gerade total gern anrufen würde. Und die hat gesagt ,Mach das!‘ und hat aufgelegt. Also hab ich ihn angerufen.“ Die beiden haben miteinander gesprochen, sich verabredet und wiedergetroffen.
„Mich hat’s in dem Moment total überrollt“, erzählt Julia. „Und ich hab gemerkt: Die Gefühle sind noch immer da, das hat eigentlich nie aufgehört.“ Als recht angespannt hat Matthias das Wiedersehen in Erinnerung: „Das Bild von Julia in meinem Kopf war das von einem 15-jährigen Mädel, und es waren sieben Jahre vergangen. Ich wusste ja nicht, wen ich da treffe. Sie war erwachsener geworden. Das war schön zu sehen.“ Dass er sie am liebsten gleich geküsst hätte, erzählt Matthias auch noch lachend, aber zunächst habe er sich noch zusammengerissen.

Monica Fritsch ist Psychotherapeutin und hat schon viele Paare beim zweiten Anlauf begleitet.
Hier ihre wichtigsten Tipps, wie die Beziehung beim zweiten Mal gelingen kann:

RÜCKBLICK. Greifen Sie zurück auf gemeinsame Erinnerungen, auf Stabilisierendes, auf alles, was für Ihre Beziehung förderlich war und Ihnen beiden Spaß gemacht hat.


EHRLICHE NEUGIERDE. Seien Sie neugierig auf den anderen, wie er jetzt ist, wie er sich verändert hat, was ihm jetzt wichtig ist und welche Art von Beziehung Sie miteinander führen möchten. Ehrlichkeit ist dabei das Nonplusultra, es bringt nichts, wenn einer der beiden kein echtes, gesundes Interesse an einem Neustart hat. Macht das einer aus Einsamkeit oder Bequemlichkeit, dann wird es nicht funktionieren.


MUSTER DURCHBRECHEN. Eine große Herausforderung beim zweiten Anlauf ist es, nicht in alte Verhaltensmuster zu fallen und den anderen so wie früher sofort wegen der offenen Zahnpastatube zu heftig anzufahren. Also bleiben Sie aufmerksam für alte Reaktionen und Muster und gestehen Sie sich vielleicht auch ein bisschen Unterstützung zu. Ein coachender Therapeut sieht von außen einfach mehr.


MUTIG SEIN. Mut braucht es fürs Wiederzusammengehen und Mut empfehle ich Ihnen auch, wenn’s drum geht, was Neues auszuprobieren. Wagen Sie auch was und gestehen Sie sich zu, gemeinsam neue Erfahrungen zu machen, was auch immer das sein kann.


LACHEN. Humor darf in Beziehungen nie fehlen. Nehmen Sie nicht alles furchtbar tragisch, sondern gehen Sie lieber mal um den Häuserblock, lassen Sie Dampf ab – und dann setzen Sie sich zusammen, besprechen die Dinge und dabei darf immer auch gelacht werden!

Aufeinander zugehen

Sich für dieses Wieder-aufeinander-Zugehen Zeit zu nehmen, hält Monica Fritsch für ganz wichtig. Schließlich müsse man den anderen ja auch neu bzw. wieder kennen lernen. Und erleben, wie er heute wirklich ist.
Julia und Matthias haben in dieser Phase viel Zeit miteinander verbracht, ihre erste Beziehung ein bisschen analysiert, alte Dinge am anderen wiederentdeckt und auch neue Seiten an ihm kennen gelernt. „Matthias war immer ein offener Mensch, ich ein bisschen schüchterner“, erzählt Julia. „Und diese Offenheit war nach den sieben Jahren viel stärker ausgeprägt als davor.“ Damit hatte sie doch ein bisschen zu kämpfen. Und sie haben gemacht, was auch Monica Fritsch allen Paaren rät, die sich wiederfinden: reden, reden, reden.
Gespräche sind einfach das A und O“, sagt die Therapeutin, „es ist ganz wichtig zu schauen, wie war die Beziehung, was hat uns gut getan, was war förderlich, was konstruktiv. Was hat uns geschadet, was wollen wir jetzt denn anders haben als zuvor. In dieser Phase des Besprechens kann auch wieder viel Vertrauen entstehen und die Beziehung gewissermaßen nachreifen.“
Einen ehrlichen Reality-Check braucht’s dazu unbedingt, sagt Fritsch. Und der geht so: Auf Stufe eins gilt es zu fragen: Wie kennen wir uns? Auf Stufe zwei muss man schauen: Wie hast du dich verändert? Und auf Stufe drei kann man entscheiden: Wo wollen wir hin?

Wie schaut Nummer zwei aus?

So soll sie werden. Das ­haben auch Julia und Matthias getan: viel be- und sich ausgesprochen und dann neu definiert, wie Beziehung Nummer zwei sein soll. „Ich glaube, Ehrlichkeit ist dabei das Wichtigste“, sagt Matthias. „Und eigentlich nicht nur am Anfang. Wir haben uns auch vorgenommen, generell in der Partnerschaft alles miteinander zu besprechen und anzusprechen, auch wenn man im Alltag wirklich oft wenig Zeit dafür hat.“

Rückschau

Auch das Zurückdenken an die guten Seiten der ursprünglichen Beziehung kann dazu beitragen, die gerade neu (wieder) entstehende gut zu gestalten. ­Warum haben wir uns mal verliebt? Was hat mich fasziniert am anderen? Wie haben wir uns kennen gelernt? Was war denn da Gutes? Warum war da der Funke? Was hat uns als Paar gut getan? „Wenn man da ansetzen und auf diese Dinge zurückgreifen kann, dann stärkt das beim zweiten Anlauf“, sagt Psychotherapeutin Monica Fritsch. Auch ein etwas banal anmutender Blick in alte Fotoalben kann schöne Erinnerungen auffrischen.
Fritsch rät außerdem, sich als Paar genug „Wir-Zeit“ zu nehmen. Also fixe Zeiten zu vereinbaren, die man miteinander verbringt, um etwas zu unternehmen. Konzert, Abendessen, Zoobesuch oder Fußballspiel – was es sein soll, entscheidet das Paar für sich. „Da kann man einander wirklich begegnen und auch leichter mal in ein ernsthaftes Gespräch kommen“, erklärt die Therapeutin. Das ist auch deshalb gut und wichtig, weil man sonst Gefahr läuft, Dinge so lang unter den Teppich zu kehren, bis man irgendwann sowieso drüberstolpert.

Gulasch-Fans

Den Spruch „Aufwärmen tuat ma nur a Gulasch“ haben Julia und Matthias trotzdem oft gehört. Vorbehalte gab es in beiden Familien, aber: „Als sie gesehen haben, wie wir beide miteinander umgehen, war es für alle gut, nicht nur für uns“, erzählt Julia. Sie findet: „Jeder hat eine zweite Chance verdient, auch wenn’s um die Liebe geht.“

 

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