Zurück ins Hotel Mama

Wenn sie gefragt werden, wo sie wohnen, drucksen sogenannte Bumerang-Kinder ein bisschen herum. Nach Jahren des Alleinlebens sind sie als Erwachsene wieder heim zu den Eltern gezogen. Und vielen ist das peinlich. Wir haben drei Heimkehrerinnen gefragt, wie es sich im alten Kinderzimmer lebt.

"Das ist das Bett, das mir mein Vater als Jugendbett gezimmert hat", sagt Karin Mondl und zeigt uns ihr neues, altes Schlafzimmer. Bilder aus Teenagerzeiten hängen an der Wand, die Vorhänge sind frischeren Datums. Seit die 37-Jährige vor vier Jahren wieder bei ihren Eltern in Hainfeld eingezogen ist, stehen im Wohnzimmer der Mondls zwei Couchgarnituren und in der Küche zwei Kühlschränke. Eines Tages wird Karin wieder ausziehen – warum also den Hausrat entsorgen?

Als Thirtysomething hatte sie keine Lust mehr aufs Großstadtleben und wollte eine zweite Ausbildung dranhängen. Da kam das Wiedereinzugsangebot ihrer Eltern genau richtig, denn mit dem Status Studentin wurde das Geld knapp. "Auch wenn meine Privatsphäre geschrumpft ist, bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie mich bei sich wohnen lassen. Mit meinem Stipendium hätte ich mir eine eigene Wohnung kaum leisten können", sagt Karin, die ihr Pädagogik-Studium inzwischen abgeschlossen hat.

Rückschritte

Wie Karin geht es vielen erwachsenen Zuhausewohnern. Längst sind sie keine Kinder oder Teens mehr, doch fühlen sie sich manchmal ganz genau so, denn auf dem Programm steht "Bad­gerangel mit den Eltern" statt "Freiheit in den eigenen vier Wänden" und das Beantworten der "Wie lange bist du unterwegs?"-Frage statt "Einfach spontan Freunde mitbringen". Bumerangkinder führen ein Leben, das sie sich als Jugendliche ganz anders erträumt hatten.

In den USA, wo wegen hoher Studiengebühren viele Menschen mit horrenden Schulden ins Berufsleben starten, spricht man schon von der "Generation Boomerang". Und auch in Österreich steigt die Zahl derjenigen, die zurück ins Hotel Mama ziehen, stetig, weiß Christiane Geserick, Soziologin am Institut für Familienforschung an der Uni Wien. Lebten 1981 in der Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen noch 18,5 Prozent zu Hause, lag ihre Zahl 2013 schon bei 26,4 Prozent. "Eine Entwicklung, die nachvollziehbar ist", sagt Geserick. "Der Mietraum wird teurer und viele junge Menschen stehen in prekären Arbeitsverhältnissen, machen vielleicht ein Praktikum nach dem anderen. Oder sie haben einen Job, der nicht genug Geld bringt, um auf eigenen Beinen zu stehen." Und heutzutage leben auch mehr Ältere, also über 30-Jährige, wieder zu Hause als noch vor einigen Jahren.

Offene Tür

Den zwischen 1985 und 2000 Geborenen haben Sozialwissenschaftler mittlerweile den Namen Generation Y verpasst, gut 30 Prozent der "Ypsiloner" haben nur Teilzeitjobs oder sind sogar eine Weile arbeitslos – und mindestens genauso viele steigen mit schlecht bezahlten Jobs ins Berufsleben ein. Gut, dass das Gefühl, im Arbeitsleben nicht gebraucht zu werden, zumindest im Privaten aufgefangen wird: Im alten Kinderzimmer ist man willkommen. Auch wenn der Raum vielleicht längst in einen Bügelraum umgewandelt worden ist.

Beigeschmack

Als wären sie mit ihrem täglichen "Aber Mama, ich bin doch schon erwachsen"-Kampf nicht genug geschlagen, tragen Bumerangkinder – wie Nesthocker übrigens auch – ein zusätzliches Packerl mit sich herum: einen schlechten Ruf. Als Erwachsener zu Hause zu wohnen gilt einfach nicht als super. Wer keine eigene Wohnung hat, wird schnell als Versager abgestempelt. "Es gehört zur Entwicklung dazu, sich vom Elternhaus abzulösen. Hat das jemand nicht geschafft, haben wir von ihm ein eher negatives Bild", sagt die Soziologin.

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26 Prozent der 25- bis 29-jährigen Österreicher wohnen heute (wieder) zu Hause bei ihren Eltern.
30 Jahre ist die Grenze: Danach zieht man eher nicht mehr aus.

Dabei hat das Nachhauseziehen nicht unbedingt mit (beruflichem) Scheitern zu tun. Miriam Saathen etwa, die wir in Wien besucht haben, brauchte nach der Trennung von ihrem Freund vorübergehend eine Bleibe. Also zog die 27-Jährige in das Zimmer, das ihre Eltern mittlerweile für ihre 6-jährige Nichte eingerichtet hatten: ein rosa Mädchentraum mit Schaukelpferd und Ausmalbildern.

Erst als Miriam ihren neuen Partner kennenlernte, wurde das Wohnthema wirklich eines, denn auch Schatzi lebte zu Hause bei den Eltern. "Wir haben uns in der Zeit auswärts die Nächte um die Ohren geschlagen und sind oft bis in der Früh in Lokalen gesessen. Das war wie mit 14, einfach schrecklich", sagt die junge Frau.

Konflikt-Reich

Auch wenn der Gedanke ans Wieder-bei-den-Eltern-Einziehen für die meisten wenig reizvoll ist, ist er doch für viele Realität. Und sie birgt natürlich jede Menge Konfliktpotenzial, so wie jede Form des Zusammenlebens. Damit aber alltägliche Streitigkeiten nicht in ein Schreiduell "Ich bin erwachsen, ich kann machen, was ich will" versus "Solange du die Füße unter meinen Tisch streckst, gelten meine Regeln" ausartet, rät die Kanadierin Christina Newberry – selbst Bumerangkind – , zwischen "Hausregeln" und "Lebensregeln" zu unterscheiden: "Eltern sollten nie versuchen, Regeln für das Leben ihrer Kinder zu erstellen, denn sie sind nun einmal erwachsen. Allerdings haben sie das Recht, zu sagen, wie sie sich das neue Zusammenleben unter ihrem Dach vorstellen."

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Christina Newberry machte aus ihrer Not eine Tugend – und steht auf adultchildrenlivingathome.com allen, die erst kürzlich wieder im Hotel Mama eingecheckt haben, mit Tipps und Hilfestellungen zur Seite. Sie rät zu einem Haushaltskalkulator. "Das Thema Geld birgt riesiges Konfliktpotenzial", weiß Newberry. "Viele erwachsene Kinder nehmen an: ,Solange mein Bett in der Wohnung steht, kostet es auch nichts, wieder dort zu schlafen.‘ Aber eine Person mehr im Haus verursacht Ausgaben und dessen sollte sich das erwachsene Kind bewusst sein."

Aushalten

Dass Regeln aber nicht alles regeln können, hat Martina Giselbrecht erfahren, als sie vor drei Jahren aus ihrer Grazer Wohnung wieder zu ihrer Mutter nach Neulengbach zog. Zweieinhalb Jahre haben es Mutter und Tochter in einer 71m2 großen Wohnung gemeinsam ausgehalten. Zur Miete und zum Einkauf hätte die 26-Jährige gerne mehr beigesteuert, das wollte die Mama aber nicht: "Du hast gerade eh nicht so viel", hieß es dann. Und auch wenn die beiden Frauen für die Hausarbeit fixe Regeln aufstellten, sind sie regelmäßig zusammengekracht: "Meine Mama war ungeduldig, wollte wissen, wann ich meine Aufgaben endlich erledige. Meist war ich eh schon dabei. Aber sie fand wohl, in ihrer Wohnung müssten gewisse Dinge genau dann passieren, wann sie es für richtig hält."

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Wieder nach Hause zu ziehen war Martina gar nicht recht, für sie fühlte es sich an wie bei null anzufangen. Logisch, dass sie schnell wieder die eigenen vier Wände um sich haben wollte. Heute leben die Interieur-Designerin und ihre Mutter in Steyr, allerdings fünf Kilometer voneinander entfernt – der perfekte Abstand, wie beide finden.

Wieder weg

Ob nun aufgrund eines Auslandsaufenthaltes, wegen einer Trennung oder einer finanziell schwierigen Lage: Heimkehrer nehmen statistisch gesehen häufiger von einem alleinstehenden Elternteil den Wohnungsschlüssel wieder entgegen als von Eltern mit intakter Ehe. Und Achtung, ein Klischee entspricht tatsächlich der Realität: Tendenziell leben mehr erwachsene Männer bei ihren Eltern als Frauen – womöglich, weil Frauen mehr Druck mit der Familiengründung haben, mutmaßt Expertin Geserick. Denn das Bei-Mama-Wohnen hat durchaus Auswirkungen auf die Lebensplanung des erwachsenen Kindes: Wer später einen Partner findet und / oder länger in Ausbildung ist, bleibt wahrscheinlich gern länger bei den Eltern. "Das kann davon abhalten, jemanden mit nach Hause zu bringen. Und dadurch verkürzt sich dann wieder die Zeit, in der man eine Familie gründen kann."

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Die meisten Bumerangkinder denken von Anfang an über ihren (Wieder-)Auszug nach und wollen früher oder später wieder auf eigenen Beinen stehen. Frauen sind da übrigens konsequenter als Männer, sagen die Zahlen. Sie setzen ihr Vorhaben eher in die Tat um. Und noch ein spannendes Detail hat die Statistik parat: Die Wahrscheinlichkeit, seinen Auszugswunsch zu verwirklichen, sinkt ab 30 stark. Zu den Gründen kann auch Soziologin Christiane Geserick nur Vermutungen anstellen: "In diesem Alter passiert rundherum weniger als in den Zwanzigern. Wahrscheinlich hat man sich dann mit der Lebens­situation arrangiert."

Wie wollen wir leben?

Dennoch bricht nicht nur Geserick eine Lanze für das Leben bei und mit den Eltern – zumindest für eine gewisse Zeit. Experten labeln diese Art der Wohnform inzwischen sogar positiv: als neue Erwachsenen-WG. Und dass die funktioniert, liegt an einem besseren, ja moderneren Eltern-Kind-Verhältnis. "Eltern und Kinder sind einander heute emotional viel näher als noch in den 1950er-Jahren, haben eine partnerschaftliche Beziehung", sagt Christine Geserick. Also Kooperation statt Rebellion. Der Kuschelkurs muss allerdings nicht heißen, dass sich alle Heimkehrer wieder von ihren Erzeugern um- und versorgen lassen. Viel häufiger beobachte man eine neue Generationensolidarität: "Manchmal leben junge Erwachsene zu Hause, um ihre Eltern zu unterstützen. In diesem neuen Familienverhältnis hilft jeder jedem – in praktischen wie emotionalen Dingen. Den Trend zu Mehrgenerationenhaushalten und ähnliche Projekte finden wir gut, Bumerangkinder und Nesthocker aber verurteilen wir. Warum eigentlich? Ich mag den Begriff ‚Erwachsenen-WG‘ und diese Art von partnerschaftlichem Miteinander", sagt Soziologin Geserick. Wieder bei den Eltern zu leben wird wohl nie unsere erste Wahl sein. Aber gut zu wissen, dass es keinen Grund gibt, sich als Bumerangkind zu schämen.

 

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