Zu Besuch bei Andrea Bocelli

Schon mit einer Sehschwäche geboren, erblindete er mit 12 Jahren nach einem Fußballunfall. Heute zählt er mit mehr als 100 Millionen verkauften Platten zu den erfolgreichsten Musikern aller Zeiten. Die WIENERIN hat Tenor Andrea Bocelli in seiner Villa an der toskanischen Küste besucht.

Es ist kurz nach 10 Uhr vormittags. Wir warten im Schatten einer großen Palme vor Andrea Bocellis Haus – na ja, Residenz trifft es wohl eher. Das zweistöckige ehemalige Hotel aus dem späten 19. Jahrhundert mit Blick auf das Tyrrhenische Meer steht am Boulevard, der parallel zum Strand von Forte dei Marmi verläuft. Bocelli ließ es renovieren, um es wieder in seiner einstigen Schönheit erstrahlen zu lassen.

Der erblindete Tenor, der schon mehr als 100 Millionen Platten verkauft hat, residiert in guter Gesellschaft. Seit jeher haben sich neben den Adelsfamilien aus Italien viele berühmte Künstler hier angesiedelt. Bildhauer Henry Moore, Komponist Giacomo Puccini und nicht zuletzt der Mann, der Pinocchio erschuf, Carlo Collodi.

Ah, da kommt jemand. Alessia, Andrea Bocellis Assistentin, begrüßt uns und zeigt den Weg durch das schmiedeeiserne Tor. Wir fahren in den weiß gekieselten Hof und dürfen gleich neben Andreas Tesla Roadster, einem Elektro-Sportwagen, einparken.

Im Haus selbst ist es kühl, es riecht nach einer Mischung aus Blüten, Möbelpolitur und frischer Meeresluft. Wir werden durch ein geräumiges Vorzimmer in ein helles Patio-Zimmer im linken Flügel des Hauses geführt. Es hat eine niedrigere Decke aus Terrakotta-Fliesen und dunklen Balken, die typisch für diese Region sind.

Für Bocelli typisch scheinen hingegen die vielen Instrumente, die hier wie Möbelstücke stehen – Schlagzeug, Saxophon, Gitarre. An den Wänden hängen Bilder, viele zeigen auch den Maestro selbst. Andrea auf dem Pferderücken, Andrea in romantischen Posen mit seiner Frau Veronica, Andrea auf Besuch bei Papst Franziskus. In der gegenüberliegenden Ecke des Wohnzimmers, mit Blick auf die Gartenterrasse und einen großen Pool, steht ein schwarzer Steinway-Flügel.

Und dann kommt er. Andrea Bocelli wird von seinem Bruder Alberto in den Raum geführt, sie lachen gerade herzhaft über irgendwas. Wir haben Mozart-Kugeln in Porzellantassen und für seine Frau Veronica eine Einkaufstasche mit dem „Kuss“ von Gustav Klimt mitgebracht. Zugegeben, ein bisschen klischeehaft, aber die Wahl war dennoch passend. Andrea liebt die „Pale di Mozart“, wie er sie lachend nennt.

Guten Morgen, Mr. Bocelli. Wäre es in Ordnung, das Interview auf Englisch zu führen?

Wenn es kein Problem für Sie ist, dass ich Italienisch bevorzugen würde, dann schon. Auf Englisch kann ich einfache Dinge sagen, wie beispielsweise „Ich friere“ oder „Ich bin durstig“, aber wenn ich intelligente Sachen sagen soll, wäre es mir lieber, Italienisch zu sprechen.

Va bene, dann also Italienisch. Mit Ihren Liedern berühren Sie viele Millionen Menschen. Was inspiriert Sie dazu, diese Lieder zu schreiben?

Meine Inspiration ist das Leben, weil ich das Leben liebe. Ich liebe es, 360 Grad zu leben. Ich liebe Pferde, aber auch Musik, die Natur oder auch nur ein Abendessen mit Freunden zu organisieren. Ich denke, es ist wichtig, das Leben zu erleben und daran zu wachsen, von unseren Erfahrungen zu lernen. Das Leben ist doch wie ein Freund, der nie lästig ist.

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Neben den Liedern ist es vor ­allem Ihre Stimme, die Ihre Fans so an ­Ihnen lieben. Wo haben Sie denn so singen gelernt?

Singen ist etwas, was man nie aufhört zu lernen, denn unsere Stimme verändert sich jeden Tag und das stellt einen immer wieder vor neue Probleme, die es zu überwinden gilt. Daher ist das Gesangsstudium ein Prozess ohne Pause. Aber meine ersten Schritte im Gesang machte ich, als ich begann, mir CDs anzuhören. Meine Leidenschaft wurde von CDs der großen Sänger des 20. Jahrhunderts, wie beispielsweise Caruso, geweckt. Danach begann ich meine akademische Ausbildung mit einem großartigen Lehrer, Maestro Luciano Bettarini. Ich arbeitete noch mit vielen anderen Lehrern, unter anderem mit meinem Langzeitlehrer Franco Corelli. Darüber hinaus nahm ich Kurse bei tollen Sängern, zum Beispiel Paolo Washington.

Sie sind ein echter Maestro – wie kam es dazu?

Vor etwa zwei Jahren begann ich meiner musikalischen Karriere einen offizielleren Titel zu verleihen. Ich fing an, das Konservatorium, an dem mein Sohn Klavier studierte, regelmäßig zu besuchen und beschloss, auch mein Diplom dort abzuschließen. Doch das Musikstudium hatte sich verändert – heute schließt man nicht bloß mit einem Diplom, sondern mit einem Laureat ab. Deshalb bin ich jetzt ein legitimer Maestro. Davor nannten mich die Leute zwar auch schon Maestro, doch richtig war das eigentlich noch nicht.

Maestro Bocelli, wir sitzen hier in Ihrer Heimat, der Toskana. Welcher ist denn Ihr Lieblingsort?

La Sterza, definitiv. Ich liebe natürlich die ganze Region (Versilia/Lajatico oder eigentlich Toskana), aber La Sterza (Lajatico) ist mein Lieblingsort. Ich glaube, dass der Ort, an dem man geboren wird und aufwächst, meist alle notwendigen Bedingungen erfüllt, die sowohl spirituelles als auch physisches Wachstum erlauben. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant etwa blieb sein ganzes Leben lang in Königsberg, doch Menschen aus aller Welt kamen, um ihn zu besuchen und so musste er nie reisen, um zu wachsen. Vor ihm haben auch Aristoteles und Sokrates Großes erreicht, ohne dabei weit zu reisen. Ja, und auch Jesus sollte man nicht vergessen.

Jesus? Warum Jesus?

Na ja, er reiste nur so weit, wie er zu Fuß gehen ­konnte, doch seine Worte haben doch viele Grenzen überschritten. Ich bin eigentlich viel mehr durch die Welt gereist, als ich wollte, und bin kein besonders begeisterter Tourist. Trotzdem ist für mich wichtig: Wann immer ich einen neuen Ort besuche, öffne ich mich für neue Erfahrungen und bin – wie jeder Italiener – glücklich, diese dann mit meiner Familie zu teilen.

Welche Orte in der Toskana würden Sie also besonders empfehlen?

Das klingt vielleicht banal, aber ich denke, es ist am besten, wenn Sie einfach spazieren gehen. Die Toskana ist so reich an Geschichte und an wunderschönen Orten.

Obwohl Sie selbst sagen, nicht gern zu reisen, gehen Sie segeln. Ist das Meer eine Leidenschaft?

Auf jeden Fall! Ich bin glücklich an der Küste zu leben und finde das sehr bereichernd. Beschlossen, hier zu leben, habe ich aber auch deshalb, da mir die Meeresluft gesundheitlich wirklich guttut.

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Erst im vergangenen November waren Sie zu Gast in Wien. Mögen Sie die Stadt?

Absolut, Wien ist auf so vielen Ebenen ein stimulierender Ort. Es ist eine Stadt der Kunst, der Musik und der Pferde – alles Dinge, für die ich eine Leidenschaft habe.

Die WIENERIN feiert heuer ihr 30-Jahre-Jubiläum und hat 2015 zum Mut-Jahr erklärt. In welchen Situationen haben Sie sich selbst – auch als blinder Mensch – bewiesen, mutig zu sein? Beim Autofahren?

Na ja, heute ist Autofahren nicht mehr wirklich eine Herausforderung, da moderne Technologien einem viel Unterstützung anbieten, auch für einen blinden Menschen wie mich. Auf experimenteller Ebene ist das Fahrzeug, das keinen Fahrer mehr braucht, bereits Wirklichkeit. Als ich allerdings ein Jugendlicher war, hatten wir all diese technologischen Hilfen nicht. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie ich zusammen mit meinem Freund Adriano eine Vespafahrt machte, bergab auf zwei Rädern auf der Serpentinenstraße Richtung Lajatico. Ich fuhr und Adriano saß hinter mir als mein Navigator. Mamma mia!

Was bedeutet Mut für Sie?

Ich denke, dass diejenigen, die ihre Ängste überwinden, mutig sind, nicht diejenigen, die keine haben. Es ist auch wahr, dass Angst nur überwunden werden kann, indem man sich der Gefahr stellt. Ich verbrachte meine Jugend diesem Motto entsprechend … Ich war relativ rastlos als Junge und entwickelte Freude an Herausforderungen, indem ich genau das machte und, wenn möglich, besser als ­andere, mit großer Opferbereitschaft, wovon mich meine Eltern und andere Menschen, die mich liebten, abhalten ­wollten.

Sie haben sich aber nicht abhalten lassen, oder?

Nein, auch später als junger Mann, als ich noch immer weniger Verantwortung hatte, ließ ich mir starke emotionale Erfahrungen nie entgehen: Ich ging Fallschirmspringen, Wasserskifahren und erlebte den Nervenkitzel von Geschwindigkeit. Jetzt versuche ich, etwas weiser zu sein, ein bisschen vernünftiger. Aber natürlich trage ich noch immer Neugierde, Leidenschaft und vielleicht ein klein wenig Leichtsinn in mir. Ich will mich nicht einschränken und will das Leben in vollen Zügen leben. Es gibt so viele Dinge, die ich mag, und ehrlich gesagt, kann ich Menschen nicht verstehen, die nur einer Leidenschaft nachgehen. Ich liebe es, zu reiten, genauso wie zu segeln oder zu schwimmen, und ich bin auch ein großer Fan von Fußball und Boxen. Ohne Leidenschaft – und ein bisschen Mut – wird man nicht viel erreichen. Und definitiv nicht gut singen.

 

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