Zenebech, die Kürbisqueen

Zenebech Wosen Obena hat durch einen Gemüsegarten die Weichen für die Zukunft in ihrem Dorf neu gestellt. Warum ihr Kürbis, Mangold und Co die Welt bedeuten und Kaffeekochen in Äthiopien Kraft und Geduld verlangt? Die WIENERIN hat es vor Ort für Sie herausgefunden.

"Kolfii Kolfii“, ruft Zenebech Wonsen Obena, als ich ein Foto von ihr machen will. Das ist Oromiiffaa, eine der vielen Sprachen Äthiopiens und es bedeutet „lachen“. Das tut sie unentwegt, auch während sie die Kaffeebohnen in ihrer Hand begutachtet. Sie ist eine Lustige. Sie lacht von einem Ohr zum anderen und zeigt dabei ihre schneeweißen Zähne.

Organisationstalent

Die 35-Jährige lebt mit ihrem Mann Jonse und ihren fünf Kindern in Dedeba, einem kleinen Dorf im Herzen Äthiopiens. Es liegt auf einem Hochplateau im Projektgebiet "Abunde Ginde Beret" von Menschen für Menschen (MfM) und ist nur 180 Kilometer von der Hauptstadt Addis Abeba entfernt, trotzdem hat das Leben hier seinen eigenen Rhythmus. Sogar der Kaffee hat einen.

Zenebech hat aus Rindenstücken und trockenen Zweigen geschickt ein Feuer gemacht. Der erdige Boden ist trocken und fest, zusammengetrampelt von vielen Füßen. Heute findet hier ein Kochkurs statt. Wie es dazu kam, möchte ich von ihr wissen. „Ich habe den MfM-Entwicklungsbeauftragten in meiner Gemeinde angesprochen und dann einen Hauswirtschaftskurs besucht“, erzählt Zenebech.

Die 26-jährige Kidist Abere ist eine dieser MfM-Projektbeauftragten für Soziales und Entwicklung. Sie ist für die Logistik und Organisation der Trainings verantwortlich und erklärt deren Hintergrund: „Traditionell wird in der Gegend Getreide wie Teff oder Sorghum, beides Hirsearten, angebaut. Meist stehen Injera, gesäuertes Brot, und eine scharfe rote Sauce namens Shiro auf dem Speiseplan. Fleisch können sich die wenigsten leisten, Mangelerscheinungen sind häufig.“

Um eine ausgewogene Ernährung zu ermöglichen, hat MfM gemeinsam mit den Frauen der Region begonnen, Gemüsegärten anzulegen. Wie man bewässert und Samen zieht, wie die unbekannten Gemüsesorten heißen und man sie kocht, lernt man in Kursen wie dem heutigen. „Viele Frauen kennen die neuen Gemüsesorten nämlich erst seit kurzem oder auch gar nicht. Sie wissen daher nicht, wie man daraus Essen zubereitet. Eine der Frauen hat ihren Mangold an die Kühe verfüttert, weil sie sich damit nichts anzufangen wusste“, erzählt Kidist. Jetzt verstehe ich, warum der Kurs wichtig ist: Altes Wissen ging verloren, vieles wurde nie kultiviert.

Nebenverdienst

Zenebech hat seit Mai einen eigenen Garten. „Ich habe sofort angefangen, Produkte aus meinem Garten zu verkochen: Kohl, Karotten, Mangold, rote Rüben und Kartoffeln.“ Der Eigenbedarf ist mehr als gedeckt, den Überschuss verkauft Zenebech auf dem Markt und hat sich so eine zusätzliche Einkommensquelle geschaffen. „Von der ersten Ernte habe ich Gemüse für 2.000 Birr (rund 77 Euro) verkauft!“

Heute muss Zenebech ihr Getreide nicht mehr verkaufen, um sich Öl oder Kaffee leisten zu können. „Wir verwenden es das ganze Jahr über für uns selbst. Hin und wieder leiste ich mir etwas extra für die Kinder und demnächst werden wir uns Hühner anschaffen.“ Die Frau hat einen Plan. Und das sehe ich ihr auch an.

Der weite Weg des Wassers

In einer kleinen Pfanne röstet Zenebech gerade grüne Kaffeebohnen über dem Feuer, bis sie schwarz sind. Ein herber Duft steigt mir in die Nase. Um Kaffee zu kochen, benötigt Zenebech Wasser. Doch Wasser zu holen, dauert jeden Tag bis zu drei Stunden. Der Weg ist weit, ein Stück hinunter ins Tal, oft muss sie an der Quelle lange warten, bis sie an der Reihe ist. Die Wasserkanister tragen die Frauen dann auf dem Rücken nach Hause.

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Ein Kanister fasst 25 Liter – ich selbst kann ihn gerade einmal hochheben. Aber tragen? Und das mehrere Kilometer weit? Nie und nimmer. Auf dem zerklüfteten Hochplateau müssen Höhenunterschiede von 800 bis 1.000 Meter überwunden werden. Barfuß oder in schlechten Schuhen. Die Steine sind spitz, die Wege steil, die Sonne heiß.

„Es ist besser, gleich in der Früh Wasser zu holen, später in der Sonne verdunstet es beim Wässern so schnell. Daher muss ich im Dunkeln losgehen, dann ist es noch eiskalt draußen“, meint Zenebech. „Ich brauche fast 100 Liter täglich, für den Garten und für unseren 9-Personen-Haushalt. Meine Schwiegereltern leben auch bei uns.“ Mittlerweile kann sie das Wasser oft mit Eseln holen. „Aber es ist sehr schwer, die Kanister auf die Esel zu hieven.“

Schwerer Alltag

Heute hat Zenebech Glück, einige Frauen haben Wasser mitgebracht. An die sechzig tummeln sich bereits im Hof. Es wird geplaudert und gelacht, eine kurze Auszeit vom sonst sehr harten Arbeitsalltag. Holzsammeln gehört nämlich auch zu den Aufgaben der Frauen. Und ohne Holz kein Feuer, ohne Feuer kein Essen. Für die Mehrheit der 94 Millionen Äthiopier ist das offene Feuer der Herd. In der Früh, mittags und abends.

Es überrascht mich daher nicht, dass Äthiopien nur noch 12 % an Waldflächen besitzt. Wenn ich genau hinschaue, sehe ich die Folgen der Erosion. Überall. Die Risse und Spalten in der blutroten Erde. Felder, Wege, Hügel – all das rutscht irgendwann einfach davon. Und mit ihnen die Lebensgrundlage der Landbevölkerung.

Kaffeekränzchen

Endlich sind genug Bohnen geröstet. Mit gleichmäßigen kräftigen Armbewegungen pulverisiert Zenebech sie in einem Mörser zu dem, was ich daheim beim Billa im Packerl kaufe. Wie ein Uhrwerk fährt der Stößl mit einem stampfenden Geräusch auf die Bohnen. Das ist der Rhythmus, den der Kaffee hier hat.

Zenebech hat den gemahlenen Kaffee in eine bauchige Kanne mit langem, schmalem Hals gefüllt. Jetzt muss der Kaffee mehrere Male aufkochen. Als würde ein kleiner Vulkan Lava speien, schießt die schwarze Flüssigkeit immer wieder aus der Kanne heraus. Zenebech ist zufrieden und schenkt das kochend heiße Getränk geschickt in die kleinen Tassen ein.

Zurück zum Ursprung

Der Kaffee wird schwarz getrunken, mit einer guten Portion Zucker. Und er ist köstlich. Mir kommt es vor, als wäre es der beste, den ich je getrunken habe. Vielleicht ist das ja tatsächlich so. Slow Coffee in seiner ursprünglichsten Form.

Inzwischen wird hinter mir an fünf Kochstellen geröstet, gebraten und gerührt. Berge von Gemüse sind geschält und geschnipselt. Gelbe Kartoffeln, weißer Kohl, blutrote Rüben, Karotten in Dunkelorange, grüner Mangold, violette Zwiebeln und scharfe grüne Chilischoten, die eher wie harmlose Paprikas aussehen. Einige der Frauen haben mehrere kleine Feuer entfacht, auf den improvisierten Dreibeinen wird in großen Töpfen Palmöl angeschwitzt. Kidist beobachtet alles ganz genau, mal wird hier nachgewürzt, mal dort Feuerholz nachgelegt. Über der Menschenschar hängt eine beißende Rauchwolke, die mir in den Augen brennt.

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Kleine Träume

Mit tränenden Augen frage ich Zenebech, was Glück für sie bedeutet. „Das Gemüse macht mich glücklich. Früher musste ich auf die Regenzeit warten, und wir konnten nur einmal im Jahr etwas ernten. Zwei- bis dreimal im Jahr Gemüse zu ernten, das ist etwas ganz Neues in meinem Leben. Durch das Gemüse hat sich bei uns vieles verändert.“ Einzig und allein von einer Tröpfchenbewässerung träumt Zenebech noch. Sie hat auf ihrem Grundstück gegraben, aber leider kein Wasser gefunden. Aber aufgeben möchte sie nicht. „MfM hat mir versprochen, mich dabei zu unterstützen.“

Das Essen ist fertig. Yadeshi, eine ältere Nachbarin, bringt einen Berg an Injera und stellt es auf den einzigen Tisch. Auf dem dünnen, von der Konsistenz her palatschinkenähnlichen Brot wird schöpferweise das Gemüse platziert. Es gibt Karotten-Kohl-Salat, Rote Rüben mit Kartoffeln, scharfe grüne Pfefferoni mit Zwiebeln und Mangold. „Mein Lieblingsgemüse ist der Mangold“, erzählt Zenebech, während sie sich eine gute Handvoll davon in den Mund stopft. Wie schmeckt das Gemüse eigentlich deinem Mann, frage ich. „Mein Mann liebt unser Gemüse! Er ist sehr stolz auf mich. Und meine Kinder auch!“

Kürbisqueen

Zenebechs Ehemann Jonse hat Apfelbäume gepflanzt. „Er ist ein guter Mann! Er hilft mir oft im Garten. Ich habe ihm gesagt, er solle bei MfM ein Training machen und er hat schließlich auf mich gehört. Jetzt kennt er sich mit Apfelbaumpflanzung und -aufzucht aus.“

Wenn Zenebech erzählt, spürt man richtig, wie begeistert sie von den Neuerungen ist. Das ist ansteckend. Zum Schluss möchte sie mir noch ihren „Riesenkürbis“ zeigen. Und tatsächlich: Gäbe es in Äthiopien bereits einen Staatsmeistertitel für den größten Kürbis, Zenebech hätte ihn gewonnen. Ich hoffe, er schmeckt so gut, wie er aussieht und macht lange satt.

„Ich wünsche mir, dass ich auch das Leben der anderen in der Zukunft verändern kann“, sagt Zenebech. „Nicht nur meines, sondern auch das meiner Kinder. Ich wünsche mir, dass sie ihre Ausbildung komplett abschließen können und sich ihr Leben verbessern wird.“ Die Nachbarschaft hat Zenebech schon für die Gemüsegartenidee begeistert. Und sie ist stolz darauf, ein Vorbild zu sein: Denn in der Selbstvermarktung ist Zenebech ihren Nachbarinnen weit voraus. Als ich bei der 50-jährigen Yadeshi im Nachbarsgarten stehe und sie mir eine mickrige Karotte aus dem Eigenanbau vor die Nase hält, eilt Zenebech schon schnellen Schrittes herbei. „Was ist mit dir, alte Frau?“, brüllt sie über das Meer an Kohlköpfen. Und ehe Yadeshi es sich versieht, drückt ihr Zenebech einen ganzen Strauß Karotten in die Hand. „Kolfii Kolfii“, ruft sie und zwingt mich, mindestens zwanzig Fotos von Yadeshi zu machen.

Natürlich müssen jetzt alle lachen, aber das schönste Lachen hat Zenebech. Das Lachen einer Frau, die noch viele Pläne für die Zukunft hat.

 

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