Zeit für schrägen Bahö

Wenn Quetschn und Synthesizer, schlaue Texte und lässige Musiker aufeinandertreffen, will die WIENERIN mitreden. Wir haben die folkshilfe zum Interview getroffen.

Zugegeben: Das folkshilfe-Video zu "Mir laungts" könnte einen auf die falsche Fährte locken. Drei auf Volksmusikanten gestylte Traumschwiegersöhne mit Föhnwelle vor heiler Bergkulisse. Doch halt! Der Sound der folkshilfe ist anders. Die WIENERIN hat mit den drei Oberösterreichern und Teilnehmer für den ESC-Vorentscheid 2015 über ihr neues Album mit dem treffenden Titel "Bahö" gesprochen.

WIENERIN: Ihr seid alle drei aus dem Raum Linz und singt im Dialekt. Einer der neuen Songs am Album heißt „Mir laungts“. So spricht aber doch keiner in Oberösterreich. Habt ihr da so eine Art Kunstsprachen-Dialekt für euch kreirt oder wie kommt das?

Paul Slaviczek: Stimmt, auf oberösterreichisch sagt man „mir reichts“. Nach einem Gig in Bayern hat ein Konzertbesucher auf unsere Frage, wie es bei ihm so läuft geantwortet: „Mir laungts, dass i woas, dass i kannt, wann i mecht“. Das hat uns ziemlich getaugt. Gabriel hat dann gleich das Handy genommen und den Spruch aufgenommen, wir haben ihn ein bissl abgewandelt und so ist dann der Songtext entstanden.

WIENERIN: Wie ist der normale Arbeitsprozess?

Paul: Alles, was uns einfällt, was wir wo hören und wovon wir denken, dass es vielleicht was hergibt, landet einmal in einem Dropbox-Ordner. Wir alle sind gleichermaßen am kreativen Prozess beteiligt und geben unseren Senf dazu.

Florian Ritt: Wir sehen uns fast täglich, am Vormittag erledigen wir viel Organisatorisches, nachmittags sind wir meistens im Proberaum. Viel entsteht auch im „einfach Tun“, wir greifen spielerisch auf, was gerade so passiert, was uns gerade durch den Kopf geht.

Gabriel Haider: Im besten Fall entsteht dann ein neuer Song.

WIENERIN: Live-Band oder Studio-Tüftler: Wo ist die folkshilfe daheim?

Gabriel: Wir lieben es auf der Bühne zu stehen. Mit dem Publikum zu interagieren, das macht uns total Spaß und gibt uns extrem viel Energie. Wir sind aber auch total gerne im Studio, wir proben viel und sind da auch ganz perfektionistisch.

Florian: Wir machen, wenn man das so sagen kann, handwerklich gute Musik. Das Album haben wir drei ganz allein ohne weitere Studiomusiker eingespielt. Wir haben alle Musik studiert. Die folkshilfe ist unser Herzensprojekt, da können wir machen was wir wollen. Es mag jetzt vielleicht pathetisch klingen, aber was da gerade passiert, ist wirklich ein großes Geschenk.

Paul: Wir ändern auch immer wieder mal ab und probieren Neues aus. Es taugt uns einfach wahnsinnig zusammen zu spielen. Ob jetzt Publikum dabei ist oder nicht. Wobei es natürlich schon sehr geil ist, wenn wir andere begeistern.

WIENERIN: Als Trio bestehend aus Quetschn, Gitarre, Schlagzeug wird man schnell in eine Schublade gesteckt. Wie würdet ihr denn eure Musik beschreiben?

Florian: Wenn die Leute eine Quetschn sehen, haben sie oft eine bestimmte Vorstellung, was jetzt kommen wird – und dann sind sie überrascht, weil wir halt einen anderen Sound haben. Wir haben Quetschn und Synthesizer und singen im Dialekt, unsere Musik lässt sich in kein Genre pressen.

WIENERIN:Auch von der Aufmachung her, würde man bei euch keine Dialekt-Sänger sondern eher eine hippe Indie-Band verorten.

Florian: Was ja nicht falsch ist. Wir sind ja auch independent, machen Pop und ziehen uns halt gern fesch an. Wir sind modern, authentisch, schräg und beweisen, dass die Steirische nicht nur in der traditionellen Volksmusik daheim ist. Ob auf der Straße oder beim Zeltfest – wir haben schon vor 20 bis Zehntausenden Menschen gespielt. Von jung bis alt, von konservativ bis alternativ, auch unser Publikum ist nicht zu kategorisieren.

Gabriel: Wir singen ja auch total gerne auf der Straße, vergangenes Jahr waren wir auch in Frankreich und Belgien unterwegs. Die Leute sind mitgegangen und haben eine Gaudi gehabt mit uns. Das beweist: Eigentlich ist es wirklich egal ist, in welcher Sprache gesungen wird.

Paul: Ich behaupte jetzt auch mal, dass die meisten die englischen Texte, die sie tagaus, tagein im Radio hören und teilweise mitsingen gar nicht verstehen.

WIENERIN: Wer sind eure musikalischen Vorbilder?

Florian: Wir haben alle einen unterschiedlichen musikalischen Background, da sind unsere persönlichen Vorbilder verschieden. Dadurch profitiert auch unsere Partie, wir greifen Einflüsse auf und lassen es in unsere Musik einfließen. Wir lassen uns da auch auf gar kein Genre einschränken, sondern machen, worauf wir Lust haben.

Paul: Traditionen ins Jetzt zu übersetzen ist ja auch vor uns schon vielen Künstlern wie Hubert von Goisern, Attwenger oder den Ausseer Hardbradlern gelungen.

WIENERIN: Wie war die Arbeit am neuen Album „Bahö“- und warum der Name?

Gabriel: Im Grunde arbeiten wir seit dem ersten Album „mit F“ an unserem zweiten Album, der Arbeitstitel war „mit Ecken und Kanten“. Das letzte Jahr haben wir uns sehr intensiv mit den neuen Liedern auseinandergesetzt.

Florian: „Bahö“ ist als großes Ausrufezeichen der Band zu verstehen. Die Lautmalerei taugt uns, „Bahö“ klingt einfach gut.

WIENERIN: Gibt es einen Lieblingssong?

Paul: „Maria Dolores“ … die schönste Stimme des Jugendchores, der Song groovt so richtig. Der kommt live extrem gut an und macht mir immer gute Laune.

Florian: Für mich ist das auch ein echter Augenzwinker-Song in bester folkshilfe-Manier. Das Album insgesamt ist Vollgas und intim, es geht um die Liebe und Beziehungen, ums Scheitern und Aufpudeln. Wer bei „Gemma“ oder „So bitte ned“ genau hinhört, erfährt, wie wir politisch denken.

Gabriel: Ich würde jetzt mal sagen, es ist ein sehr hörbares Album, jeder Song steht für sich. Und alle zehn sind natürlich super!

WIENERIN: Euer Musikvideo zu „Mir laungts“ ist in bester „Amigos“- „Nockis“- oder „Paldauer“-Ästhetik. Eure Fans auf Facebook meinen, so gibt’s garantiert eine Einladung in die Schlagersendung von Florian Silbereisen. Wäre das was für euch?

Paul: Das Video ist natürlich Satire pur, wir wollten einfach was Lustiges machen und hatten eine Mordsgaudi.

Florian: Wir wollen uns weder über jemanden lustig machen, noch jemanden verletzen. Jede Musik hat, wenn sie ehrlich gemacht ist, ihre Berechtigung. Ob wir zum Silbereisen passen? Wohl kaum! Dann würde dort ja tatsächlich einmal jemand live spielen ...

WIENERIN: Fernsehsendung per se sind jetzt aber nicht tabu für euch. Ihr wart ja auch beim ESC-Vorentscheid 2015 mit dabei. Wie war das?

Florian: Wir wurden vom ORF eingeladen beim Vorentscheid mitzumachen. Wir dachten, das ist eine super Gelegenheit zu schauen, wie die Welt auf das skurrile Trio reagiert. Wir haben es geschafft, unsere musikalische Bandbreite zu zeigen.

Gabriel: Ich glaube wird wurden teilweise unterschätzt und es war dann schon sehr lässig, dass wir es bis ins Finale geschafft haben.

WIENERIN: Ihr geht jetzt mit dem Album auf Tour. Worauf freut ihr euch am meisten?

Paul: Wir verbringen ja jetzt auch schon sehr, sehr viel Zeit miteinander, aber Tour ist wieder was Anderes. Man kann davon ausgehen, dass jedes Konzert anders sei wird.

Florian: Es wird spannend. Die Leute haben jetzt hoffentlich das Album zwei Monate lang rauf- und runtergehört und jetzt räumen wir ordentlich zusammen.

WIENERIN: Gibt es gewisse Rituale, die ihr vor einem Auftritt habt?

Gabriel: So ein Tour-Leben ist ja meistens ganz schön anstrengend. Wir verbringen oft stundenlang im Auto, dann gibt es Pressetermine, Aufbau, Soundcheck und so weiter. Kurz vor dem Auftritt nehmen wir uns ein paar Minuten um uns zu synchronisieren.

Florian: Das klingt jetzt ein bisschen esoterisch, aber das ist uns total wichtig. Dass wir uns energetisch aufladen und uns voll und ganz auf das konzentrieren, was jetzt kommt.

WIENERIN: Wohin geht die Reise der folkshilfe?

Florian: Der Fokus liegt aber im Jetzt. Wir können von unserer Musik leben, wie cool ist das? Es passiert soviel Gutes. Natürlich wäre es fein, einmal Headliner bei einem großen Festival zu sein oder eine Olympia-Halle zu rocken. Mal schauen, was kommt. Wir bringen jetzt mal die alpine Pop-Musik ins neue Jahrhundert.

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