Zeigen Sie doch mal: Wie transparent ist die Schmuckbranche wirklich?

EINBLICKE. Transparent ist das neue Grün, sagen neueste Studien über die Bedürfnisse von VerbraucherInnen. WIENERIN-Modechefin Valerie Zehethofer konnte einem Big Player der Schmuckbranche in Thailand auf die Finger schauen.

Pandora, Schmuck, Herstellung, Nachhaltigkeit

Die Stimmung in der Kantine der Pandora-Produktionsstätte in Lamphun ist aufgekratzt. Es ist der Donnerstag vor dem traditionellen Songkran-Festival - eine der wichtigsten Feierlichkeiten hier in Thailand. In ein paar Stunden werden für einen großen Teil der ArbeiterInnen die Ferien beginnen, die Produktion wird dann für einige Tage heruntergefahren. Manche werden die Zeit nutzen, um sich auf den Straßen der nahe gelegenen Großstadt Chiang Mai wilde Wasserschlachten zu liefern -ein Ritual der thailändischen Neujahrsparty. Andere werden zu ihren oft viele Hunderte Kilometer entfernt lebenden Familien fahren. Onuma Nonting ist eine von ihnen. Die 34-Jährige arbeitet seit zehn Jahren für den Schmuckhersteller und leitet ein Team, das sich mit dem Emaillieren von Schmuckstücken beschäftigt. Ihre Familie besucht sie höchstens dreimal pro Jahr. Dennoch, so erklärt sie, könne sie sich kaum noch vorstellen, woanders zu arbeiten. Im Gegenteil, sie sagt: "Ich wünsche mir, hier weiter aufzusteigen, noch mehr Verantwortung zu übernehmen."

WORTE UND TATEN. Das dänische Unternehmen Pandora zählt zu den größten Schmuckherstellern der Welt. Im Jahr 2005 eröffnete Pandora die erste Fabrik in Thailand. Heute arbeiten rund 13.000 Menschen in den beiden Produktionsstätten in Bangkok und Lamphun. Etwa 1,7 Billionen Steine wurden 2018 verarbeitet, und das beinahe zur Gänze in Handarbeit; jedes Schmuckstück wird im Schnitt von etwa 30 Menschen bearbeitet. Das ist beeindruckend, unterscheidet Pandora aber nicht wesentlich von seinen Konkurrenten. Es ist etwas anderes, das die Dänen von vielen Big Playern der Industrie abhebt -nämlich die Tatsache, dass sie sich früh dazu entschlossen, ihre gesamte Wertschöpfungskette selbst überblicken zu wollen. Genau das ermöglicht ihnen nun jene Offenheit, die für Unternehmen immer entscheidender wird.

Wir sehen, dass sich immer mehr Modeunternehmen dafür interessieren, wie man sein Business nachhaltig führen kann.

von Vita Clausen, Head of Global PR bei Pandora

Transparenz ist das neue Grün - zu diesem Schluss kommt das Update 2019 der Studie Pulse of the Fashion Industry. Große Worte reichen demnach nicht mehr. KonsumentInnen - vor allem solche der jungen "Generation Z" - wollen Aufrichtigkeit und Tatsachen. Vita Clausen, verantwortlich für Pandoras weltweite Public Relations, beobachtet diese Tendenz seit Längerem: "Nachhaltigkeit war immer ein Teil unserer Markenidentität. Nicht, weil es gut für unser Marketing ist, sondern weil wir daran glauben, dass das richtig ist." Tatsächlich wirbt das Unternehmen kaum mit grünen Slogans, hält sich eher zurück, wenn es um die Kommunikation von Corporate-Responsibility-Themen geht. Dennoch oder gerade deshalb lädt Pandora seit Jahren Medien ein, seine Werke zu besichtigen, Fragen zu stellen, mit ArbeiterInnen zu sprechen. So auch an diesen schwül-heißen Apriltagen, an denen wir gemeinsam mit Journalistinnen aus Brüssel, Dubai, Amsterdam und München zu einer Tour nach Lamphun aufbrechen.

Schon beim Betreten der Anlage wird klar, dass man sich hier darüber Gedanken gemacht hat, welche Arbeitsumgebung man den Menschen bieten möchte: Viel Grün, viel Licht und Luft prägen die Gestaltung innen wie außen. Darüber hinaus wurde das Gebäude so konstruiert, dass der Verbrauch von nicht erneuerbaren Energien und Wasser möglichst gering bleibt. Als Mitglied des Responsible Jewellery Council muss Pandora regelmäßig einen Check durchlaufen, bei dem 120 Aspekte geprüft werden, von der Rohstoffbeschaffung bis hin zu arbeitsrechtlichen Kriterien.

So sind die Frauen und Männer hier etwa krankenversichert, arbeiten in Schichten, um Überstunden zu vermeiden, wechseln im Fall einer Schwangerschaft in weniger anstrengende sogenannte "Soft Jobs". Selbst Papa-Pausen und die Integration von Menschen mit Behinderung sind Thema. Letztere wird von der thailändischen Regierung ab einer gewissen Unternehmensgröße vorgeschrieben, erfahren wir von General Manager Lars Nielsen beim Rundgang durch die Fertigungshallen.

OFFEN UND EHRLICH. Dicht an dicht wird in diesen Hallen an filigranen Schmuckstücken gearbeitet, jeder Handgriff tausendfach wiederholt; nach einem straff organisierten Ablauf wird weitergereicht, was zum nächsten Fertigungsschritt kann. Dass letztlich das Streben nach Wirtschaftlichkeit und Profit auch in verantwortungsvoll geführten Unternehmen das Tempo vorgibt, darüber versucht man hier, so scheint's, gar nicht erst hinwegzutäuschen. Und auch, dass nicht alles perfekt läuft, legt man offen dar: Mit der Überproduktion, so Nielsen, habe man etwa immer noch zu kämpfen. Bisher werden etwa 90 Prozent der Produktionsabfälle wiederverwertet. Geringere Abfälle, geschlossene Kreisläufe wären das Ziel. Auch Verpackungen sind ein Bereich, den Pandora verändern möchte. Vor allem Pre-Consumer-Packaging - also Materialien, die für Logistik und Transport notwendig sind - erzeugen (noch) riesige Müllberge. Nielsen lässt sich geduldig ausfragen, erklärt dieses, zeigt jenes, sagt, dass er sein ganzes Leben in der Schmuckindustrie gearbeitet habe, doch erst, als er zu Pandora kam, erstmals das Gefühl gehabt hätte, hier ginge es nicht ausschließlich um Zahlen, sondern um Ideen, um Innovationen.

"Wo ist der Haken?", möchte man fragen, tut es dann aber doch nicht und akzeptiert, dass das hier vielleicht einfach ein gutes Beispiel dafür ist, wie Transparenz für die Großen der Branche funktionieren kann. Was diese Offenheit sichtbar macht und wie damit umzugehen ist, steht auf einem anderen Blatt.

 

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