#YouKnowMe: Schon wieder müssen Frauen von ihren Abtreibungen erzählen

Ein neues Gesetz soll den Zugang auf Schwangerschaftsabbrüche in den USA massiv einschränken. Und wieder müssen Frauen mit persönlichen Geschichten für ihre Rechte kämpfen.

Frauen protestieren für einen sichern und legalen Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen.

Der US-Bundesstaat Alabama hat ein Gesetz verabschiedet, das Schwangerschaftsabbrüche in beinahe allen Fällen verbietet. ÄrztInnen, die Abbrüche durchführen, drohen bis zu 99 Jahre Haft. Selbst bei Vergewaltigungen oder Inzest gibt es keine Ausnahme. Einem Vergewaltiger droht also eine geringere Strafe als einer Ärztin, die einer vergewaltigten Frau einen Abbruch gewährt. Tritt das Gesetz in Kraft, ist das Recht der Frau auf körperliche Selbstbestimmung passé.

Frauen nehmen diesen geplanten Einschnitt in ihre Rechte nicht still hin. Die Schauspielerin Busy Philipps hat auf Twitter dazu aufgerufen, unter dem Hashtag #youknowme Geschichten von Schwangerschaftsabbrüchen zu teilen. Und tausende Frauen antworten. Sie berichten in der ganzen Bandbreite, von alltäglichen Geschichten gerissener Kondome und sicheren Abtreibungskliniken bis hin zu traumatischen Erfahrungen mit "Engelmacherinnen" und Kleiderbügeln.

Abtreibungen gehören zur Lebensrealität von Frauen

Wir hören diese Geschichten nicht zum ersten Mal. Bereits 2015 sprachen Tausende in der Social-Media-Kampagne #ShoutYourAbortion offen über Schwangerschaftsabbrüche. Sie wollten mit der Vorstellung brechen, "dass Abtreibungen immer noch etwas sind, worüber man höchstens flüstern darf", sagte Amelia Bonow, einer der Iniatorinnen. Darum geht es jetzt auch Phillips und unzähligen anderen AktivistInnen und Medien, die seit Jahrzehnten über das Recht auf körperliche Selbstbestimmung berichten. Schwangerschaftsabbrüche gehören zu unserer Gesellschaft dazu. Sie haben, wenn man so will, eine lange Tradition in der weiblichen Menschheitsgeschichte. Frauen haben ungewollte Schwangerschaften immer beendet, sie werden es auch immer tun. Laut Schätzungen werden weltweit jeden Tag 70.000 unsichere Abtreibungen durchgeführt, besonders in Ländern mit strengen Gesetzen. Unzählige Frauen sterben an den Folgen dieser Abbrüche, sie gehen das Risiko dennoch ein. Es ist nie die Abtreibung, die verboten werden kann, sondern immer nur der Zugang zu sicheren und legalen Möglichkeiten.

Dabei gibt es nachweislich funktionierende Methoden, um die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche zu senken, etwa flächendeckenden und hochwertigen Sexualkundeunterricht und gratis Verhütungsmittel. Seit 2009 können sich Teenager ohne die Zustimmung ihrer Eltern im US-Bundesstaat Colorado gratis eine Spirale einsetzen lassen. Innerhalb von acht Jahren sank die Zahl der Teenagerschwangerschaften um 54 Prozent, die Zahl der Abtreibungen bei Teenagern um 64 Prozent - und damit auch die Kosten für den Staat. Es sind einfache Regelungen, die Frauen vor Armut schützen und ihre Lebensqualität steigern. Davon profitieren auch die späteren Kinder dieser Frauen. Aber um das tatsächliche Wohl und Recht von Frauen (oder Kindern) geht es AbtreibungsgegnerInnen nicht. Sie wollen Kontrolle. Wenn nötig, über die Hintertür, wie es im Fall von Alabama gerade versucht wird.

Ziel der Anti-Choice-Bewegung: Keine sicheren Abtreibungen mehr in den USA

Noch ist das Recht der Frau auf eine sichere Abtreibung durch ein Höchstgerichtsurteil aus dem Jahr 1973 gestützt (Roe vs. Wade). Das Gesetz in Alabama widerspricht also eigentlich der Verfassung - und könnte nun dazu führen, dass die Rechtssprechung des Höchstgerichts zu Fall gebracht wird. Es ist nicht der erste Angriff auf "Roe vs. Wade". Dank Donald Trumps Ernennung zweier erzkonservative Höchstrichter könnte es diesmal aber klappen. Und dann wären Abtreibungen in den USA wieder illegal.

Auch andere US-amerikanische Bundesstaaten sind gerade dabei, den legalen Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen enorm einzuschränken. Im Bundesstaat Georgia wurde soeben ein Gesetz beschlossen, das Schwangerschaftsabbruche verbietet, sobald der Herzschlag des Fötus zu hören ist. Das passiert normalerweise in der sechsten Woche, wo viele Frauen oft noch gar nicht wissen, dass sie überhaupt schwanger sind. Mississippi, Kentucky, Ohio, Missouri und Arkansas haben ähnliche Gesetze verabschiedet. In sieben der fünfzig Staaten gibt es nur noch eine Abtreibungsklinik.

Anti-Choice auf der ganzen Welt

International wird das Recht auf freien und legalen Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen von konservativen Parteien angegriffen. Polen hat eines der strengsten Abtreibungsgesetze Europas, jahrelange Protestbewegungen werden von der Politik weitestgehend ignoriert. In Deutschland versuchen Aktivistinnen vergeblich, das Werbeverbot für Abtreibungen zu kippen, das es fundamentalistischen AbtreibungsgegnerInnen möglich macht, Ärztinnen und Ärzte, die Abbrüche durchführen, anzuzeigen und gerichtlich verfolgen zu lassen. In Österreich wirbt indes die Initiative #fairändern für eine Beschränkung des Zugangs zu Abtreibungen unter dem Vorwand, sich für Behindertenrechte einzusetzen. Das ist ein ähnlich perfides Verhalten wie das Vorgehen im Bundesstaat Alabama. Und es ignoriert die Lebensrealität von Frauen komplett.

"Wir haben abgetrieben" prangte in schwarzen Lettern auf einem knallgelben Band auf der Titelseite des Stern 1971. Es ist eines der berühmtesten Cover der deutschsprachigen Medienlandschaft und das erste Mal, dass Frauen im deutschsprachigen Raum so öffentlich über ihre Schwangerschaftsabbrüche gesprochen haben. Sie gewährten einen tiefen Einblick in ihren höchstpersönlichen Lebensbereich, um dem "Gespenst" Schwangerschaftsabbruch ein menschliches Gesicht zu geben. Fast 50 Jahre später ist das leider immer noch notwendig, nicht nur hier, sondern überall auf der Welt. Mit intimen Offenbarungen bezahlen Frauen für eine Debatte um ihr Menschenrecht auf körperliche Selbstbestimmung. Sie machen sich angreifbar und verletzlich in einem System, das sie eigentlich schützen sollte. Ihre Geschichten sind tausende Male passiert, aber sie müssen immer noch erzählt werden. Wenn jene, die die Gesetze beschließen, nur zuhören würden.

 

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