Wusstest du, dass Wien einmal das Zentrum der Pornoindustrie war?

Begleite unsere Kolumnistin Janina auf ihrem privaten Streifzug durch die Filmgeschichte des erotischen Wiens. Sie erzählt von Pornokinos am Gürtel
und Brüsten auf der Budel.

Illustrierte Frau vor Erotikshop

Feminismus fickt. Ja, ich gebe es zu: Ich kaufe Literatur auch nach dem Titel. Im Fall des Buchs von Patrick Catuz, der gemeinsam mit Adrineh Simonian hinter Arthouse Vienna steckt, hatte ich Glück: Der*die Gestalter*in einer Plattform für anspruchsvolle Adult Movies erzählt die Geschichte des heimischen Sexkinos bis hin zur Debatte, ob Pornos auch gleichberechtigt gestaltet werden können.

Immerhin: Anfang des 20. Jahrhunderts war Wien das Zentrum der europäischen Pornoindustrie. Die damals kaum nennenswerte Branche wurde aufgemischt, als die Wiener Produktionsfirma Saturn (die erste, die es überhaupt in Österreich gab) begann, professionelle Erotikfilme zu produzieren – ohne Geschlechtsverkehr zu zeigen, aber mit einem gewissen Schmäh und viel nackter Haut. Der weibliche Körper war schon anno dazumal eine beliebte Angriffsfläche, im wahrsten Sinne des Wortes.

Glotzen statt greifen

Ich denke, die Wiener*innen spechteln gern – deswegen halten sich auch ein paar der berüchtigten Erotikkinos so hartnäckig. Was ­heute beinahe musealen Charakter besitzt, war in Zeiten vor Video, DVD, YouPorn und Virtual Reality ein beliebter Zeitvertreib für Notgeile und Neugierige. Mit 17 fiel ich in letztere Kategorie und schlich mit meinem Freund (und tatsächlich aufgestelltem Mantelkragen) in einen Lichtspielpalast am Währinger Gürtel. Auf "Mutprobe", nicht zur Erweiterung des sexuellen Horizonts – Mitte der 1990er war man in dem Alter noch ein Kind.

Die Mutprobe speicherte ich vorrangig visuell und olfaktorisch ab: Ich sah viel unscharfes Gezucke, ich roch viel metallisches Böckeln. Als dann die Liveshow begann, haben wir uns verschüchtert verkrümelt. Echter Sex ist im Vergleich zu abgefilmtem wie Rohkost: nicht immer leicht verdaulich. Und Pornografie fällt cineastisch betrachtet sicherlich unter Sci-Fi / Fantasy – alles ist möglich und das meiste überzeichnet. Finde ich okay. Für mich dürfen Pornos ruhig ihrem Klischee entsprechen – die Wirklichkeit ist mir wirklich genug.

Porno, politisch korrekt

Jahrzehnte nach meinem Kinobesuch wurde ich mit der Wirklichkeit von Annie Sprinkle konfrontiert – Ex-Pornostar, Künstlerin, überzeugte Feministin und Sexologin. Ihre Performance hieß Exposed und war dementsprechend detailreich; später legte Sprinkle in einer Bar ihre Brüste auf die Budel und lachte. Wien und Porno, das ging nie ohne Humor. Das hat sich geändert – zerredet, zerdacht, auf Niveau gebracht, erst ein bisschen zu Recht, dann ordentlich übertrieben. Dem Dreck wurde der Anspruch aufs Dreckig­sein genommen – the things we lost in the fire of political correctness. Andererseits: Heute steht dafür deutlich mehr Auswahl zur Verfügung, das Angebot erreicht sowohl Geilspechte als auch Feinspitze. Diversität eben – in allen Positionen.

 

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